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«Die Offenbarung» im Bachhaus

Robert Schneider las am Montag mit Musiksaal im http://www.bachhaus.de(Bachhaus Eisenach) aus seinem neuen Roman «Die Offenbarung». Die Plätze reichten kaum aus und gar zwei TV-Teams waren gekommen. «Ein Triumph hier lesen zu dürfen», so der Kommentar des Österreichers im Geburtshaus von Johann Sebastian Bach sein zu können. Vor vier Jahren sei er schon einmal, praktisch in geheimer Mission im Bachhaus gewesen. Für den musikalisch Rahmen der interessanten Veranstaltung sorgte Uwe Fischer, Museumspädagoge und Schneider musste selbst an der Orgel helfen. In der Pause bestand die Gelegenheit zur Besichtigung des Museums und eines realen Bach-Autographs.

Der Geschäftsführer des Hauses, Jörg Hansen, schrieb über Schneiders Buch eine Rezension:

Spätbarocke Offenbarung
Robert Schneiders neuer Bach-Roman hat es in sich – Lesung im Bachhaus Eisenach

Als im vergangenen Frühjahr Professoren der Leipziger Neuen Bachgesellschaft im Bachhaus Eisenach zusammenkamen, um vor spärlichem Publikum über den Menschen Johann Sebastian Bach zu diskutieren, geriet rasch eine Merkwürdigkeit ins Zentrum der Debatte: eine Schaffenskrise im Leben Bachs, die etwa 1735 einsetzte und bis zu seinem Lebensende 1750 anhielt. Sicher, es entstanden in dieser Zeit noch so wichtige Werke wie die h-Moll-Messe oder die «Kunst der Fuge». Aber welch ein Unterschied zum Beginn von Bachs Leipziger Amtszeit, als er in vier oder fünf Jahren über 300 Kantaten, Oratorien und Passionen schrieb, oder zum Anfang der 1730er Jahre, als Bach die Leitung des Collegium Musicum übernommen hatte und in Leipziger Konzertsälen, Kaffeehäusern oder unter freiem Himmel mit Cembalo- und Violinkonzerten brillierte und sein Publikum mit weltlichen Kantaten erheiterte. Was war der Grund für diese Krise? War es das Burn-Out-Syndrom, das den mit dem Lateinunterricht überforderten Thomasschullehrer lähmte? Gab es häusliche Konflikte, oder hatte sich Bach, angefeindet von Kollegen und Vorgesetzten, in seiner Kantorenwohnung in die innere Emigration begeben?

Doch was, wenn es gar keine Schaffenskrise gab? Was, wenn Bach in dieser Zeit gar sein Opus ultimum komponierte, den Höhepunkt seiner Kunst, und wir dieses Werk nur deshalb nicht kennen, weil es bis heute verschollen auf irgendeinem Dachboden schlummert? Diese Idee bildet den Hintergrund für Robert Schneiders fulminanten neuen Roman «Die Offenbarung».

Schneiders Hauptfigur ist Jakob Kemper, Organist der Naumburger Wenzelskirche, deren Orgel einst von Johann Sebastian Bach gemeinsam mit dem berühmten Orgelbauer Gottfried Silbermann geprüft wurde. Am Heiligabend 1992, kurz vor einer von der Leipziger «Bachgesellschaft» überwachten Orgelsanierung, findet Kemper unter einem morschen Brett seiner Orgel eine Tasche, die nicht nur Bachs Perücke enthält, sondern dazu ein Notenmanuskript, das sich als Bachs musikalisches Vermächtnis, seine Vertonung der apokalyptischen Offenbarung des Johannes-Evangeliums entpuppt. Kemper, der «Stümper», ein Gescheiterter, selbst dilettierender Bachforscher, aber verachtet von den Professoren der Bachgesellschaft, nimmt sich den Jahrhundertfund zunächst selbst vor: Er will ihm, bewaffnet mit mehreren Flaschen Rotwein, «zu Leibe rücken, ihn unter die Lupe nehmen, sezieren, nach allen Regeln der Kunst zerpflücken». Spätestens hier beginnt für den Bachfreund eine Zitterpartie voller Ängste, die sich natürlich alle bewahrheiten. Das Manuskript der Bachgesellschaft zu übergeben, kommt für Kemper nicht in Frage, noch nicht. Deren überhebliche Professoren, von Schneider teils frech nach realen Vorbildern gezeichnet und dabei bis ins schmerzhaft-groteske karikiert, haben ihre Liebe zur Bach-Musik längst verloren und den Fund gar nicht verdient, findet Kemper. Doch Bachs Offenbarung hat es in sich. Nicht nur lässt der spätbarocke Komponist sämtliche Konventionen seiner Zeit hinter sich, nimmt gar die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs vorweg, seine Musik erreicht vielmehr mystische Dimensionen und hält ihrem Hörer einen Zeit und Raum transzendierenden Spiegel der Selbsterkenntnis vor. Im Fegefeuer dieser Musik findet Kemper schließlich zu sich selbst.

Schneider, der 1992 mit «Schlafes Bruder» sein Aufsehen erregendes, von Joseph Vilsmaier verfilmtes Debüt vorlegte, hat mit «Die Offenbarung» erneut das Kunststück vollbracht, eine rasante Geschichte zu erzählen und zugleich die Tiefen menschlicher Existenznot auszuloten. Der spektakuläre Fund einer unbekannten autographen Bach-Komposition – der ja tatsächlich im Jahr 2005 dem Leipziger Promotionsstudenten Michael Maul gelang – eignet sich dabei vielleicht so gut wie nichts anderes für den Blick hinter wissenschaftliche und dabei zutiefst menschliche Erfolgs- und Allmachtsphantasien. In den tragikomischen Gestalten des Romans, zu denen im letzten Kapitel Bach selbst zählt, erkennt der Leser mühelos sich selbst. Mit seinen irrwitzigen Wendungen handelt es sich nicht zuletzt um ein immens unterhaltsames Buch, das nicht nur Bachfreunden zu empfehlen ist.

Jörg Hansen ist Geschäftsführer des Bachhauses Eisenach und Mitglied des Direktoriums der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig.

Robert Schneider im Bachhaus

Rainer Beichler |

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