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Marburgs Kommunalpolitiker Ubbo Mozer verstarb mit 66 Jahren

Wenn er über die Anfänge der Städtepartnerschaft zwischen Marburg und Eisenach berichtete, funkelten seine Augen. Diese Partnerschaft war ihm Herzenssache! Jahre vor dem Fall der Mauer gehörte der Marburger Kommunalpolitiker Ubbo Mozer zu den engagiertesten Streitern für eine Städtepartnerschaft zwischen den historisch eng verbundenen Städten. Gemeinsam mit dem damaligen Marburger Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler gehörte Ubbo Mozer, Mitglied des Marburger Stadtparlamentes und dessen stellvertretender Vorsitzender, zu den Vätern dieser Städtepartnerschaft. Ihre Unterzeichnung am 10.06.1988, also Jahre vor dem Ende der DDR, gehörte zweifellos zu den absoluten Ausnahmen in den frostigen Beziehungen zwischen den beiden Staaten im geteilten Deutschland.

Am Zustandekommen hat der Sozialdemokrat Ubbo Mozer gehörigen Anteil! Im Alter von 66 Jahren verstarb er am 29. Dezember 2001 in Marburg.
Jahre vor der politischen Wende gelang es Ubbo Mozer zweimal, Busfahrten des SPD-Stadtverbandes Marburg nach Eisenach durchzuführen. Er weckte damit das Pflänzchen Städtepartnerschaft. Marburger konnten einen Blick «hinter den eisernen Vorhang» werfen. Und diese Fahrten waren nicht ungefährlich, zudem äußerst strapaziös. Ubbo Mozer berichtete noch Jahre nach der Wende von den Schikanen an der innerdeutschen Grenze und der Angst, mit der «West-Zeitschriften» in den Osten geschmuggelt wurden. Er berichtete auch deshalb nach über 10 Jahren noch davon, um den Menschen in Marburg und Eisenach die Erinnerungen wachzuhalten und um die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes zu schätzen, trotz aller noch bestehender Unzulänglichkeiten. Er trat für das aktive Erleben dieser Städtepartnerschaft zwischen den Menschen in Marburg und Eisenach ein, stritt im Marburger Stadtparlament beispielsweise vehement für die finanzielle Unterstützung für die Sanierung des «Hellgrefenhofes».

Als sich Ende 1989 auch in Eisenach die SPD, damals noch unter SDP, wieder gründete, gehörte Ubbo Mozer zu den eifrigsten Aufbauhelfern. Die jungen Eisenacher Sozialdemokraten um Matthias Doht waren zwar mit heißem Herzen dabei, von praktischer Parteiarbeit und Kommunalpolitik in einer Demokratie hatten sie dennoch nur vage Vorstellungen. Ubbo Mozer half mit einfühlsamen Worten und legte seinen reichen Erfahrungsschatz offen. Er spielte nie den «Besserwissenden», er war ein meisterhafter Lehrer für die junge Eisenacher SPD. Oft weilte er mehr in Eisenach wie in Marburg. Schnell hatten die Eisenacher Sozialdemokraten ihren UBBO ins Herz geschlossen. Er, stets mit rotem Schal und schwarzen Hut, verkörperte das sprichwörtliche Bild des Sozialdemokraten.

Galt es 1990 erstmals ein Kommunalwahlprogramm zu schreiben, Ubbo Mozer stand der Eisenacher SPD mit Rat und Tat zur Seite. Gedruckt wurde es, natürlich, in Marburg. Die finanziellen Mittel der jungen Eisenacher SPD reichten bei weitem nicht aus. Ubbo Mozer sensibilisierte die Marburger SPD zu praktischer Hilfe. Im Büro der Eisenacher SPD in der ehemaligen Posthalterei, wo auch alle anderen neuen Parteien und Gruppierungen zunächst ein Domizil fanden, traf nahezu wöchentlich praktische Hilfe aus Marburg ein. Ubbo Mozer gehörte zu den engsten Vertrauten von SPD-Geschäftsführer Thomas Levknecht. Beide verband fortan eine enge Freundschaft. Levknecht war bei seinen Besuchen in Marburg immer wieder beeindruckt von Mozers schier unerschöpflichem Archiv und gleichzeitig begeistert von der schöpferischen «Unordnung» in seinem Arbeitszimmer. Ubbo Mozer half unbürokratisch. Er fragte nicht nach Paragraphen und Vorschriften, er tat es einfach. Bürokratische Fesseln waren ihm zutiefst zu wider.

Ubbo Mozer gehörte auch zu den ersten «Tröstern» und neuen «Mutmachern» als die ersten freien Wahlen zur Volkskammer für die SPD einen unerwarteten Ausgang brachten. Die sich anschließenden Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung in Eisenach brachten den Miteinzug ins Rathaus. Eine große Koalition aus CDU/SPD/FDP/BI Hofferbertaue übernahm die Verantwortung. Auch in den Jahren danach pendelte Ubbo Mozer zwischen Eisenach und Marburg. Ging es wieder gen Marburg, Ubbo Mozer hatte stets frische Brötchen aus einer Bäckerei in der Marienstraße und geräucherte Wurst aus der Innenstadt dabei. «Ohne das reise ich nicht zurück», lautete seine Devise.
Er engagierte sich vehement für die Gedenkstätte der deutschen Sozialdemokratie, den «Goldenen Löwen» in der Eisenacher Marienstraße. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der «August-Bebel-Gesellschaft», trat engagiert für den «Goldenen Löwen» als Begegnungsstätte ein. Er, der Sozialdemokratie zu seinem Lebenselixier gemacht hatte, wollte den Geist der «alten» Bebel und Liebknecht auch der heutigen Generation vermitteln.

Ubbo Mozer wurde 1935 in Amsterdam geboren, wohin seine Eltern vor den Nazis geflohen waren. Sein Vater war Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung. Jugend und Schulzeit verbrachte der junge Mozer in Bad Hersfeld. Nach dem Abitur 1956 kam er nach Marburg. Er studierte Germanistik und Geschichte an der Philipps-Universität, leitete u.a. die Ausgrabungen der Franziskuskapelle neben der Elisabethkirche in Marburg.

Seit 1974 war Ubbo Mozer in der SPD aktiv; zunächst im Marburger Stadtverbandsvorstand und ab 1981 im Stadtparlament, dem er bis 1997 angehörte. Sein politisches Engagement war geprägt vom Schicksal seiner Familie in Nazideutschland. Er machte deutlich, dass auch ein Kommunalpolitiker mit bescheidenen Möglichkeiten die Verpflichtung hat, sich gegen das Unrecht in der Welt einzusetzen. Die Kommunalpolitik in Eisenachs Partnerstadt Marburg hat mit Ubbo Mozer eine engagierte, fachkundige und kritische Persönlichkeit verloren. Die Eisenacher SPD hat einen engagierten, fachkundigen und kritischen Freund verloren. Die Städtepartnerschaft zwischen Eisenach und Marburg hat einen ihrer Väter verloren. Sie weiter mit Leben zu erfüllen, ist der beste Dank an Ubbo Mozer! Mit Gruß und Handschlag – Danke Ubbo Mozer!

Rainer Beichler |

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