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 | Bildquelle: Archiv Thomas Levknecht

Beschreibung:
Bildquelle: Archiv Thomas Levknecht

Das große Jubiläum – Vor 50 Jahren wurde Motor Eisenach
Deutscher Feldhandballmeister der DDR (1)

War das ein Paukenschlag, ein richtiger Hammer, am Nachmittag des 12.10.1958 vor 8000 Zuschauern im Kurt-Wabbel-Stadion in Halle. Im Finale um die Deutsche Feldhandballmeisterschaft der DDR triumphierte Motor Eisenach mit 13:11 (6:6) über den hoch favorisierten SC Empor Rostock. Über 800 per Sonderzug angereiste Motor-Anhänger feierten ausgelassen mit ihren Helden eine echte Sensation.
«Der Sieg einer Mannschaft», titelte die Fachzeitschrift «Der Handball» und hob damit die geschlossene Mannschaftsleistung, den unbändigen Kampfgeist aller Eisenacher hervor. «Namenlose Eisenacher wurden Deutscher Handballmeister», überschrieb eine andere Zeitung ihren Bericht. Nicht die Rostocker Asse um die Nationalspieler Hans Beier (Torwart) sowie Günter «Paule» Mundt und Gerhard Langhoff schmückten sich mit der Meisterschaft, sondern die «grauen Mäuse» aus der Wartburgstadt:
Albert Rust im Tor, Osswald Hook als linker und Günter «Gustav» Jäger als rechter Verteidiger, Dieter Weidlich als rechter und Dieter Illert als linker Läufer, Werner Aßmann in der zentralen Rolle des Mittelläufers, Hans Rodegast auf Rechts- und Werner Reinartz auf Linksaußen, halbrechts Frieder Singwald, halblinks Wolfgang Eisenhardt und in der Mitte das «Küken», der 19-jährige Horst Ehrhardt. Das Resultat widersprach dem Plan, konkret dem Fahrplan der Siegerehrung. Das Drehbuch schien wie fast alles in der DDR ein Dogma. So beglückwünschten die Oberen des DDR-Handballverbandes bei der Siegerehrung, beim Schütteln der Hände von Eisenachs Osswald Hook, den eigenen Worten nach «den Kapitän der siegreichen Meistermannschaft des SC Empor Rostock». Erst als der Motor-Kapitän laut und deutlich intervenierte, wurde der Fehler bemerkt. «Da müssen wir noch heute lachen», gesteht Eisenachs Verteidiger «Gustav» Jäger. Die Planwirtschaft trieb allenthalben ihre Stilblüten, auch beim Handball.
Im dritten Anlauf hatte es für Motor Eisenach geklappt. Unter Trainer «Horti» Schmidt langte es 1956 und 1957 «nur» zur Vizemeisterschaft in der Halle. Der Finalgegner hieß jeweils SC Empor Rostock. Auf dem Großfeld jubelten in der dritten Auflage die Männer aus Eisenach mit Werner Aßmann als Spielertrainer, dessen Namen die Heimstätte des heutigen Handball-Bundesligisten ThSV Eisenach trägt. Seinerzeit wurde im Sommer Feldhandball und im Winter Hallenhandball gespielt. Die Feldhandballspiele in Eisenach (auf der Katzenaue, auf der Sportstätte des Friedens in der Kasseler Straße und dann ab 1955 im Wartburgstadion) verfolgten stets 2500 bis 3000 Zuschauer. Großer Nachteil für die Motor-Handballer: In Ermangelung einer spieltauglichen Halle mussten sämtliche (!!) Hallenhandball-Punktspiele auswärts ausgetragen werden! (Erst Anfang der 60er Jahre stand die Jahnsporthalle zur Verfügung.)
In zwei Staffeln mit je acht Teams wurden die jeweiligen Finalpartner im Feldhandball ermittelt. Motor Eisenach hatte 1958 durch Platz 1 in der Staffel 2 (20:8 Punkte) vor Motor Göhlis Nord Leipzig und Lok SG Magdeburg (jeweils 19:9 Punkte) die Tickets zum Endspiel in Halle gelöst. Das leidenschaftliche Engagement von Gerhard Schütrumpf, Sektionsleiter Handball bei der BSG Motor, des Betreuerstabes mit dem technischen Leiter Paul Schütrumpf, dem rührigen Mannschaftsleiter Walter Hopf und Mannschaftsarzt Dr. Kurt Schwarze wurde mit der Sternstunde des Eisenacher Handballs belohnt!

Kompromisslose Deckung
«Wir haben das Spiel in der Deckung gewonnen », erinnert sich Verteidiger Dieter Illert, ein echtes Urgestein des Eisenacher Handballs, schon am 09.04.1946 bei der Gründung der ersten Handballsparte nach dem 2. Weltkrieg unter SG Wartburg dabei. Sohn Ralf leitete später mehrere Jahre als Schiedsrichter Spiele in der 1. Liga; fungiert heute als Mannschaftsleiter der aktuellen Eisenacher Bundesliga-Handballer. «Die langen Rostocker, die auf dem regennassen Rasen so ihre Probleme hatten, ließen wir nur selten zum Wurf kommen», funkeln noch heute die Augen bei Dieter Illert. «Jeder konnte sich auf den anderen verlassen.» Die körperlich kleinen Eisenacher hielten mit einer kombinierten Mann-Raum-Deckung die «Lulatsche von der Küste» in Schach. Handballer jener Zeit waren in der Körpergröße nicht mit jenen heute zu vergleichen. Frieder Singwald war mit seinen 1,87 Meter der «Riese» in den Eisenacher Reihen. Albert Rust, der Motor-Schlussmann, war gar nur 1,68 Meter groß. Doch der «kleine Torhüter» war an diesem Tag ein «ganz Großer». «Wir hatten den besseren Mann zwischen den Pfosten, schier mit Federn unter den Füßen», blickt Horst Ehrhardt auf die Leistung des «fliegenden» Motor-Torhüters. Ja, ja, die Abwehr der Eisenacher galt als kompromisslos. «Mit uns war nicht gut Kirschen essen, wir waren keine Kinder von Traurigkeit, unser Abwehrspiel behagte allgemein der Konkurrenz nicht», schmunzelt Dieter Illert, seinerzeit 27-jähriger Verteidiger. «Mit unseren Automobilbauer-Händen haben wir ordentlich zugepackt», erinnert sich Günter Jäger, den aber alle nur als «Gustav» kennen. Ganz recht hat der inzwischen das 77. Lebensjahr vollendende und den Ruhestand in Mosbach genießende «Gustav» Jäger nicht; mit Dieter Weidlich stand auch ein Musiker (Fagott) der Landeskapelle Eisenach im Meisterteam. In Werner Aßmann hatte Motor Eisenach den herausragenden Spieler. In Angriff und Deckung war der damals 34-jährige Sportlehrer gleich hart, gleich aufopferungsvoll und gleichermaßen Dreh- und Angelpunkt seiner Mannschaft. Der taktischen Marschroute ordnete sich jeder der Motor-Kämpen bedingungslos unter. Im Finale in Halle beeindruckten die Eisenacher mit ihrem Angriffsspiel über die Außen. Einfaches geradliniges schnelles Spiel nach vorn war der Schlüssel zum Erfolg. Motor beherzigte die Devise: ständige Positionswechsel über die Außenstürmer, den Ball in kurzen Passagen über die Flügel laufen lassen, dem Gegner keine Chance durch irgendein Risiko geben, in Ballbesitz zu kommen.

Auf dem Foto nach dem Erfolg in Halle:
Deutscher Feldhandballmeister der DDR 1958 Motor Eisenach – nach dem Endspielsieg über den SC Empor Rostock in Halle:
Stehend (v.l.): Gerhard Schütrumpf (Sektionsleiter Handball), Hans Rodegast, Wolfgang Eisenhardt, Oswald Hook, Horst Ehrhardt, Egon Rey, Werner Aßmann (Spieler-Trainer), Dieter Weidlich, Frieder Singwald, Gerhard Schmidt, Heinz Hauck
Hockend: Walter Hopf (Mannschaftsbetreuer), Günter Jäger, Dieter Illert, Albert Rust, Werner Hertel, Werner Reinartz

Foto: Meisterehrung im Trainingsanzug der BSG Motor im «Hotel Stadt Eisenach»:
hintere Reihe (v.l.): Paul Schütrumpf (technischer Leiter), Hans Rodegast, Günter Jäger, Horst Ehrhardt, Frieder Singwald, Werner Aßmann, Osswald Hook, Dieter Illert, Gerhard Schütrumpf (Sektionsleiter Handball)
vordere Reihe: Walter Hopf (Mannschaftsbetreuer), Heinz Hauck, Gerhard Schmidt, Dieter Weidlich, Albert Rust, Werner Hertel, Werner Reinartz, Wolfgang Eisenhardt

Offizielles Bild im Hotel Stadt Eisenach

Foto: ©Archiv Thomas Levknecht

Rainer Beichler | | Quelle:

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