Eisenach Online

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 | Bildquelle: Archiv Thomas Levknecht

Beschreibung:
Bildquelle: Archiv Thomas Levknecht

Das große Jubiläum – Vor 50 Jahren wurde Motor Eisenach
Deutscher Feldhandballmeister der DDR (2)

Die Entscheidung fiel zugunsten der bis zum Umfallen kämpfenden Eisenacher in der Schlussphase. Wolfgang Eisenhardt hatte bis dahin drei wichtige Treffer für die Motor-Mannen markiert. Die Dramatik nahm mit Beginn der zweiten Halbzeit von Minute zu Minute zu. Frieder Singwald war wieder einmal ganz nach Linksaußen ausgewichen, überwand Rostocks Torhüter mit einem Aufsetzer zum 8:7. «Erstaunlich wie der schwere Spieler mit dem glatten Boden fertig wird, welchen Antritt er noch zu fortgeschrittener Spielzeit hat», hieß es im Spielbericht der Fachzeitschrift «Der Handball» zu Frieder Singwald.
Rostocks Günter Kikillus rückte in den Angriff auf und traf zum Ausgleich. Wenige Augenblicke später markierte Gerhard Langhoff das 9:8 für Rostock. Keiner ahnte, dies war die letzte Führung der Ostseestädter. Werner Aßmann lief dem Techniker Werner Mundt auf Seiten der Rostocker klar den Rang ab. Eisenachs Hans Rodegast fand dann gleich doppelt das Loch. Sein Ball zum 9:9-Ausgleich zischte auch durch ein Loch im schadhaften Tornetz. Eine Bogenlampe von Wolfgang Eisenhardt sank zum 10:9 über die Torlinie. Die 800 Schlachtenbummler aus Eisenach erobern wie ihre Mannschaft auf dem Rasen die Vorherrschaft auf den Zuschauerplätzen. An den Rundfunkgeräten in und um Eisenach, in ganz Thüringen rücken die Menschen immer enger zusammen. Jeder will Ohrenzeuge der sich anbahnenden Sensation werden. Doch noch sind 15 Minuten zu spielen. Alle warten auf die Schlussoffensive des SC Empor Rostock. Doch die «Sensibelchen» sind von der harten Gegenwehr zermürbt. Das 10:10 lässt Rostock nochmals hoffen. Doch dann geht es Schlag auf Schlag. Horst Ehrhardt vom Kreis und der seinem Gegenspieler Hermann Dowe davonlaufende Frieder Singwald lassen mit ihren Treffern zum 11:10 (49.) und 12:10 (51.) die Sensation immer näher rücken. Frieder Singwald macht mit dem 13. Treffer für seine Farben die faustdicke Überraschung perfekt, öffnet alle Schleusen. Rostock bleibt nur noch Ergebniskosmetik. Noch gezeichnet vom Kampf diktierte Eisenachs Spielertrainer Werner Aßmann in die Notizblöcke der Journalisten: «Rostock überraschte uns zu Beginn mit Freiwurfabgaben, doch wir behielten die Nerven. Unsere Devise war, bei dem schweren Boden die Stürmer schnell und genau anzuspielen, um damit Raum zu gewinnen. Seit vier Jahren spiele ich nun in dieser Mannschaft. Wir schafften den Aufstieg und heute sind wir Deutscher Meister. Darüber freue ich mich natürlich besonders!» Nationalspieler Werner Aßmann war 1954 aus Calbe in die Wartburgstadt gekommen.

Der Ehrung auf dem Platz mit Meisterpokal und Wimpel folgte die Heimfahrt im Robur-Werksbus des AWE. Die Spielerfrauen waren im 17er Robur der Eisenacher Straßenbahn dabei. Die Rückfahrt der freudetrunkenen Anhänger im Sonderzug endete durch unvorhergesehene Halts erst am anderen Morgen in Eisenach. Das Zusammentreffen mit den frische gebackenen Meister am späten Abend im «Thüringer Hof» kam dadurch nicht zustande. Ein improvisierter Empfang mit dem AWE-Betriebsdirektor Martin Zimmermann erwartete die Helden aus Halle. «Zwei handballverrückte Kellner sorgten für Bier auch nach dem offiziellen Teil», weiß Günter Jäger noch zu berichten.

400 Mark für die Spieler der Meistermannschaft
Tags darauf standen im Automobilwerk Eisenach kurzzeitig alle Maschinen still. Die Arbeiter und Angestellten begrüßten ihren Deutschen Meister im Feldhandball. Vom Theaterplatz kommend trafen die Helden in Pkw am Werkstor ein. Der Marsch mit Musikkapelle vorbei an jubelnden Menschen zur offiziellen Kundgebung vor dem Gewerkschaftsgebäude folgte. In der Ostkantine gab es dann einen Empfang mit Imbiss. Jeder aus der siegreichen Mannschaft erhielt als Auszeichnung für die Deutsche Meisterschaft 400 Mark. Nach der Erringung des Titels gab es in den Punktspielen bei Sieg pro Spieler 20 Mark. (Vor der Meisterschaft waren es ausschließlich die Ehre und der Sportgeist, für den die Motor-Handballer aufliefen.)
Wenige Tage später folgten ein Empfang im Rathaus mit dem Eintragen in das Ehrenbuch der Stadt Eisenach und eine Siegesfeier im «Hotel Stadt Eisenach». Sogar das DDR-Fernsehen stattete dem Meister einen Besuch beim Training ab. Filmaufnahmen vom Endspiel gibt es leider nicht. «Wir wurden in den Tagen und Wochen danach von Veranstaltung zu Veranstaltung geschleift», erinnern sich die noch lebenden Spieler von damals. «Die SED-Bonzen nutzten dies, um sich stets kräftig zu besaufen», berichtet Günter Jäger.
Im Jahr 1959 verließen mit Frieder Singwald und Hans Rodegast zwei absolute Leistungsträger die Mannschaft. Ein herber Verlust. Ein Grund, weshalb es 1959 in der Staffel 2 «nur» zu Platz 2 hinter dem verlustpunktfreien «allseits geliebten» SC Dynamo Berlin langte.
Bis 1961 absolvierten die Motor-Handballer noch viele Freundschaftsspiele im damaligen «Westdeutschland». Horst Ehrhardt, dessen Sohn Ralf später mit Eisenach auch in der 1. Liga spielte, erinnert sich an einen Vergleich mit dem bundesdeutschen Meister Bayer Leverkusen 1959 vor 10000 Zuschauern in Korbach, der 14:14 endete. Mit dem Bau der Mauer, an der auch viele Sportler beim Versuch von einem Teil Deutschlands in den anderen zu fliehen, ihr Leben ließen, wurde auch dem ein Riegel vorgeschoben. Das SED-Regime mauerte seine eigenen Bürger ein.

Lange Handballtradition
Die Geschichte des Handballs in Eisenach geht bis in das Jahr 1920 zurück. Die «SG Wartburg» und die «Freien Turner» bildeten in den Jahren 1920/21 die ersten Handballsparten in Eisenach. In der Spielzeit 1930/31 errang die SG Wartburg die «Thüringer Meisterschaft» im Feldhandball. Während der Zeit des 2. Weltkrieges fanden nur noch wenige Handballspiele statt, bis 1941 der Handballsport völlig eingestellt wurde. Am 09.04.1946 dann der Neubeginn mit der Widergründung der «SG Wartburg». Diese wurde am 10.08.1949 aufgelöst und die Betriebssportgemeinschaft «BMW Eisenach» gegründet. Unter diesem Namen wurde am 2.4.1950 nach einem großen Kampf in Saalfeld durch ein 8:6 (4:4) über RFT Gera die Thüringer Handballmeisterschaft erobert. «Das war die Saat, der Sockel für spätere Erfolge», unterstreicht Dieter Illert, der schon damals dabei war. «Immer freitags trafen wir uns alle im Vereinslokal Sonne. Da wurde bekannt gegeben, wer am Wochenende in welcher Mannschaft spielt», weiß Dieter Illert noch. Frauen und Männer, sowie Nachwuchs im männlichen Bereich, standen im Trainings- und Wettkampfbetrieb. Im Sommer 1950 wurde aus der BSG BMW die BSG Motor. Obwohl zunächst ohne wettkampftaugliche Halle in Eisenach, sorgte Motor auch im Hallen-Handball für Furore, wurde 1956 und 1957 Vierter auf DDR-Ebene. Motor Eisenach gehörte bis zum Jahr 1990 bis auf ganz wenige Ausnahmen der 1. Liga der DDR, der Handballoberliga, an.
Der inoffizielle Titel eines «Amateurmeisters», weil beste BSG hinter den Sportclubs, ging mehrfach nach Eisenach. Zu Wendezeiten 1990 gründete sich aus der Sektion Handball der BSG Motor der ThSV Eisenach, der 1997 bis 2004 in der stärksten Liga der Welt, in der 1. Handballbundesliga, auf Tore- und Punktejagd ging. Aktuell spielt der ThSV Eisenach in der 2. Handballbundesliga der Männer, empfängt die Kontrahenten zum Heimspiel in der Werner-Aßmann-Halle – in Erinnerung der Meisterschaft von 1958!
Eine Maxime des ThSV Eisenach: Traditionen bewahren heißt nicht, um die Asche vergangener Erfolge zu sitzen. Traditionen bewahren heißt täglich die Glut jener Erfolge aufzufrischen, das Feuer lodern zu lassen! Sicherlich im Sinne der Helden von 1958!

Die Statistik vom Endspiel um die Deutsche Feldhandballmeisterschaft der DDR 1958

SC Empor Rostock – Motor Eisenach 11:13 (6:6)

SC Empor Rostock: Beier; Herhaus (1), Dowe, Holm, Flach (1), Kikillus (1), Knoll. Langhoff (3), Mundt (2), Wahl (2), Behnke (1). Austausch: Brand

Motor Eisenach: Rust; Hook, Jäger, Weidlich, Aßmann (2), Illert, Rodegast (2), Ehrhardt (1), Singwald (3), Eisenhardt (4), Reinartz (1),

14-Meter: 3 für Rostock (2 von Wahl, 1 von Langhoff verwandelt); 4 für Eisenach (3 von Eisenhardt verwandelt, 1 von Singwald an den Pfosten)

Herausstellungen: keine

Zuschauer: 8000 im Kurt-Wabbel-Stadion Halle

Schiedsrichter: Singer (Fraureuth)

Spielertrainer Werner-Aßmann (rechts) gibt  Horst Ehrhardt (Mitte) und Dieter Weidlich wichtige Tipps

Foto: ©Archiv Thomas Levknecht

Erinnerungen an eine lange Handballtradition

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Einstige Sportstätte des Friedens

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Baustelle Werner-Aßmann-Halle

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Baustelle Werner-Aßmann-Halle

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Rainer Beichler | | Quelle:

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