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Nicolai Hansen beim Torwurf in der vergangenen Saison in Rimpar | Bildquelle: © Frank Arnold • sportfotoseisenach / ThSV Eisenach

Beschreibung: Nicolai Hansen beim Torwurf in der vergangenen Saison in Rimpar
Bildquelle: © Frank Arnold • sportfotoseisenach / ThSV Eisenach

Ich wollte mein Karriere-Ende selbst bestimmen

Nicolai Hansen nimmt zum Abschied kein Blatt vor den Mund • Er spricht offen, auch über die  Sonnen- und Schattenseiten in Eisenach – und erhofft sich Geduld für den Weg mit Christoph Jauernik

Ich bin körperlich so fit, wie wahrscheinlich seit 10 Jahren nicht. Ich wollte den Zeitpunkt meines Karriere-Endes selbst bestimmen. Mein Bauchgefühl sagt, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, erklärt Nicolai Hansen, der 35-jährige Kreisspieler des ThSV Eisenach.

Gemeinsam mit vier weiteren Spielern wurde der Däne nach dem  letzten Saison-Heimspiel der Wartburgstädter verabschiedet. Der für den Deckungs-Innenblock so wichtige Nicolai Hansen musste in der mit 29:21 gewonnenen Partie gegen den TV Emsdetten nach der dritten Zeitstrafe vom Parkett. Ein Drehbuchautor hätte es nicht besser vorsehen können. Die über 1.600 Zuschauer erhoben sich spontan von ihren Plätzen und verabschiedeten den Routinier mit standing Ovations.

Nicolai Hansen trug 5 Jahre das Trikot des ThSV Eisenach, war bei zwei Erstligaaufstiegen und ebenso vielen Abstiegen ins Unterhaus dabei. Er redet im Abschluss-Interview Klartext, führt zu der Frage nach den positiven und negativen Erinnerungen jeweils das Eisenacher Publikum mit an, nennt Hannes Jon Jonsson als den herausragenden Mitspieler, fordert Geduld für den neuen Weg mit Trainer Christoph Jauernik, trifft Aussagen zu seiner eigenen Zukunft. Das ihm angedichtete Engagement bei einem unterklassigen Verein verneint er. Der Einstieg ins Berufsleben außerhalb vom Handball stehe an erster Stelle. Eine zweite Laufbahn möchte er intensiv angehen, die eines Schiedsrichters. Das würde dem Handball sehr gut tun!

Was bleibt aus 5 Jahren ThSV Eisenach haften, positiv und negativ?
Bei den positiven Aspekten ist die Stimmung in der Werner-Aßmann-Halle zu nennen. Das habe ich vorher nie erlebt. Wie uns die Zuschauer geholfen haben, das steht bei mir ganz oben. Dankbar bin ich dem ThSV Eisenach, vornweg Manager Karsten Wöhler und Trainer Adalsteinn Eyjolfsson, dass mir im Jahr 2012 die Möglichkeit eröffnet wurde, mich in die Mannschaft einzuarbeiten, um Handball spielen zu dürfen. Positiv in Erinnerung, natürlich die beiden Aufstiege in die 1. Liga. Ich bin stolz, dabei gewesen zu sein. Von Jahr zu Jahr wird es schwerer, aus der zweiten in die erste Bundesliga aufzusteigen. Die zweite Liga nimmt an Stärke zu, der Unterschied zwischen den Teams oben und unten ist nicht mehr so groß wie früher, nimmt stetig ab. Will der ThSV Eisenach da wieder angreifen, ist ganz harte Arbeit und ganz viel Geduld auf allen Ebenen gefragt. Das ist eine riesige Herausforderung!
Was habe ich Negatives erlebt? Das betrifft auch die Zuschauer in der Werner-Aßmann-Halle. Nach verlorenem Spiel wurde uns der Mittelfinger gezeigt. Was empfinden insbesondere junge Spieler von solchen Gesten, möglicherweise noch von Zuschauern mit blau-weißem Schal?! Ich appelliere bei dieser Gelegenheit an alle, dieser jungen Mannschaft mit einem guten jungen Trainer Zeit zu geben!

Wie empfanden Sie über 5 Jahre das Mannschaftsklima?
In den ersten beiden Jahren, mit dem Aufstieg einer eingespielten Mannschaft, waren wir eine Einheit. Auf dem Spielfeld, in der Kabine und außerhalb. Wir verbrachten viel Zeit zusammen. Das hat uns allen sehr geholfen. Nach dem Abstieg folgte eine turbulente Saison, mit wenigen guten Ergebnissen. Das hatte natürlich auch Einfluss auf das Klima. Adalsteinn  Eyjolfsson wurde beurlaubt, Velimir Petkovic kam als neuer Trainer; mit ihm ein ganz neues Konzept. Petko hat mit uns den Aufstieg geschafft. Doch die sich anschließende Saison in der DKB Handball-Bundesliga erwies sich als sehr schwierig, mit unfassbaren vielen neuen Spielern aus ganz vielen Nationen. Eine geschlossene Mannschaft aufzubauen, das gelang nicht. Das lag nicht nur an Petko, sondern an allen Spielern. Es waren überwiegend gute Einzelspieler, aber eben nicht als Mannschaft. Die Zeit mit Velimir Petkovic war für mich eine überaus interessante. Positiv und negativ. Ausgesprochen positiv bewerte ich die gerade beendete Saison, mit Christoph Jauernik als Trainer. Mit jungen Spielern baut er eine neue Mannschaft auf. Der richtige Weg, auch wenn die Ergebnisse insgesamt noch nicht so toll waren. Der Abschluss, mit einer Rumpfmannschaft 4 Siege in 5 Spielen, stimmt hoffnungsvoll. Ich habe dieses Jahr sehr genossen, mit der Mannschaft und mit Christoph Jauernik. Ich hoffe und wünsche, diese Entwicklung geht so weiter.

Sie hatten während Ihrer Zeit beim ThSV Eisenach verschiedene Trainer. Was unterschied diese?
Mit Adalsteinn Eyjolfsson, Velimir Petkovic, Gennadij Chalepo und Christoph Jauernik hatte 4 Trainer in 5 Jahren. Vier ganz unterschiedliche Typen! Velimir Perkovic, ein Mann der alten Schule. Christoph Jauernik,  ein Mann der neuen modernen Schule. Gennadij Chalepo hatte in einer ganz kurzen Zeit eine ganz schwere Aufgabe, hat noch mal alles versucht. Adalsteinn Eyjolfsson hat ja ganz aktuell gezeigt, dass er sehr erfolgreich arbeiten kann, hat mit dem TV Hüttenberg den Durchmarsch von der 3. in die 1. Liga geschafft. Unser Aufstieg unter seiner Leitung kam nicht von ungefähr. Aus der Zeit mit ihm nehme ich nur positive Eindrücke mit.

Was gab den Ausschlag, den ThSV Eisenach zum Ende der Saison 2016/2017 zu verlassen?
Das war ein langwieriger Prozess in meinem Kopf. Ich wollte selbst entscheiden, wann ich aufhöre. Nicht als „Rentner-Wrack“. Körperlich bin ich so fit wie die letzten 10 Jahre nicht. Mein körperlicher Zustand ist also kein Grund. Die Entscheidung zum Kariere-Ende fußt auf mehreren Gründen. Ich kenne meinen Körper. Ein 8-maliges Training in der Woche, das will ich nicht. Das habe ich mit Christoph Jauernik bereits in der letzten Saison gesteuert und wir haben das gemeinsam gut hinbekommen. Meine Freundin wohnt in Leverkusen. Nach ihrer Zeit beim THC hat sie dort eine bessere Basis für ihre Kariere gefunden. Wir beide wollen keine Fernbeziehung führen. Mein Bauchgefühl sagte mir, es ist der richtige Zeitpunkt, um ins „normale Berufsleben“ einzusteigen, auch mal mit freien Wochenenden. Meine beruflichen Vorkenntnisse werde ich hierfür nutzen.

Ganz ohne Handball, geht das überhaupt?
Ganz ohne Handball geht es nicht. Aber nicht als Spieler und nicht als Trainer. Ich habe Anfragen von mehreren Vereinen. Doch wenn ich was tue, dann nur mit 100 und nicht mit 70 Prozent. So lasse ich es lieber, habe schöne Erinnerungen an die Zeit beim ThSV Eisenach. Ich möchte Schiedsrichter werden, habe da in Leverkusen eine sehr gute Mentorin, die mir hilft, den Einstieg zu schaffen. Ich kann meine Erfahrungen als Spieler mit einfließen lassen. Ich glaube, ich werde kein schlechter Schiedsrichter sein.

Kreisspieler leben viel vom Zusammenspiel mit den Rückraumspielern. Wer war da Ihr Idealpartner?
Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Hannes Jon Jonsson. Mit ihm zusammenspielen zu dürfen, das war eine richtig gute Zeit. Er ist wahnsinnig ehrgeizig, verlangt von sich selbst 120 Prozent. Mit ihm zusammenzuspielen, das war ein Genuss! Nun macht er als Trainer bei der SG Westwien einen richtig guten Job.

Was geben Sie Ihren jungen Nachfolgern an der Kreisposition mit auf den Weg?
Die DNA des ThSV Eisenach verinnerlichen: Kämpfen und Fighten. Da reicht 100-prozentiger Einsatz nicht. Gibst du 200 Prozent, dann kannst du auch verlieren.

Wie sieht Nicolai Hansen die aktuelle Entwicklung beim ThSV Eisenach?
Ein völlig richtiger Weg, inbegriffen der Trainer. Ich bin von Christoph Jauernik überzeugt. Er setzt die jungen Spieler gut ein, lenkt ihre Entwicklung in die richtigen Bahnen. Durch unsere Verletzungsmisere erhielten junge Spieler ihre Einsatzzeiten, haben ihr Potential nachgewiesen, auf dem es aufzubauen gilt. Mit Geduld. Auf allen Ebenen! Bestes jüngstes Beispiel ist Sebastian Brand. Der junge Torhüter hat das im Training Erarbeitete nun im Punktspiel nachgewiesen. Aber auch die anderen jungen Spieler haben diese Möglichkeit. Der Weg des ThSV Eisenach mit Christoph Jauernik öffnet ihnen die Tür. Ich werde es verfolgen. Ich appelliere an alle, innerhalb und außerhalb des Vereins, Geduld zu üben, nach Niederlagen nicht so hart mit der Mannschaft ins Gericht zu gehen. Mit der jetzt zusammengestellten Mannschaft steht der ThSV Eisenach vor einer guten Saison, kann in absehbarer Zeit auch wieder oben angreifen. Geduld aller vorausgesetzt!

Andrea T. | | Quelle:

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