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Bildquelle: Klemm

«Täve» Schur besuchte ehemalige Radrennfahrer der BSG Lok Eisenach

Während zur gleichen Zeit am vergangenem Sonnabend im Fürstentum Monaco die Hochzeitsglocken läuteten, wurde von ehemaligen Radrennsportlern aus Eisenach und seinem Umfeld im Steigenberger «Thüringer Hof» mit «Täve» Schur auch ein wahrer Fürst auf den internationalen Straßen aus den 50 und 60-iger Jahren in einer gemütlichen Kaffeerunde zum Plaudern empfangen, nachdem zuvor die ehrwürdige Wartburg besucht wurde.
Damit ging ein lang ersehnter Wunsch der heutigen Senioren mit sportlicher Vergangenheit in Erfüllung, ganz besonders der vom Tischlermeister Paul Schrade, weil er sich noch genau an das Eisenacher Rundstreckenrennen von 1964 erinnern kann, bei dem er als bester BSG-Fahrer als 11. über die Ziellinie rollte. Sein Vorbild «Täve» schied nach einem Sturz leider aus. Schrades erfolgreichstes Rennen war sein Sieg 1962 bei dem Kriterium «Rund um die Wartburg», als er mit fünf Minuten Vorsprung vor dem heute in Thal lebenden Volker Schwanenengel gewann, der später zum Leipziger ASK Vorwärts delegiert wurde. Beide waren bei diesem Wiedersehen natürlich auch anwesend.

Der heute noch aktive 61-jährige Triathlon- Sportler Siegfried Koch organisierte das von ca. 30 ehemaligen einheimischen Rennfahrern besuchte Treffen und alle staunten, mit welcher Begeisterung der heute 80-jährige größte und sympathischste Athlet der DDR- Sportgeschichte, dabei frei im Raum stehend, von der komplizierten Technik aus dieser Zeit ausführlich berichtete und auf entsprechende Fragen sofort antwortete.

So spielten auch die beiden in der Umgebung von Eisenach befindlichen Städte, wie Waltershausen und Barchfeld eine große Rolle, weil dort sehr wichtige Herstellerfirmen von Reifen bzw. Speichen für gute Qualität sorgten, die für die oftmals weit über 100 Kilometer-langen Einzeletappen bei der Friedensfahrt auf unterschiedlich zum Teil sehr schwierigen Straßendecken Grundlage für Siege oder vordere Plätze war.

Neben seinen vielen grandiosen Erfolgen ist «Täve» von allen Sportanhängern unseres damaligen Landes bekanntlich ab 1953 neunmal (!) hintereinander zum Sportler des Jahres gewählt worden. Darüber ist er besonders stolz!

Von den ihm nachgesagten Eigenschaften, wie der berühmteste, beliebteste und beste Mensch, den es in der DDR gab, wollte der Gast aus dem kleinen Ort Heyrothsberge an der Stadtgrenze zu Magdeburg natürlich nichts wissen. Ihm ist klar, wie viele tolle Menschen es gab und noch gibt, die mit ihren überragenden Leistungen auf verschiedenen Gebieten glänzten und diese uneigennützig an andere übertragen haben oder es noch tun.

Alle Anwesenden konnten bei seinen Ausführungen bald erkennen, dass sich die vitale, gut aussehende, charmante, selbstbewusste, volksnahe, selbstironische und natürlich politische »lebende Legende» auch 50 (!) Jahre nach seinem letzten Radrennen in seiner überwiegend angenehmen Art kaum verändert hat.

Er sagt es auch immer wieder den Personen, die nicht gern seiner Meinung sind, warum er auch nach der politischen Wende seiner Linie treu blieb und die eigene Lebensgeschichte nicht einfach in die Abfallkiste werfen wollte.

Besonders in der heutigen sehr unsicheren Zeit ist er für möglichst große Gerechtigkeit auf allen Gebieten. Der auf allen Kontinenten unseres Erdballs gefahrene Ausnahmeathlet erinnerte dabei an seine aufregende Kindheit, die ihn besonders prägte.

Als Ältester von fünf Kindern musste er in dem landwirtschaftlich geführten Elterhaus bereits Verantwortung übernehmen. Beim Heulen der Sirenen flüchtete die arbeitende oder gerade spielende Familie in den nahen Luftschutzbunker. Sein Vater unterstützte nach Kriegsende seinen großen Sohn, als dieser sein Interesse für das Fahrradfahren entdeckte. Zur Lehre in die Stadt fuhr Gustav-Adolf mit dem Linienbus um die Wette. 1950 bestritt er sein erstes Rennen….und gewann es! Seine Pläne waren ab sofort nun in seiner Freizeit nicht mehr auf das Fußballspielen, sondern nur noch für das möglichst schnelle Fortbewegen mit Vorder- und Hinterrad, verbunden mit einem Rahmen, dabei auf einem Sattel sitzend, fixiert.

Es ist kaum zu glauben, der junge Schur gehörte bereits zwei Jahre später zum Aufgebot der DDR- Friedensfahrtmannschaft! Unvergessen bleiben aber für ihn bis in die heutige Zeit die unzähligen Ruinen rechts und links der Straßendurchfahrten in Warschau. Die Bilder waren viel, viel schlimmer als in seinem nahen Magdeburg zuhause. Besonders durch diese selbst erlebten Geschehnisse zu Beginn seiner fast unglaublich erfolgreichen späteren sportlichen Karriere ist sein politischer Standpunkt unveränderbar.

Natürlich wollten die auf Radsport spezialisierten Zuhörer gern von seinen späteren großen Siegen hören, doch die frühzeitig nur noch «Täve» genannte sportliche Ausnahmeerscheinung sprach lieber von besonderen Erlebnissen mit der Mannschaft, wie z.B. vom Olympischen Finale im Mannschaftszeitfahren über 100 km bei einer Gluthitze 1960 in Rom.

«25 km vor dem Ziel konnte unser G. Lörke nicht mehr. Dann schwächelte auch noch E. Adler. Wir mussten aber drei Fahre in die Wertung bringen. Die letzten km waren eine besondere Qual, weil die nur jeweils eine Trinkflasche für jeden von uns längst leer war. Der frischgebackene Friedensfahrtsieger E. Hagen und ich zwickten deshalb abwechselnd unseren Egon in den Hintern, damit dieser nicht auch noch vorzeitig vom Rad stieg. Dann wären die aufwendigen Vorbereitungen für einen erhofften Medaillengewinn umsonst gewesen.

Die Jury forderte uns mehrfach zum Beenden auf, da sie das als unfaire Handlungen sah, doch wir hielten uns nicht daran, ließen uns einfach nicht einschüchtern…… und holten, völlig erschöpft, nach den Gastgebern noch vor den favorisierten Kapitonow, der im Einzelrennen Olympiasieger werden konnte, Melichow und Co. aus der damaligen SU Silber!
Über die späteren blauen Flecke am Hintern von unserem Egon konnten wir natürlich mit ausgelassener Freude schmunzeln»

Oft, auch an diesem Tag in Eisenach, wird der damalige DHfK- Fahrer gefragt, was denn wirklich sein größter sportlicher Erfolg war. Immer wieder wird er antworten, dass es die Summe der errungenen Siege und guten Ergebnisse waren, die er als oftmaliger Kapitän mit seinen verschiedenen Mannschaftskameraden einfahren konnte und damit einen Großteil unserer Bevölkerung unaufgefordert an die Straßen, in die Stadien, vor die Rundfunk- und später Fernsehgeräte brachten. «Natürlich bleiben die beiden eigenen hintereinander errungenen WM-Siege 1958 und 1959 sowie die verrückte Schlussphase mit dem Eckstein-Erfolg auf unserem Sachsenring 1960 in besonderer Erinnerung».

Nach einer kleinen Kaffee und Kuchenpause wurde «Täves» neueste, ca. 30 Minuten lange, DVD über seine Lebensstationen vorgestellt, die gleich vergriffen war.

Mitten in seinem anschließend fortgeführten Vortrag ging «Täve» zu einem rüstigen Herrn an den Tisch, fragte ihn nach seinen Namen und Alter. Ohne vorherige Absprache war dieser Mann ausgerechnet der ehemalige Trainer der Lok- Radrennfahrer, Hans Farwick und ist heute 91 (!) Jahre alt. Der frühere Spitzensportler Schur bedankte sich unter großem Beifall bei ihm, stellvertretend und symbolisch für alle anderen damaligen Bürger, dass durch ihre Arbeit überhaupt die Grundlage geschaffen wurde, um mit seinen Mannschaftskameraden trainieren und viele Länder der Welt bereisen zu können. Das ist er eben…..

«Täve» ist einfach stolz, wenn ihn noch heute, nach einem halben Jahrzehnt, wildfremde Menschen ansprechen und sich förmlich für seine außerordentlichen Leistungen im Nachhinein bedanken. Deshalb kommt er gern zu vielen Einladungsorten, wenn es Zeit und Gesundheit erlauben und er nicht gerade mit seinem Freund und Fahrrad zum wöchentlichen Training über 150 bis 180 km unterwegs ist.
Deshalb kam er mit Freude, begleitet von seiner netten Frau Renate, auch zu den Eisenacher Radsportfreunden, die sich mit Blumen und kleinen Geschenken für das Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen herzlich bedankten. «Täve» lud diese zufriedenen Senioren spontan dorthin zu einem Gegenbesuch nach Sachsen-Anhalt ein. Ein für alle Beteiligte toller, erlebnisreicher Nachmittag ging damit zu Ende.

Wir fragten «Täve» Schur nach der Gesprächsrunde

Wie hat dir das Treffen mit den Radsportlern gefallen?
Täve Schur: Das war eine Zusammenkunft ganz anderer Art. Alle waren wissbegierig und interessierten sich sehr für meine Ausführungen über die damals notwendigen Bedingungen, damit man vorne mitfahren konnte. Die Leute kannten unsere großen Siege, deshalb interessierten sie sich, wie man dorthin gekommen ist. Ohne bedingungsloser Kameradschaft und Vertrauen untereinander wäre da nichts zu machen gewesen.
Die Sportfreunde wunderten sich, als ich von meiner Lehre in der Metallverarbeitung sprach, mit Freude verschiedene Schweißarbeiten verrichtete und mein Gesellenstück ein Kartoffeldämpfer war.

Doch ein großes Lob für den Siegfried Koch und seinen Jungs. Sie ermöglichten meiner Frau und mir, im hohen Alter mit dem Auto bis in den Innenhof dieser bekannten «Wartburg» gefahren zu werden, um eine ausführliche Führung zu erleben. Ich war erstmals da oben! Wir kamen uns vor, gerade erneut geheiratet zu haben (lacht in seiner bekannten Art mehrmals laut).
Als wir am Vorabend durch das Tor in den Innenhof unseres Hotels «Thüringer Hof» fahren wollten, wusste ich noch nicht, dass für mich ein echter Härtetest als Fahrer eines relativ kleinen Autos bevorsteht. Vor mir ging es anderen Autofahren doch noch schlechter, wenn man die beiden Hauswände betrachtet…..(und lacht wieder).

Schmerzt es nicht noch im Nachhinein, vor der symbolisch geschlossenen Tür zur «Hall of Fame» stehen zu müssen?
Täve Schur: Als mir die Absage zugesandt wurde, schon. Das war aber schnell vorbei. Jetzt freue ich mich, weil erneut große Postberge in unser Haus flattern und ich sonst überall auch persönlich deshalb angesprochen werde. Wenn man weiß, dass die Entscheidung vorwiegend in den Händen von Industriellen und Funktionären der früher anderen Seite lag, ist das nachzuvollziehen. Diese Ehre sollte eigentlich als Brückenfunktion dienen, um beide ehemals verschiedene Systeme gefühlvoll zu verbinden. Ich freue mich umso mehr über die in diesem Jahr vom Verein «Sport und Gesellschaft» erhaltene «Werner-Selenbinder-Medaille».

Warum bist du in letzter Zeit sooft in Thüringen?
Täve Schur: Das ist reiner Zufall. Vor ein paar Wochen waren wir in Herges-Hallenberg und Oberhof, dem Ort unseres Kennenlernens zu Silvester 1968/1969 im damaligen Konsum-Ferienheim, das heute «Berghotel» heißt. Meine heutige Frau Renate war als Jungaktivistin und junge Verkäuferin zur Auszeichnung dort, wir Radsportler durften uns in diesem Haus ein paar Tage erholen, bevor die ersten Vorbereitungen zur nächsten Friedensfahrt begannen. Um dort fit zu sein, mussten wir bis dahin jährlich bereits ca. 13000 km absolviert haben…..

In der letzten Woche durfte ich eine riesige lebende Fahrradschlange für einen Weltrekordversuch, anlässlich der Thüringer Burgenfahrt, nach Wandersleben anführen.
Am vergangenen Freitag erfolgte eine Einladung nach Cosewitz bei Jena, wo auch Heike Drechsler dabei war. Nach Eisenach geht es zur nächsten Veranstaltung, zur Erfurter EGA.
Aus vielerlei Gründen müssen die engen Termine gut zusammengestellt werden. Doch dafür ist meine liebe und zuverlässige Frau verantwortlich. Allerdings steht für mich fest:
Autofahren ist verlorene Lebenszeit!

Wie oft triffst du dich mit deinen ehemaligen Sportfreunden?
Täve Schur: Möglichst in jedem Jahr im Leipziger «Ratskeller». Leider werden es immer weniger Teilnehmer. Vor ein paar Wochen verstarb bekanntlich Bernhard Trefflich, unser erster Etappengewinner bei der Friedensfahrt. Seine Urne wurde in Weimar beigesetzt.

Deine mitgebrachten DVDs sind wie «warme Semmeln» weggegangen. Wie kann man diese erwerben?
Täve Schur: Danke, dass du mich nochmals darauf ansprichst. Mit meinem knapp über 30 Minuten andauernden aktualisierten Lebenswerk im Zeitraffer möchten wir damit unser Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen finanziell unterstützen, weil außer den privaten Spendern von Behörden leider nichts zu erwarten ist. Deshalb wird der relativ geringe Einzelbetrag von 10 € genau für die Produktion des Filmes und das Museum aufgeteilt.

Unter der Tel. / Fax.-Nr.: 03691/742140 können DVDs mit den entsprechenden Daten des Absenders bestellt werden. Die Besteller werden danach zwecks Abholung informiert. Weder ich, noch andere Personen werden daran finanziell beteiligt sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Gefragt hatte Hans-Ullrich Klemm.

Rainer Beichler | | Quelle:

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