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Im Wortlaut: Dagmar Schipanski zur Theaterlandschaft

Thüringens Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr.
Dagmar Schipanski zur Zukunft der Theater- und Orchesterfinanzierung
Statement vom 28. März 2001

Wortlaut:
Meine Damen und Herren,

die Neuordnung der Theater- und Orchesterfinanzierung gehört sicher zu den größten Aufgaben und Herausforderungen, die sich unserem Ministerium in der laufenden Legislaturperiode stellen.

Gerade als Thüringerin, die ich in den letzten 5 Jahrzehnten die Kulturlandschaft schätzen gelernt habe und sie als meine Heimat liebe, fällt mir diese Neuordnung schwer.

Denn eins ist klar: Wenn man nüchtern auf die Zahlen und die Dichte der Theater und Orchesterlandschaft schaut, dann werden Sie mir zustimmen müssen: Wir haben in Thüringen ein sehr großes Angebot. Für dieses Angebot haben wir offensichtlich nicht genug Besucher, nicht genug Zuschauer und Zuhörer, die dies nutzen können. Das Angebot ist daher eigentlich ein Überangebot. Herr Dr. Lettmann hat dies anhand der Statistik des Deutschen Bühnenvereins ja noch einmal verdeutlicht.

Wenn ich sehe, daß ein gefeierter Othello am Theater hier in Erfurt nach langen Proben voraussichtlich kaum mehr als zehn Vorstellungen erlebt, dann wird einem bewußt, daß eine Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage besteht, die sehr kostenintensiv ist.

Aber, meine Damen und Herren, als Thüringerin bin ich auf der anderen Seite sehr stolz auf unsere reiche kulturelle Tradition. Und es ist mein fester Wille, alles das, was finanziell zu ermöglichen ist, für die Zukunft zu sichern.

Dabei steht für mich auch die Qualität im Vordergrund: Wenn Orchester bei gleichbleibender Finanzierung durch Land und Kommunen aufgrund der jährlichen Tarifsteigerungen immer kleiner werden und zum Beispiel vom B-Orchester zum D-Orchester schrumpfen, dann kann das, so glaube ich, niemand ernsthaft wollen.

Das bedeutet, wir können und dürfen keine Luftschlösser bauen. Wir müssen realistisch bleiben.

Und realistisch zu bleiben heißt eben auch, nüchtern auf die Zahlen zu blicken.

Eine Theater-Karte wird im Bundesdurchschnitt von Seiten der öffentlichen Geldgeber mit 170 Mark subventioniert, in Thüringen sind dies aber fast 50 Mark mehr, nämlich 217 Mark.

Dieser Betrag ist nicht mehr steigerbar.

Oder wenn im Bundesdurchschnitt 54 Mark pro Einwohner für Theater und Orchester ausgegeben werden, dann kann Thüringen seine Förderung von stolzen 82 Mark pro Einwohner nicht steigern. Gerade mit Blick auf den Solidarpakt 2 und die zu stärkende Wirtschaftkraft unseres Landes ist das ganz sicher so nicht vertretbar.

Daher müssen wir ehrlich sagen: Die öffentliche Hand kann ihre ohnehin weit überdurchschnittlichen Subventionen nicht erhöhen. Dies ist schlicht unmöglich. Das gilt für das Land, das gilt aber auch für die meisten Städte und Gemeinden und die Landkreise. Das haben mir die Träger heute nachmittag noch einmal bestätigt.

Auf der anderen Seite werden wir alles daran setzen, daß die derzeitige Förderung des Landes von jährlich 117 Millionen Mark sich auch in den nächsten Jahren nicht verringert.

Und meine Damen und Herren ich habe erfreulicherweise bereits erste Signale vom Finanzminister und vom Ministerpräsidenten erhalten, daß man bereit ist, diese außerordentlich hohe Förderung auch über das Jahr 2003 hinaus mitzutragen, vorbehaltlich natürlich der Zustimmung des Landtages.

Ich halte das für außerordentlich bemerkenswert und beachtlich, denn Sie wissen alle, daß Thüringen mit großen Anstrengungen versucht, seinen Schuldenberg nicht zu vergrößern und langfristig sogar abzubauen.

Dies ist ein ehrgeiziges aber auch notwendiges Ziel für den Landeshaushalt. Wenn wir es dann schaffen, die Förderung auf gleich hohem Niveau zu halten, wäre dies außerordentlich erfreulich und anerkennenswert. Dies will ich hier ausdrücklich festhalten und hervorheben.

Das beweist, daß die Landesregierung sich der außerordentlichen Bedeutung der Kulturlandschaft Thüringens in besonderer Weise bewußt ist.

Allerdings – selbst wenn dies so sein wird – das Geld bleibt konstant und wir müssen leider allein aufgrund der Tarifsteigerungen die Thüringer Theater- und Orchesterlandschaft gründlich überdenken.

Die Zahlen zur Tarifsteigerung seien noch einmal kurz genannt, um sie bei unserer Diskussion immer im Gedächtnis zu behalten. Nach einer auf unsere Anforderung von den Verwaltungsdirektoren erstellten Hochrechnung unter der Annahme
– einer jährlichen linearen Tarifsteigerung von + 2 %
– und einer schrittweisen Angleichung Ost/West auf 100 % bis 2007 (jährlich + 2 %)
steigen die Personalkosten bis 2008 bei Beibehaltung der gegenwärtigen Beschäftigungsstruktur von Ist-1999=192 Mio. DM um ca. 42 Mio. DM auf ca. 234 Mio. Mark.

Also müssen wir neue Wege finden, denn wir reden jetzt von einer Zeitspanne bis 2008 – bis zum Ende des Jahres 2003 laufen ja die derzeitigen Verträge. Wir sind uns alle bewußt, dies wird nicht schmerzfrei gehen. Da wir aber – wenn wir jetzt anfangen – einen Zeitraum von gut sechs Jahren für die Neugestaltung vor uns haben, können wir sie in behutsamen Schritten vornehmen.

Alle Gerüchte übrigens, daß der Bund vielleicht bereit wäre, beim DNT in Weimar mit in die Finanzierung einzusteigen, haben sich als das erwiesen, was sie sind: Gerüchte, die jeder Grundlage entbehren. Ich würde ein solches Geschenk natürlich sofort und gerne annehmen. Aber in zwei Gesprächen mit Herr Staatsminister Nida-Rümelin hat er mir jede Hoffnung darauf genommen.

Meine Damen und Herren,

Wir wollen die Neuordnung der Finanzierung nicht alleine vornehmen – und wie Sie wissen, können wir dies auch gar nicht. Daher habe heute Nachmittag zunächst mit den Trägern und dann mit den Intendanten gesprochen.

Wir wollen aber auch die Öffentlichkeit in der Breite an unseren Überlegungen und – ich gebe es ehrlich zu – Sorgen teilhaben lassen. Daher hoffe ich auf eine faire Berichterstattung und Begleitung durch Sie als Vertreterinnen und Vertreter der Thüringer Medien und setze darauf, daß Sie konstruktiv mitdenken und die Öffentlichkeit zum Mitdenken anregen.

Wir haben uns daher auch entschlossen, Sie sofort, also von Anfang an, an unseren Überlegungen teilhaben zu lassen. Ich habe dafür eigens zwei Termine abgesagt, die heute Abend unser Staatssekretär Dr. Aretz für mich wahrnimmt.

Wie Sie alle wissen, haben wir am vergangenen Wochenende in einer Klausurtagung auf der Wartburg die künftige Entwicklung erörtert.

Als externe Experten hatten wir uns dazu folgende Persönlichkeiten eingeladen:

Rolf Bolwin, den Direktor des Deutschen Bühnenvereins,
Jürgen Schitthelm, den Direktor der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin und Vizepräsident des Deutschen Bühnenvereins
Jochem Freiherr von Uslar-Gleichen, seit jetzt schon 18 Jahren Kulturdezernent in Bonn

Alle drei waren bereits in der Kommission des verstorbenen Bayerischen Staatsintendanten Prof. August Everding aktiv, die wie Sie wissen im März 1997 bereits eine Empfehlung über die zukünftige Gestaltung der Thüringer Theater- und Orchesterlandschaft erarbeitet hat.

Außerdem waren dabei
Michael Grosse, der ehemalige Generalintendant der Altenburg-Gera Theater GmbH und seit einem dreiviertel Jahr Generalintendant des Landestheaters Schleswig-Holstein
Rolf Stiska, der Generalintendant des Theaters in Chemnitz und Vorsitzender des Sächsischen Bühnenvereins
Peter Hengstermann, der Landrat des Kyffhäuser-Kreises und der Vorsitzende des Thüringer Bühnenvereins

sowie
Prof. Dr. Paul Reichart, er ist Professor für Kulturmanagement an der Fachhochschule Gelsenkirchen
und Gabriele Meloch, sie ist Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Bank in Leipzig

Ebenso nahmen der Finanzminister, Herr Trautvetter, an der gesamten Beratung teil, und auch Herr Ministerpräsident Dr. Vogel hat am Samstag mitberaten.

Nach einhelliger Auffassung der Experten muss sich ein tragfähiges Konzept für die Thüringer Theater und Orchester für den Planungszeitraum von 2004 bis 2008 an folgender Ausgangslage und Entwicklungsleitlinien orientieren:

Wir bieten als Land erneut an, mit den Trägern einen Vertrag über 5 Jahre zu schließen: Meine Damen und Herren, dies ist keinesfalls selbstverständlich, auch wenn man sich in Thüringen schon daran gewöhnt hat. Ich betone, ein solcher 5-Jahres-Vertrag ist in Deutschland einmalig. Kein anderes Bundesland bietet den Theatern und Orchestern eine solche außergewöhnlich lange Planungssicherheit. In einem Land wie Deutschland, das gewöhnt ist, in Legislaturperioden zu denken, halte ich dies für wegweisend.

Des weiteren habe ich bereits gesagt, daß wir alles darauf anlegen, daß der finanzielle Rahmen der Theater- und Orchesterförderung auf dem gegenwärtigen Stand gehalten wird – und zwar im gesamten Planungszeitraum. Diese Absicht haben sowohl der Ministerpräsident als auch der Finanzminister bekräftigt, aber Sie wissen, letztendlich ist der Haushalt Sache des Parlamentes.

Vor dem Hintergrund der Zahlen sehen Sie bereits, Thüringen wird damit auch über 2003 hinaus einen Spitzenplatz im Bundesvergleich einnehmen. Diesen Spitzenplatz halte ich für gerechtfertigt, denn er entspricht unserem bedeutenden kulturellen Erbe, das für Thüringen identitätsstiftend wirkt.

Eine unveränderte Beibehaltung der sehr dichten Theater- und Orchesterlandschaft ist jedoch selbst bei gleichbleibender Förderung nicht finanzierbar. Allein die tarifbedingten Personalkostensteigerungen werden sich – wie gesagt – über die kommenden Jahre im zweistelligen Millionenbereich bewegen.

Außerdem hat die Expertengruppe festgehalten, daß das derzeitige Angebot an Theatern und Orchestern aufgrund der statistischen Kennzahlen offensichtlich nicht bedarfs- und zielgruppengerecht ist.

Insbesondere bei den Orchestern besteht ein Überangebot, das trotz aller Anstrengungen in Thüringen nicht ausgelastet werden kann. Wir werden es uns in Zukunft nicht mehr leisten können, daß ein Orchester fast die Hälfte seiner Konzerte außerhalb Thüringens spielt. Wie Sie wissen, «rechnen» sich solche Gastspiele nicht.

Ziel muss es sein, in Thüringen ein Angebot zu schaffen und langfristig lebendig zu halten, das drei Kriterien gerecht wird:
– «überregionale Ausstrahlung»
– «regionale Versorgung»
– und «Profilierung nach den jeweiligen Stärken»

Dabei ist klar, daß ein Theater oder ein Orchester nicht alle drei Kriterien gleichzeitig erfüllen kann.
Wir wollen aber erreichen,
– daß wir in Thüringen auch Theater mit einer überregionalen Ausstrahlung haben,
– daß gleichzeitig andere Theater für die Regionen ein Angebot bereithalten
– und schließlich werden sich alle Theater einer Profilierung nach den jeweiligen Stärken stellen müssen.

Voraussetzung dafür ist zunächst, dass die Theaterstandorte Erfurt und Weimar gestärkt werden, indem die Städte Erfurt und Weimar die Weichen für eine Strukturentscheidung stellen, die sowohl eine solide Finanzierung als auch ein qualitativ hochwertiges Angebot ermöglichen.

Ich betone ich diesem Zusammenhang ausdrücklich, daß das Land bereit ist, möglichst seinen derzeitigen Finanzierungsanteil beizubehalten. Wie Sie wissen, fließen derzeit etwa 40 % der 117 Millionen Landesförderung in die beiden Theater in Erfurt und Weimar. Dies soll nach unseren Vorstellungen so bleiben – nicht mehr und nicht weniger.

Aber auch hier ist klar, mit diesem Geld kann nur dann etwas sinnvolles geschaffen werden, wenn eine Profilierung nach den jeweiligen Stärken stattfindet.

Ich habe heute Nachmittag dazu vor allen anderen mit dem Oberbürgermeister von Weimar, Herrn Germer, und dem Kulturbeigeordneten von Erfurt, Herrn Kaiser, gesprochen – Herr Oberbürgermeister Ruge ist ja zur Zeit in Israel – und sie gebeten, entsprechende Vorschläge zu erarbeiten. Bis Ende Mai erhoffe ich mir hier erste Ergebnisse.

Daneben bedarf es einer verstärkten regionalen Zusammenarbeit in Form von Verbundlösungen der übrigen Theaterstandorte, die eine Schwerpunktbildung in den Regionen erfordert.

Wie diese regionale Schwerpunktbildung organisatorisch und in der Ausstattung aussehen kann, bedarf noch eingehender Prüfung.

Dabei ist maßgebend: Wir wollen erreichen, daß auch weiterhin an jedem heutigen Theater- und Orchesterstandort ein Programm angeboten wird, das alle drei Sparten – also Schauspiel, Musiktheater und Tanz – umfaßt.

Möglicherweise wird es so kommen, daß nicht mehr an allen Häusern in allen Sparten eigene Produktionen auf die Bühne kommen.

Meine Damen und Herren,

bei den erforderlichen Strukturplanungen soll das Konzept auch den Bezug zur zielgruppenorientierten Bedarfsermittlung, zur Einbindung von Wirtschaft, Handel und Tourismus und zu einem zeitgemäßen Kulturmarketing herstellen.

Ich habe daher heute die Träger und Intendanten gebeten, sich gerade zu diesem Punkt ganz verstärkt Gedanken zu machen. Theater und Orchester – da erzähle ich Ihnen nichts neues – stehen heute eben in einem absolut verschärften Wettbewerb mit vielen anderen Möglichkeiten, seine Freizeit sinnvoll zu gestalten.

Welche Rolle spielt Theater heute bei Fernsehkonsum, Internet und gewachsener Mobilität? Eine Antwort auf diese komplexe und natürlich auch schwierige Situation steht meines Erachtens noch aus.

Außerdem meine Damen und Herren, erwarte ich von den Theatern und Orchestern, daß sie auch noch einmal intensiv über die Stärkung der Eigenfinanzierungsquote nachdenken. Dies ist bei Leibe kein Allheilmittel, aber es kann auch nicht sein, daß diese Quote im Bundesdurchschnitt bei 15,3 % liegt und wir in Thüringen nur 7,6 % erreichen.

Meine Damen und Herren,

Sie sehen, wir haben ein ganzes Bündel an Ansatzpunkten vorgestellt. Ich wünsche mir jetzt eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit und vor allem bei den Trägern. Eine Diskussion, die vor allem nicht nach dem Sankt-Florian-Prinzip nur immer bei anderen Einsparmöglichkeiten sieht und das eigene Theater und Orchester davon unabhängig sieht.

Dies kann keine Lösung sein.
Wenn wir alles so erhalten, wie es jetzt ist und gleichzeitig nicht mehr Mittel zur Verfügung haben, wird das Kulturland Thüringen zwar seine Vielfalt erhalten, diese wird aber letztlich auch mit noch so viel Einsatz der Beteiligten deutlich an Qualität und Attraktivität verlieren.

Wir wollen in diesem Jahr die Weichen stellen und ich bin fest entschlossen, sie auch in Hinblick auf Qualität zu stellen. Dabei betone ich noch einmal, daß eine Planungssicherheit bis 2008 in keinem anderen Bereich von Seiten der Politik angeboten wird.

Das Land ist bereit, bei der Ausarbeitung eines Theater- und Orchesterkonzepts aktiv mitzuarbeiten. Wir werden daher bereits im April zu Regionalkonferenzen auf Arbeitsebene einladen – diese werden die Mitte, also Erfurt und Weimar, umfassen, außerdem den Westen sowie den Osten Thüringens einschließlich der Nord- und Südregionen.

Ich danke Ihnen.

Rainer Beichler |

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