Offener Brief: Westthüringer Regelschüler sind benachteiligt bei der Unterrichtsversorgung!

Bildquelle: Wuchert
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Ausgangspunkt dieses Briefs war die Petition im Januar 2026 „Gleichberechtigte Bildung für alle Schüler – unabhängig von der Schulart – Gleichverteilung der Lehrer auf die staatlichen Schulen“. Sie hat mich dazu veranlasst, die Unterrichtsversorgung an Regelschulen in Thüringen genauer zu betrachten. [1]
Dabei entstand der Eindruck, dass die Regelschulen im Bereich des Staatlichen Schulamtes Westthüringen besonders von fehlenden Lehrkräften und Unterrichtsausfall betroffen sind. Meine Auswertung öffentlich einsehbarer Schuldaten ergab, dass rund vier Schulstunden weniger Unterrichtsversorgung in der Woche im Bereich des Schulamts Westthüringen gegenüber dem Thüringer Mittelwert vorherrscht.[2]
Diese Zahlen überraschten mich. Deshalb habe ich die Untersuchung auf die Ebene einzelner Schulen ausgeweitet und im März 2026 über das Thüringer Transparenzgesetz versucht, die Situation der Lehrerwochenstunden im Raum Eisenach genauer zu untersuchen.
Dabei stieß ich auf ein für mich schwer nachvollziehbares Problem: Gleiche Anfragen nach Lehrerwochenstunden von verschiedenen Schulen wurden von allen Schulämtern in Thüringen beantwortet, bis auf das Staatliche Schulamt Westthüringen. Dieses lehnte meine Anfragen dagegen zunächst mit der Begründung: „Das Staatliche Schulamt wäre keine auskunftspflichtige Behörde“ ab, die nach einer Nachfrage beim zuständigen Landesbeauftragten ausgeräumt wurden. Auf eine erneute Anfrage folgte wiederum eine andere Begründung: „begehrten Daten liegen im Staatlichen Schulamt nicht als vorhandene, gebündelte amtliche Information vor“. Aber warum gibt es diese gleichen Daten in anderen Schulämtern? Wie koordiniert das Schulamt Westthüringen seinen Lehrerbedarf, wenn es keine Erhebung zu Lehrerwochenstunden an den Schulen hat? Eine Antwort auf meine Anfrage steht bis heute aus. [3]
Da dieser Weg nur übers Gericht weiterführen würde, habe ich mich auch an politische Vertreter gewandt. Gespräche mit der Vorsitzenden des Bildungsausschusses sowie mit Landtagsabgeordneten des Thüringer Landtages führten schließlich, mit dankenswerter Unterstützung, zu einer Kleinen Anfrage zur Unterrichtsversorgung.
Die Antwort des Bildungsministeriums war zunächst überraschend: Danach gab es keinen nennenswerten Unterschied bei der Unterrichtsversorgung der Regelschulen zwischen Westthüringen und anderen Schulamtsbereichen. Das passte jedoch nicht zu meinen Recherchen, viel mehr noch, mit diesen Zahlen aus dem Bildungsministeriums würden die Lehrer in Westthüringen deutlich mehr in der Woche arbeiten als ihre Kollegen in Thüringen. [4]
Eine erneute Nachfrage brachte schließlich die Erklärung: Bei der ursprünglichen Datenabfrage war ein Fehler aufgetreten. Wie kann eine Grundkennzahl des Schulmanagements falsch abgerufen werden? Wird diese überhaupt angeschaut und als Vergleich unter den Schulämtern herangezogen? Die korrigierten Daten aus der zweiten Kleinen Anfrage zeigten dann tatsächlich die anfangs ermittelte schlechtere Unterrichtsversorgung der Regelschulen in Westthüringen. Danach fehlen den Schülern und Schülerrinnen im Schulamt Westthüringen pro Woche zwei Schulstunden gegenüber dem Thüringer Mittelwert. Dies kann für manche Schulklassen an Regelschulen schon ein halber Schultag sein. [5]
Damit steht für mich im August 2026 fest: Schülerinnen und Schüler an Regelschulen im Bereich des Schulamtes Westthüringen erhalten weniger Unterricht als Schülerinnen und Schüler im Thüringer Mittel und sind damit benachteiligt bei der Unterrichtsversorgung!
Die entscheidende Frage aber ist: Warum ist die Unterrichtsversorgung in Westthüringen schlechter?
Im März 2026 fand dankenswerterweise ein von der Eisenacher Landtagsabgeordneten organisiertes Gespräch zwischen dem Bildungsstaatssekretär und den Schulleitungen aus der Region Eisenach statt. In diesem offenen Gesprächsformat berichteten Schulleitungen, dass es Probleme bei der Personalgewinnung und -besetzung gibt. So ist unter anderem von langen Bearbeitungszeiten, fehlenden Stellenausschreibungen und langen Wartezeiten auf Rückmeldungen zu beantragten Stellen die Rede [6]. Im August 2026 fand ein weiteres Gesprächsformat in Dermbach (Rhön) organisiert von Landtagsabgeordneten mit Bildungsstaatssekretär und Schulleitungen aus der Region statt. Auch dort wurde im Nachgang in der Presse über das langsame Tempo bei Stellenausschreibungen und Personalbesetzungen im Schulamt Westthüringen im Vergleich zu Südthüringen berichtet. [7].
Einzelne Beispiele beweisen selbstverständlich noch keinen strukturellen Fehler. Aber sie werfen Fragen auf, die aus meiner Sicht endlichsystematisch untersucht werden müssen.
Mir ist bewusst, dass Thüringen insgesamt unter einem erheblichen Lehrkräftemangel leidet. Meine Frage lautet deshalb ausdrücklich nicht, warum es überhaupt Lehrermangel gibt.
Meine Frage lautet: Warum scheint die Situation an den Regelschulen im Bereich des Schulamtes Westthüringen über längere Zeit besonders schwierig zu sein?
Gibt es besondere regionale Rahmenbedingungen im Vergleich zu Südthüringen? Gibt es organisatorische Probleme gegenüber anderen Schulämtern? Funktionieren Ausschreibungen und Besetzungsverfahren anders oder langsamer als in anderen Schulamtsbereichen? Gibt es bürokratische, personelle oder formalistische Ursachen? Wer untersucht kontinuierlich und unabhängig, warum es bei der Unterrichtsversorgung zwischen den Schulamtsbereichen zu solchen deutlichen Unterschieden kommt? Wie werden Kritik und Verbesserungsvorschläge der Schulleitungen aufgenommen und umgesetzt?
Diese Fragen sollten nicht durch weitere Einzelanfragen, sondern grundsätzlich und unabhängig untersucht werden. Ich wünsche mir deshalb von den gewählten Landesvertreterinnen und Landesvertretern aus Westthüringen, dass sie sich dieser Frage gemeinsam annehmen und eine geeignete Untersuchung auf Landesebene auf den Weg bringen. Dabei sollte es nicht um Schuldzuweisungen gehen, sondern darum, Ursachen zu verstehen, konkrete Verbesserungen zu erreichen und erfolgreiche Lösungen gegebenenfalls auf andere Regionen zu übertragen.
Denn hinter all den Zahlen stehen Schülerinnen und Schüler. Wenn Unterricht über längere Zeit ausfällt, notwendige Fächer nicht angeboten werden können oder Schülerinnen und Schüler dadurch schlechter auf ihre Abschlüsse und den Übergang in Ausbildung und Beruf vorbereitet werden, ist dies längst kein reines Verwaltungsproblem mehr.
Es geht mir um Chancengleichheit in der Bildung – und vor allem aber um die Zukunft junger Menschen in Westthüringen.
Thomas Wuchert
Eisenach den 08.09.2026
PS: Haben auch Sie Versäumnisse seitens des Schulamtes Westthüringen erlebt oder haben Sie Fragen zu den Quellen [x]? Dann schreiben Sie mir gerne unter: recherche-schulamt@web.de. Ich werde dieses Sammeln und an ein Gremium zum Thema weiterleiten.
