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Unsere Geschichte, aber nicht unser Erbe

Bildquelle: © Th. Levknecht

Schüler des Elisabeth Gymnasiums nahmen beim Holocaust-Gedenken Bezug auf die Gegenwart

Was in Ausschwitz geschah, sei „zwar unsere Geschichte, aber nicht unser Erbe“, betonte Valeria aus der 11. Klasse des Elisabeth-Gymnasiums Eisenach. Im Vorjahr war sie mit ihren Klassenkameraden in Ausschwitz. Es war inzwischen die dritte Exkursion von Schülern des Elisabeth-Gymnasiums dorthin, wie Geschichtslehrerin und Oberstufenleiterin Anett Arnold berichtet. Jetzt gedachten sie der Befreiung des KZ vor 75 Jahren in ihrer Schule.

Mit dem hebräischen Kanon „Hashivenu“ eröffnete der Oberstufenchor unter Leitung und Begleitung von Lehrerin Susan Unger melodisch eindringlich die Gedenkveranstaltung im Foyer der Schule. Vorgetragen wurde das aus der Feder des israelischen Komponisten Josef Hadat stammende Lied „Keshet I´vana“ (Weißer Regenbogen). Nachdenklich stimmte ein Gedicht zur menschenverachtenden Situation in solchen Lagern, das die Schülerin Basma vortrug. Ausschwitz sei Symbol für vielfachen Mord und Brutalität. Auch Leonie erinnerte in ihrem Redebeitrag an die Schreckenstaten.

Ihre ganz persönlichen Gedanken trug Valeria vor, die im Vorjahr Ausschwitz besuchte:

Das eigentliche Lager wirkte wie ein unaufgeräumter Schlachthof. Ein beißender Geruch hing schwer in der Luft. (…) Je tiefer wir auf das Gelände vordrangen, desto stärker war der Gestank von verbranntem Fleisch und vom Himmel regnete schmutzig schwarze Asche auf uns nieder, welche die Schneeflocken dunkel färbte. Ratlos standen unzählige Elendsgestalten mit eingefallenen Gesichtern und kahlen Köpfen draußen vor den Baracken. Sie wussten nicht, dass wir kommen. Die Überraschung darüber ließ viele in Ohnmacht fallen. Ein Bild. Das jeden schwach werden lässt, der es sieht. Das Elend war entsetzlich.

Mit diesen Worten erinnert sich Nikolai Politanow an den Tag der Befreiung. Er zählte am 27. Januar 1945 zu den ersten sowjetischen Soldaten, die das Konzentrationslager Ausschwitz erreichten. Heute, 75 Jahre später, stehen wir hier und stellen uns dieser Geschichte.

Die Erinnerung daran darf nicht enden. Das darf sie niemals. Denn nur, wer seine Vergangenheit kennt, ist befähigt, seine Zukunft zu gestalten. Sie muss Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, sie muss dort treffen, wo es am meisten schmerzt und sie muss uns bis in alle Ewigkeit eine Mahnung sein und bleiben. Aber eins, das darf sie nicht: ein in die Zukunft wirkendes Schuldbekenntnis sein. Schuld ist persönlich, sie vererbt sich nicht. Und deshalb ist Ausschwitz symbolhaft für millionenfachen Mord, Brutalität, Unmenschlichkeit und eine perverse Perfektion. Zwar unsere Geschichte, aber nicht unser Erbe.
Es liegt nicht in unserer Schuld, was in der dunkelsten Phase der Geschichte der Neuzeit geschah, und doch liegt es an uns, die Verantwortung zu tragen, dass so etwas, dass Ausschwitz sich niemals wieder ereignen kann. Gerade meine Generation, wir Schüler mit unseren 14, 15,16 Jahren sind diejenigen, die etwas verändern können. Dabei soll es nicht darum gehen, etwas wieder gut zu machen; im Gegenteil, wir müssen es von Anfang an besser machen. Das sollte gelingen, weil wir es besser wissen müssten. Doch ich habe das dumpfe Gefühl, unsere Gesellschaft sei eingeschlafen.

Bildquelle: © Th. Levknecht

Fremdenhass hat nichts mir persönlicher Freiheit zu tun
Derweil sehe wir, dass erneut was entstehen kann, wenn kein angemessener Widerspruch geleistet wird. Denn während all unsere Bekannten und Familienmitglieder sich ständig beschweren, dass sie nicht für eine Vergangenheit verantwortlich gemacht werden wollen, in der sie physisch nicht anwesend waren, dass es ja auch irgendwann mal reicht und man Vergangenheit einfach vergangen sein lassen sollte, entwickelt sich in dieser unserer Gesellschaft schon wieder ganz schleichend ein ganz politischer Block, in dem Moral und Haltung hinter der irrationalen Hetze stehen. Parteien, die sich öffentlich rassistisch und antisemitisch bekennen sowie mit allen Kräften gegen die notwendige Erinnerungskultur sind, finden wir inzwischen in allen Landtagen sowie im Bundestag. Fremdenhass hat nichts mit persönlicher Freiheit zu tun: Wir dürfen nicht die Freiheit haben, eine Diktatur als Demokratie zu verkaufen. Und es sollte auch nicht „Links gegen Rechts“ sein, sondern „Alle gegen Fremdenhass“, Wir sind zu bequem geworden und das ist eines der gefährlichen Stadien, in dem sich ein Zusammenleben bewegen kann. Denn alles, was das Böse zum Erfolg braucht, ist das Schweigen der Mehrheit. Wenn zuerst der Kopf im Gleichschritt mitmarschiert, dauert es nicht mehr lange, bis es auch der Stiefel auf der Straße tut.

Wir müssen achtsamer werden. Diese zwölf Jahre des Holocaust gehören zu den fatalsten, die die Menschheit je erlebt hat. Gegen mehr als sechs Millionen getötete und noch mehr seelisch gebrochene, gefolterte, zur Flucht gezwungene Menschen kann nichts eine Waage halten. Niemals ist eine Gesellschaft je so gescheitert, wie sie in diesen Jahren in Deutschland ist. Und überhaupt: Wo war der Rest der Welt? Wieso haben alle anderen Staaten nur stumm zugesehen, was wohl als nächstes passiert? Weil die meisten einfach genug wussten, um nicht mehr wissen zu wollen.

Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht
Niemals wird es genug Reue, genug Scham oder genug Demut geben. Auch 75 Jahre später nicht. Und nach weiteren 75 Jahren wird das nicht anders sein. Aber vielleicht können wir dann auf eine tolerante und fremdenfreundliche Weltbevölkerung blicken.
Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.
Können wir uns an diese Worte Brechts halten oder zumindest orientieren, wären wir einer solchen Gesellschaft schon deutlich näher. Es geht um das Miteinander, darum, gemeinsam Veränderung zu bewirken. Veränderungen aber sind nie einfach. Ihnen voraus geht der Wille dazu, die Fähigkeit zur Einsicht und eine gewaltige Menge an Unannehmlichkeiten. In der Erinnerung finden wir zwar eben diese Unannehmlichkeiten, aber ebenso wohl eine der größten Chancen, etwas anderes, etwas besser zu machen.
So erinnern wir am 27. Januar eines jeden Jahres der deutschen Verbrechen in den Jahren des Nationalsozialismus, demütig und doch aufrecht zugleich, und stellen fest: Es gibt kein Vergeben. Es gibt kein Vergessen.

Bildquelle: © Th. Levknecht

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