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Zur 75. Wiederkehr des Kriegsendes in Eisenach am 6. April 1945

Als den Morgenstunden des 6. April 1945 amerikanische Truppen in der Wartburgstadt einmarschierten, endete für die Eisenacher die größte Verheerung des 20. Jahrhunderts. Die damals 80-jährigen hatten als Kinder noch den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erlebt. Auch wenn er Spuren in Eisenach nicht hinterlassen hatte, so ging er doch in das kollektive Gedächtnis als ein kriegerisches Ereignis ein. Die 60jährigen erlebten in der Blüte ihrer Jahre das Inferno des Ersten Weltkriegs, der mit zahlreichen Eisenacher Gefallenen, mit Hunger und Elend in den ersten Nachkriegsjahren auch am Fuß der Wartburg wahrnehmbare Folgen zeitigte. Und die 30jährigen verloren ihre Jugend in sechs Jahren Krieg, der ein tausendjähriges Reich begründen sollte.

Waren die Eisenacher also an Krieg gewöhnt? Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ohne dass man behaupten könnte, dass sie sich an Gefallene, Verwundete, an Hunger und Not je gewöhnt hätten, wurden sie aber doch in jedem Fall mit kriegerischen Ereignissen „groß.“ Wir wissen heute nicht, was Anfang April 1945 in den Köpfen der Menschen schwerer wog. War es die Furcht derjenigen, die verloren hatte, vor der Rache der Sieger? Immerhin hatte das Naziregime dieses „Angst-Gen“ mit einigem Erfolg den Menschen implantiert. Oder war es Erleichterung, dass es nun keine Bomben und Granaten mehr geben würde, keine Fliegeralarme, keine nächtlichen Aufenthalte in Luftschutzkellern, keine Angst mehr um geliebte Angehörige?

Unabhängig ob Angst oder Erleichterung überwogen, bezeichnet doch der 6. April 1945 den Zeitpunkt, der rückblickend für die Eisenacher die längste Friedenszeit einläuten sollte. Dieser Schritt „vom Krieg zum Frieden“, der sich Ostern 1945 für die Eisenacher vollzog, war kein leichter. Als „führerlos“ bezeichnete ein nicht unterschriebener Lagebericht in den Akten des Stadtarchivs die Stadt am 4. April 1945. Die Oberen der NSDAP mit dem Kreisleiter Hermann Köhler an der Spitze hatten Eisenach ebenso verlassen wie der von „nationalsozialistischen Gnaden“ 1937 erhobene Oberbürgermeister Dr. Herbert Müller-Bowe. Gerüchte schwirrten durch die Stadt. Einzelne bewaffnete Wehrmachts- und SS-Einheiten sorgten für Unsicherheit. Parlamentäre der die Stadt einschließenden amerikanischen Truppen versuchten eine kampflose Übergabe zu erreichen. An verschiedenen Stellen ergriffen Privatpersonen Initiative, um ein Inferno zu verhindern. In der Nacht vom 5. auf den 6. April gab es noch einen Granatbeschuss, ehe morgens die Amerikaner aus dem Georgental über die Katharinenstraße in Eisenach einmarschierten. Inzwischen waren an verschiedenen Stellen die weißen Fahnen der Kapitulation gehisst worden. Im Hotel Kaiserhof übergab schließlich der vom fliehenden Kreisleiter Köhler kurz zuvor zum Oberbürgermeister ernannte Rechtsanwalt Dr. Rudolf Lotz Eisenach an die Amerikaner. Aufatmen in der Bevölkerung.

Während die Bundesrepublik am 8. Mai an die Befreiung erinnert, ist der 6. April ein spezieller Eisenacher Gedenktag, der sich erst nach 1990 etabliert hat. Vorher gab es den zentral gesteuerten Erinnerungstag am 8. Mai mit Kundgebungen und Demonstrationen. Doch brauchen wir zwei Daten, um uns kollektiv zu erinnern? Die Erinnerung erreicht den höchsten Grad an Emotionalität immer dann, wenn sie konkret wird. Und Emotionen sind wichtig, auch für das kollektive Gedächtnis. Allzu oft droht die Gefahr, dass das Ausmaß einer Katastrophe in der Anonymität von Zahlen verschwindet. Ist jedoch die Geschichte an einen Ort, an Personen, an Familienschicksale gebunden, so wird auch die Erinnerung konkret. Deshalb sollten wir sowohl am 6. April als auch am 8. Mai innehalten und darüber nachdenken, was uns heute 75 Jahre Frieden bedeuten.

Ein Bedarf dazu besteht durchaus, wie die letzten drei Jahrzehnte gezeigt haben. Erstmals hat eine Ausstellung des Stadtarchivs im Jahr 1995 ganz bewusst den Blick auf das Eisenacher Kriegsende am 6. April gerichtet. Nur wenige Wochen im Residenzhaus zu sehen, lockte sie tausende Besucher. In einer Gedenksitzung des Stadtrates, die im Spiegelsaal des Kaiserhofes, jenem Ort, an dem am 6. April 1945 Eisenach in die Hände der Amerikaner gelegt wurde, stattfand, sprach eine Zeitzeugin: Dr. Godiva Kroner hatte im April 1945 für die Amerikaner in Eisenach gedolmetscht. Der Wehrmachtshauptmann Hans Galli, der im April 1945 auf der Hohen Sonne die ihm zugewiesenen Volkssturmmänner einfach nach Hause schickte und so mögliche Kampfhandlungen unterband und Leben rettete, sprach 2005 vor einem außerordentlich zahlreichen Publikum. Im gleichen Jahr war innerhalb kürzester Zeit eine vom Geschichtsverein herausgegebene Broschüre „Das Ende des Krieges. Eisenach im April 1945“ vergriffen. Und auch das Beispiel, dass jemand versuchte, auf gerichtlichem Wege die Stadt zu zwingen, einen seiner Vorfahren als besonders verdienstvoll um die Rettung der Stadt in die Stadtchronik aufzunehmen, belegt das anhaltende Interesse der Eisenacher an diesem Gedenktag. Er erlebte seinen vorläufigen Höhepunkt zur 70. Wiederkehr im Jahr 2015, als in amerikanischen Archiven Filmsequenzen gefunden wurden, die den am 5. April 1945 gescheiterten Versuch amerikanischer Parlamentäre für eine kampflosen Übergabe Eisenachs zeigen. Die kurzen Sequenzen wurden damals vor einem zahlreichen Publikum aufgeführt.

Auch wenn die aktuellen Umstände dazu zwingen, uns heute anders zu erinnern, so darf der 6. April gerade im 75. Jahr der Wiederkehr dieses Kriegsendes in der Wartburgstadt im kollektiven Gedächtnis nicht übergangen werden. Gerade deshalb nicht, weil er uns zugleich an 75 Jahre Frieden erinnert.

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