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Falsche Scham in Sachen Darm

Mehr als 31.500 Menschen in Thüringen haben die Diagnose Reizdarmsyndrom. Das entspricht einem Anteil von 1,46 Prozent der Thüringer Bevölkerung. Nur in Baden-Württemberg, im Saarland und in Bremen ist der Anteil der Menschen, die an dieser Krankheit leiden, noch größer als in Thüringen, geht nach Auswertungen bezogen auf die Gesamtbevölkerung Thüringens und Deutschlands aus dem aktuellen BARMER Arztreport hervor. Die Dunkelziffer der Betroffenen liegt weit über den aus Diagnosedaten ermittelten Werten.

Befragungen legen nahe, dass bis zu 16 Prozent der deutschen Bevölkerung vom Reizdarmsyndrom betroffen sind. Das sind bundesweit rund elf Millionen und in Thüringen etwa 344.000 Menschen. Zahlreiche Betroffene meiden bei Symptomen wie Durchfall, Krämpfen oder Verstopfung aus Scham den Gang zum Arzt. Diese große Diskrepanz zeigt, dass die Erkrankung nach wie vor ein Tabuthema ist, sagt Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Thüringen.

Vor allem junge Menschen, insbesondere Frauen, sind betroffen
Auffällig ist, dass zunehmend jüngere Menschen am Reizdarmsyndrom erkranken. Die Zahl der Betroffenen im Alter von 23 bis einschließlich 27 Jahren ist zwischen den Jahren 2005 und 2017 bundesweit um rund 70 Prozent angestiegen. Über alle Altersgruppen hinweg beträgt die Zunahme 30 Prozent. Betroffen sind außerdem deutlich mehr Frauen als Männer. Bei ihnen nimmt die Zahl mit Eintritt in die Pubertät deutlich zu. Ein erster Häufigkeitsgipfel zeigt sich im Alter von 25 Jahren. BARMER-Landeschefin Birgit Dziuk bezeichnet diese Entwicklungen als besorgniserregend.

Möglicherweise lässt sich das Plus unter anderem mit einer gestiegenen Bereitschaft zur ärztlichen Begutachtung der oft tabuisierten Beschwerden erklären. Das wäre angesichts der insgesamt negativen Entwicklung dann immerhin ein positiver Begleiteffekt.

Bis zu acht Jahre Leidensweg bis zur Reizdarmdiagnose
In über vier von fünf Fällen (83,4 Prozent) erhalten Betroffene in Thüringen die Reizdarmdiagnose vom Hausarzt. Viele von ihnen erleben jedoch eine wahre Arzt-Odyssee, bis letztlich das Reizdarmsyndrom diagnostiziert wird. Denn wer an einem Reizdarmsyndrom erkrankt ist, verursacht den Reportergebnissen zufolge bereits acht Jahre vor der Erstdiagnose deutlich höhere Kosten als Vergleichspersonen, die diese Erkrankung nicht haben.

Die Diagnose Reizdarmsyndrom kann grundsätzlich erst nach Ausschluss anderer Ursachen gestellt werden, verdeutlicht Dr. Ulrike Reinsch, Hausärztin in Erfurt und Vorsitzende des Fachausschusses hausärztliche Versorgung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen. Viele Patienten sind aufgrund der fortwährenden Symptome beunruhigt. Wichtig ist deshalb ein Mix aus ausführlicher Anamnese, Medikamentenanamnese und körperlichen Untersuchungen. Es ist ein gemeinsames Herantasten mit dem Patienten. Die eine Therapie gibt es leider nicht.

Bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms ist es der Hausärztin zufolge besonders wichtig, den ganzheitlichen Blick auf Körper und Geist zu richten.

Nötig ist ein multidisziplinärer Behandlungsansatz, da meist nicht allein der Darm das Problem ist.

Zusammenhänge zwischen Psyche und Darmfunktion
Dass beim Reizdarmsyndrom eine enge Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten, zertifizierten Ernährungsexperten und Psychotherapeuten notwendig ist, bestätigt auch Dr. Gregor Peikert, in Jena praktizierender Psychotherapeut und Präsident der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer.

Bei funktionellen Darmerkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom sollten in Diagnostik und Behandlung auch psychische Belastungen oder emotionale Reaktionsmuster beachtet werden, so Dr. Peikert.

Die Wissenschaft kennt inzwischen zahlreiche Zusammenhänge zwischen Psyche und Darmfunktion. Einerseits wirkt psychischer Stress über das vegetative Nervensystem auf die Darmfunktion, andererseits haben Störungen der Darmfunktion auch Folgen für die Psyche.

Betroffene des Reizdarmsyndroms fühlen sich nicht selten in ihrem Alltag eingeschränkt. Alleine der Weg zur Arbeit, ein Treffen mit Freunden, ein Restaurant- oder ein Kinobesuch können sehr belastend sein, macht Dr. Gregor Peikert deutlich.

Zudem erkennt er in den Zahlen des BARMER-Arztreports eine offensichtlich zunehmende Belastung der jüngeren Generation, die kritisch angeschaut werden sollte.

Regionale Unterschiede
Den Auswertungsergebnissen nach, leiden in Thüringen (1,46 Prozent der Bevölkerung) mehr Menschen an einem Reizdarmsyndrom als im Bundesdurchschnitt (1,34 Prozent der Bevölkerung). Zudem ist, mit Ausnahme Thüringens, ein Ost-West-Gefälle zu erkennen. Der Anteil der Betroffenen liegt in allen anderen neuen Bundesländern unter dem bundesweiten Mittel. Die vergleichsweise hohen Betroffenenzahlen in Thüringen unterstreichen, dass das Reizdarmsyndrom kein reines West-Problem ist.

Ernährungsumstellung, Bewegung, Entspannung
Betroffene vermuten häufig, dass ihre Darmprobleme damit zusammenhängen, was sie essen. Viele machen tatsächlich die Erfahrung, dass bestimmte Lebensmittel die Beschwerden lindern oder auch begünstigen.

Es gibt zwar nicht genügend aussagekräftige Studien, die einen direkten Zusammenhang von Ernährung und Reizdarm belegen. Das bedeutet allerdings auch nicht, dass eine Ernährungsumstellung nicht doch dazu führen kann, dass sich die Symptome bessern, erklärt Dr. Annette Rommel.

Zur Abklärung von Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten sei ein Besuch beim Hausarzt unerlässlich.

Andrea T. | | Quelle:

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