35 Jahre Elisabeth-Gymnasium Eisenach:
Die nicht gehaltene Festrede von Gerhard Sippel, Gründungsvater und ehemaliger Schulleiter des Elisabeth-Gymnasiums:
Am Ende meines Grußwortes für die Festschrift formulierte ich den Satz: „Mit Träumen beginnt die Realität“. Diese Realität habe ich für unseren 35. Geburtstag erhofft. Was ich im Vorfeld dieser Feier jetzt und in den nächsten Stunden, Tagen erleben darf, übertrifft meine Wünsche und Vorstellungen. Ich bin zufrieden und ich bin glücklich das ich viele ehemalige Schüler, Lehrer, Eltern, Fördervereinsmitglieder, technische Kräfte und Freunde des Gymnasiums begrüßen kann. „Wer kein Bewusstsein von seiner Herkunft hat, der wird auch kein Weg in die Zukunft finden“, dieser Satz fiel mir ein, als ich die enormen Anstrengungen ehemaligen Schüler in Vorbereitung dieses Festes beobachten konnte. Schüler des Elisabeth-Gymnasiums kennen ihre Herkunft, haben dieses angesprochene Bewusstsein und damit ist die Frage zu klären, was war das Besondere an unserer Schule. Besonders war es, dass wir uns für einen Namen entschieden haben, der nicht Allen gefiel, aber für die Entwicklung, für das Klima an unserer Schule von enormer Bedeutung war und ist. Dabei sind die sieben Werke der Barmherzigkeit nur eine mögliche Orientierung. Aber ein Satz, aus dem geringen Reservoir schriftlicher Aufzeichnungen der Elisabeth, lässt sich immer und überall rezitieren: „Man muss die Menschen froh machen“. Diese Aussage in Ergänzung zum Spruch: „Durch steiniges zu den Sternen“ sind genügend Motivation für die Arbeit in unserer neuen Schule. Diese Schule sollte der „Stolz“ unserer Stadt werden und im Wettstreit mit den anderen Gymnasien die Bildungslandschaft bereichern. Ein Großvater einer Schülerin unserer Schule sprach mich im April anlässlich der Diskussion um die Fusion der Gymnasien an und erzählte folgende Geschichte: „Der Abiturjahrgang seiner Enkeltochter hatte sich vorgenommen, die Garderoben in der Schule zu erneuern – ihr Abiturgeschenk. Einige Tage nach Beginn der Aktion wollte er sich von deren Fortgang überzeugen und war begeistert und hat selbst, wie auch andere Eltern, Hand angelegt. Eine Bibliothek für unsere Schule – das war ein großer Traum. Er wurde am 31. 01. 1992 realisiert. Wie war das möglich? Lehrer, Schüler, Eltern haben die Bedeutung dieses Vorhabens für unsere Schule begriffen. 45.000 Atemschutzmasken blockierten die Räumlichkeiten für die Bibo und den Lesesaal. Gemeinsam haben wir die Kisten auf den Schulhof transportiert und sicher abgestellt. So sicher, dass zwei Tage später der Hausmeister, Herr Grübel, mir von heftigen Attacken berichtete. Kisten wurden aufgebrochen und Masken geklaut. Zum Schuljahresbeginn 1992 hatten sich erneut 270 Schüler zusätzlich an unserem Gymnasium angemeldet. Nach Rückfragen mit dem Kreis und der Stadt erhielt ich freie Hand, ein weiteres Gebäude herzurichten. Das war es. Nach Besichtigung mehrerer Schulen und Einrichtungen entschieden wir uns für das Haus in der Thälmannstraße. Sollte es eine Schule werden, musste es total umgebaut werden. Zunächst waren auch hier Eltern, Lehrer, Schüler gefragt, die Vorbereitungsarbeiten, wie Fenster-, Tür- und Wanddurchbrüche herzustellen, den Müll wegzuräumen usw. Praktisch aus dem Nichts wurde eine „brauchbare“ Schule hergerichtet und eingerichtet. Diese Aktion habe ich aufgelistet, um darzustellen, wie sich eine vollkommen neue Schulgemeinde entwickeln konnte.
Toleranz, Vertrauen, gegenseitige Achtung, Ehrlichkeit und der Anspruch zum gemeinsamen Gelingen beizutragen, haben das ermöglicht. „Wer einen Nächsten einen Berg hinaufhilft, kommt selbst dem Gipfel näher“, schulisches Gestalten ist keine Einbahnstraße. In unserer Schule ist das gelungen. Wer hätte gedacht, dass die Projekte „Leben unterm Hackenkreuz, Jüdisches Leben in Eisenach“ und „Hilfe für Kinder in Gusev“ möglich waren, regional und überregional mit großer Aufmerksamkeit bedacht und enorme Würdigung erfahren könnten. Auch sie hatten einen Hintergrund und waren für Schüler, Lehrer, Eltern und die Öffentlichkeit die passende Antwort auf aktuelle Geschehnisse in dieser spannenden und aufregenden Zeit. In Hoyerswerda und Rostock brannten Asylheime, unsere Schule wurde von Neonazis belagert und Schüler von ihnen angegriffen. Ich musste mehrfach Haus- und Geländeverbote aussprechen.
Wir versuchten mit dem Projekt „Leben unterm Hackenkreuz“ zur Auseinandersetzung mit diesen Geschehnissen anzuregen. Schüler forschten über jüdisches Leben in Eisenach, gestalteten Ausstellungen mit ihren Ergebnissen, pflegten die Gräber der Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof. Hervorheben möchte ich das Theaterstück von Michael Nickolaus (16 Jahre): „Wir leben ewiglich“, welches vor ehemaligen jüdischen Bürgern, die den Holocaust überlebt hatten und Gäste der Stadt waren, aufgeführt wurde. Weitere Aufführungen erfolgten in Israel. Das Projekt Gusev hatte auch einen aktuellen Hintergrund. Die Zeit nach der Wende war für viele Familien mit enormen Schwierigkeiten verbunden. Die Fahrten nach Gusev, das Leben dort, die Bedingungen in drei Kinderheimen und der Schule Nummer 6, haben Augen geöffnet und eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft bei Schülern, Eltern, Lehrern, Gewerbetreibenden, Grundschulen und vielen Freunden des Gymnasiums ausgelöst. Die Benefizkonzerte im Bürgerhaus waren legendär und erbrachten einen wahren Geldsegen; mit diesem und den Sachspenden konnten wir helfen und diese Hilfe ist vor Ort angenommen wurden.
Natürlich musste auch in der Schule gelernt werden- unsere wichtigste Aufgabe. Beim Blick in das Ehrenbuch wird sichtbar, welche herausragenden Ergebnisse unsere Schüler erzielten, andere haben durch beachtenswerte Aktionen auf sich und die Möglichkeit aufmerksam gemacht, der Schule ein besonderes Alleinstellungsmerkmal zuzuordnen. Wir begannen den musisch-, künstlerischen Zweig zu installieren. Dieser eröffnete neue Wege des Lernens, ob beim Theaterspiel, bei der Gestaltung von Ausstellungen, Auftritten in der Öffentlichkeit und vieles mehr.
Geld hatten die Verantwortlichen des Kreises und der Stadt nicht in ausreichender Menge für unseren beiden Schulkomplexe. Trotzdem hat sich in den Jahren viel verändert. Dazu haben im Besonderen die Geschenke der Abiturjahrgänge beigetragen. Ich wiederhole: Schüler haben sich bei ihrer Schule am Ende ihrer Zeit bedankt und das mit großer Begeisterung, mit großem finanziellem, materiellem, persönlichem Aufwand. Die Rekonstruktion der Garderobe habe ich schon erwähnt. Zu nennen sind weiterhin die Schul-Uhr zum Hof, der Volleyballplatz auf dem Schulgelände, Tischtennisplatten für Innen- und Außenanlagen, Malerarbeiten in Klassenräumen und Gängen und die Krönung: die Verschönerung der gesamten Fassade. Ausgangspunkt hier war ein Gespräch mit der Verantwortlichen der Stadt: „Die Fassade ist noch vom Krieg gezeichnet, der Putz fällt von den Wänden“, so meine Worte. Die Antwort: „Wir haben für solch eine aufwendige Aktion nicht das Geld, möglicherweise könnte durch Anpflanzung von Efeu und Wein Abhilfe geschaffen werden.“ 40.000 Euro haben die Abiturienten dieses Jahrgangs gesammelt und an die Stadt zur Beantragung von Fördermittel übergeben. Ich weiß nicht, ob es noch irgendwo in diesem Land eine ähnliche Aktion gab. Die besondere Lage unserer Schule in der Nähe der Werner-Aßmann-Halle, Katzenaue, Schwimmhalle hatte und hat große Auswirkungen auf das Sportgeschehen, die Teilnahme an Turnieren und überregionale Wettbewerbe. Besonders die enge Beziehung zum ThSV Eisenachs hat großen Einfluss auf viele sportliche Events. Über die Kooperation könnte ich viel erzählen – ich denke das werden Andere tun.
Was ist noch zu sagen, 2018 haben die Verantwortlichen der Stadt festgestellt, dem Elisabeth-Gymnasiums geht es nicht mehr so gut. Es gibt zu viele Schüler, die Kapazität der Räume ist ausgereizt, wir müssen Anbauen. Es gab dann auch schon ein Projekt. Leider wurde dieses nicht realisiert, weil Geld fehlte, und im Ergebnis wurden notwendige Maßnahmen gestrichen und Container aufgestellt. War das schon der Anfang vom Ende? Nein – der kam am 08.07.2025 mit einer wohl organisierten Pressekonferenz, am Beginn der Sommerferien. Wie lautet der Spruch: „Wenn man Kinder, Eltern, Mitmenschen abholen will, muss man sie begeistern“; in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten nach der Pressekonferenz war nichts von Begeisterung zu spüren – die beteiligten Lehrer, Eltern, Schüler und viele andere Bürger waren geschockt und hatten das Gefühl, hier passiert was Grausames und wir sind nur Zuschauer. Die Fusion der Gymnasien war an diesem Tag beschlossene Sache. Es ging um ein Geschäft, was schon am 25.05.2025 besprochen war.
Trotz alle dem: Ich träume von einer Stadt mit einer zukunftsorientierten Bildungslandschaft – und dass viele Menschen dieser Stadt und deren Umfeld das auch so sehen und erleben.
Gerhard Sippel
