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Altstadtführung auf den Spuren unbequemer Denkmale

Teil drei der Serie zum Tag des offenen Denkmals beschäftigt sich mit einer Sonderführung durch die historische Altstadt Eisenachs und zu unbequemen Denkmalen entlang des Weges.

Auf den Spuren unbequemer Denkmäler können Interessierte während eines Rundgangs durch die historische Altstadt Eisenachs am 8. September wandeln. Mit drei Eisenacher Gästeführern der Eisenach-Wartburgregion Touristik GmbH startet der Spaziergang am Marktbrunnen. Es geht vorbei an Weltkultur und Weltgeschichte – aber auch so manchem leerstehenden Haus. Die Gästeführer geben an den einzelnen Stationen ausführliche Auskünfte. Die Gebäude dürfen aufgrund ihres baulichen Zustandes nicht betreten werden.

Mit dabei ist das Haus Johannisplatz 16 – besser bekannt als «Gasthaus Mille». Es gehört eher zu den «unbequemen Denkmalen», denn es befindet sich in einem allgemein schlechten baulichen Zustand.

Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Am 16. Dezember 1881 eröffnete Ferdinand Miller hier ein Restaurant, der letzte Gastwirt in dem Lokal hieß Hermann Wurmehl. Er hatte seit 1935 die Schanklizenz inne. Laut Unterlagen des Eisenacher Stadtarchivs gehörte das Gebäude seit 1. Oktober 1949 der «Aktiva. Thüringische Grundstücks- und Vermögensverwaltung GmbH» – einem Unternehmen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Ende 1950/Anfang 1951 wurde das ehemalige Hotel zu einem Clubhaus des Kommunalwirtschaftsunternehmens (KWU) umgebaut. Die KWU war eine Auffanggesellschaft für ehemals private Unternehmen, die kommunales Eigentum wurden. 1955 diente das Haus als Kulturhaus des Rates des Kreises. Am 1. Oktober 1955 wurde es zum Betriebskulturhaus des VEB Aufa (später FER). Am 20. Dezember 1958 fand hier die erste «sozialistische Eheschließung» statt, 1966 wurde der «Treffpunkt der Frau» eröffnet. Prägend für den Johannisplatz ist die Fassade des Hauses mit der vorspringenden Gebäudeecke. Wie das Gebäude in Zukunft genutzt werden könnte, steht noch nicht fest.
Der Rundgang führt am 8. September auch am Gebäude Georgenstraße 26 – der ehemaligen Kaufmännischen Berufsschule – vorbei. Es befindet sich seit 1993 in Privatbesitz, steht derzeit aber leer. 1980 wurde das Gebäude erstmals unter Denkmalschutz gestellt.

Es gehörte schon 1842 und noch 1920 der Familie von Eichel-Streiber (Unternehmer und Mäzene der Stadt Eisenach). Im Herbst 1919 erwarb die Stadt Eisenach Haus und Grundstück von Friedrich Heinrich von Eichel auf Isseroda bei Weimar. 1925 wurde der heute nicht mehr vorhandene Ladeneinbau zwischen den Grundstücke 26/28 und 30 (Reuterschan, Augustinerbräu) errichtet. In den Folgejahren waren verschiedene Mieter in dem Haus: Fürsorgestelle für Lungenkranke, Wohlfahrtsamt, Arbeitsamt, Erwerbslosenfürsorge. 1957 begann der Umbau für die Einrichtung der Betriebsberufsschule der Handelsorganisation (HO). Laut Unterlagen im Stadtarchiv wird die bauliche Gestaltung in die Zeit um 1850 geschätzt. In einem Gutachten heißt es: «Das klassizistische Bauwerk mit seiner stilvoll und harmonisch gegliederten Fassade besitzt eine Anzahl von recht gut erhaltenen Stilräumen, die ihrem Charakter und künstlerischem Rang nach als beispielhaft für die Zeit um 1800 zu bezeichnen sind. In Eisenach sind Räume dieser Art nicht noch einmal vorhanden.»
1984 erhielt die Schule den Namen Wilhelm Enke – ein antifaschistischer Widerstandskämpfer und späterer Offizier der Staatssicherheit. Noch bis 1989 wurde es als Berufsschule HO genutzt.
Geplant ist, dass die Grundmauern an der Nordseite des Gebäudes saniert werden. Dazu kommt das Entkernen der Böden im Erdgeschoss. Auch der Sockel (Südseite) soll ausgebessert werden, ebenso das Fachwerk im Erdgeschoss. Hinzu kommt die Sanierung der Schwammschäden in der Decke im Obergeschoss, der Dachstuhl wird durch eine neue Tragwerkskonstruktion ersetzt und das Dach wird neu eingedeckt. Wie das Gebäude in Zukunft genutzt werden kann, ist noch nicht abschließend geklärt.

Bewegte Zeiten hat auch das Haus Georgenstraße 50 – ehemaliger Jugendclub «Sonne» – hinter sich. Dieses Haus spielt bei der Frage nach der Authentizität des Lutherhauses eine Rolle. Zu einer nicht bekannten Zeit ist an der Häuserfront eine Tafel angebracht worden, die darauf hinweist, dass das Haus der Familie Cotta gehört habe. Bei dieser hat der junge Luther gelebt. Damit wird suggeriert, dass Luther in dem Haus Georgenstraße 50 gelebt habe. Diese Frage haben auch Experten nicht eindeutig klären können.
Sicher ist, dass es sich beim Haus Georgenstraße 50 um ein ortstypisches Bürgerhaus des 16. Jahrhunderts handelt, das aufgestockt und umgebaut worden ist.
Bevor sich in dem Gebäude der Jugendclub «Sonne» niederließ, befand sich darin unter anderem ein Gasthof. 1974 begannen Umbauarbeiten für die Zwecke eines Ledigenwohnheims für das Automobilwerk Eisenach, ein Jahr später begann der Umbau zum Jugendclub. Dieser wurde im März 1976 eröffnet. Immer wieder fanden in den Folgejahren Renovierungsarbeiten und Wiedereröffnungen des Jugendclubs statt: Unter anderem am 11. September 1979, am 1. Oktober 1982 mit einem Volksfest und am 1. September 1987. Am 9. März 1986 fand die Feier zum zehnjährigen Bestehen des Jugendclubs statt. Am 25. August 1988 eröffnete der Jugendclub nach erneuter Pause wegen Renovierungsarbeiten. Die erste Veranstaltung war eine Solidaritäts-Diskothek, die einen Erlös in Höhe von 643 Mark einbrachte.
Zum Thema «Unbequeme Denkmale» passt dieses Haus gut: Defekte Rohrleitungen und eine teilweise defekte Dachhaut haben Schäden an der Fachwerkskonstruktion verursacht. Auch die Decken sind teilweise herabgesunken. Die Seitenflügel und das Hinterhaus sind wegen ihres sehr schlechten baulichen Zustands bereits 2009 bis auf den Keller unter dem ehemaligen Saal abgebrochen worden. Das Gebäude wird voraussichtlich ab Oktober 2013 gesichert, um nach und nach die geschädigten Bereiche auf einen bautechnisch nachhaltigen Stand zu bringen.

Ein weiteres «unbequemes Denkmal» der Goldschmiedenstraße 8-10. Es wurde im Auftrag des Eisenacher Konsumvereins als Kaufhaus in den Jahren 1929 bis 1930 vom Eisenacher Architekten Alfred Schmidt im Bauhausstil gebaut. Angeboten wurden in dem Geschäft Colonial- und Schuhwaren, Textilien und Haushaltsartikel. Am 20. März 1967 eröffnete hier das Konsum-Kinderkaufhaus «Steppke». Es schloss endgültig am 31. Dezember 1992. Inzwischen ist das leerstehende Haus in Privatbesitz. 1980 ist es erstmals unter Denkmalschutz gestellt worden. 2006 wurde es als Kulturdenkmal in das Denkmalbuch des Freistaates Thüringen eingetragen.
An dem Gebäude gibt es viele interessante Details zu sehen. Dazu gehören die Fassade, die aus Ziegelsteinen besteht oder aber die farbig abgesetzten Brüstungen der Loggien. Auch die gerundeten Glasflächen und verklinkerten Felder/Bänder sind sehenswert. Neben zwei Treppenanlagen aus Eisenbeton befindet sich auch ein Lastenaufzug mit elektrischem Antrieb im Haus.

Programm am 8. September:
15.30 Uhr, Treffpunkt Marktbrunnen
Sonderführung zum Denkmaltag «Führung durch die historische Altstadt»- mit drei Gästeführern der Eisenach-Wartburgregion Touristik GmbH, ermäßigter Preis

In Eisenach findet der Tag des offenen Denkmals am 8. September statt. An diesem Tag dreht sich alles um «Unbequeme Denkmale». Der Titel verrät es schon, nicht jedes Denkmal muss schön und bequem sein. Die Eröffnungsveranstaltung mit Oberbürgermeisterin Katja Wolf findet am Sonntag, 8. September, um 11 Uhr in der Ostkantine «O5» des ehemaligen Automobilwerkes Eisenach statt. Bereits einen Tag vorher (Samstag, 7. September) findet ein Konzert – «Eric Clapton Nacht»- im Industriedenkmal «Alte Mälzerei» statt.

Rainer Beichler | | Quelle:

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