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Die Horschlitter Mondstürmer

Für große Verwunderung sorgte ein Bericht in der Thüringer Allgemeine „Wo der Erwisch und die Hanghühner wohnen“ von Samstag, den 22.08.2020. In diesem wird über die Entstehung und Bedeutung von Necknamen der Bewohner verschiedener Orte im Wartburgkreis berichtet. Für die Bewohner des Werra-Suhl-Tal Stadtteils Horschlitt wird der Neckname „Hundsfresser“ genannt. Woher diese Annahme kommt, können wir nicht nachvollziehen und diese ist natürlich grundlegend falsch. Es gab zu diesem Bericht keine Anfrage an die Ortschronistin Ingrid Kaufmann oder den Ortsteilbürgermeister Maik Klotzbach.

Mit dem nachfolgenden Text wollen wir klarstellen wie die Horschlitter zu ihrem wirklichen Necknamen gekommen sind.

Die Horschlitter Mondstürmer
Dies ist eine Geschichte aus Dichtung und Wahrheit die den Horschlittern den schönen Beinamen „Mondstürmer“ eingebracht hat. Im 17. oder 18. Jahrhundert, vielleicht nach dem 30-jährigen Krieg oder auch später, gab es, wie auch die Chronik ausweist, etwa zweihundert Einwohner in Horschlitt. Davon allerdings eine Handvoll recht trinkfreudiger Männer, die uns dann auch zu dieser Schmunzelgeschichte und dem schönen Beinamen verholfen haben.

In dieser Zeit trug es sich also zu, dass just ein paar Vagabunden in einer Scheune in Horschlitt vorübergehend Quartier nahmen. Ihre Drehorgel, mit der sie umherzogen und um Gaben bettelten, hatten sie in der Sakristei der Kirche abgestellt. So war diese gewiss unter der Aufsicht des lieben Gottes am sichersten untergebracht. Da es zu dieser Zeit noch kein Spritzenhaus in Horschlitt gab, hatte die Feuerwehr in der Sakristei ihre Handspritze ebenso deponiert. Die im Ernstfall auf einen Dungwagen geladen, damit zum Brandort gefahren und dort zum Einsatz gebracht wurde. Diese Zusammenhänge sind für die folgend beschriebenen Ereignisse von enormer Bedeutung.

So saßen besagte trinkfreudige Männer eines Tages, so gegen Abend in der Schenke „Zum halben Ärmel“. Die Schenke würde so genannt, weil der Wirt, der Ludewich, stets Hemden mit kurzen Ärmeln trug. Eine Mode, die sich bekanntermaßen bis zum heutigen Tag durchgesetzt und erhalten hat. Diese Kneipenstube befand sich damals in dem alten Haus, in dem die Karoline Zitter noch in den fünfziger Jahren ihren Kolonialwarenladen hatte. Er stand direkt an der Hauptstraße. Wer in dieser Zeit, in der unsere Geschichte spielte, der Eigentümer des Hauses war, ist nicht bekannt. „Prust Brutter un Nochbor, su jeunk kumm ma nitt witter he här“, ging es Becher für Becher rüber und nüber, bis sich allmählich die unvermeidliche Wirkung einstellte, der Geist sich trübte. Auch solche und ähnliche Situationen haben sich ja bekanntlich bis in unsere Tage erhalten. Aber was sollte man zu dieser Zeit auch treiben? Gab es doch keine Elektrik, man ging noch mit den Hühnern ins Bett, sorgte vielleicht noch für den Nachwuchs, ehe man in den nächsten harten Arbeitstag hinein träumte. HiFi-Anlagen und Fernsehen über Satellit wäre für die Menschen damals sowieso nur Teufelszeug gewesen und für einige ist es das vielleicht heute noch.

Da schlug die Nachricht ein wie ein Blitz: Es brennt, es Brennt! In Wünschensuhl muss es sein, der Himmel ist dort schon feuerrot zu sehen! Von den Männern im Dorf sprangen in solcher Not meist alle verfügbaren in die Bresche. Erst recht nun unsere fröhlichen Zecher, denen es an überschäumenden Mut ganz und gar nicht fehlte. Der Hannjerch sprang auf, seinen Dungwagen ins Rollen zu bringen. Die anderen jagten in die Sakristei die Spritze zu holen. Flugs wurde diese auf den Wagen geladen und ab ging es im Galopp in Richtung Wünschensuhl, am heutigen Tonwerk vorbei, am Waldrand entlang bis in die Höh‘, dann wieder abwärts bis Wünschensuhl. Und da geschah das Unglaubliche. Der Wagen kam ins Rollen, immer schneller, die Pferde konnten es nicht mehr halten und einer schrie: „Jerch! Schrüh ohn, schrüh ohn!“ Der nicht faul, ergriff die Kurbel, mit der man bei solch Gefährt die kolbige Holzbremse bediente. Jetzt aber hatten unsere Zecher, dank ihrem alkoholisierten Zustand in der Sakristei, nicht die Spritze, sondern die Drehorgel erwischt. Und Jerch dreht kraftvoll statt der Bremskurbel die Leier der Orgel. Worauf das schöne Lied erklang:
Es geht nach Lindenau,
Da ist der Himmel blau…

Der Mond, der zuvor noch unter den Wipfeln der Bäume für den brandroten Feuerschein gesorgt hatte, ging nun voll auf und erleuchtete die Szene und jetzt auch den verwirrten Geist der tapferen Männer. Ob sie darauf wieder nüchtern waren, ob ihnen bewusst war, dass sie der hiesigen Menschheit eine so kuriose Geschichte beschert hatten, ist nicht überliefert. Sicher ist aber, dass sie noch einmal in den „Halben Ärmel“ zurückgekehrt sind, um auf die turbulenten Ereignisse dieses denkwürdigen Tages kräftig anzustoßen.

Dem Leser unserer Mondstürmer-Geschichte sei empfohlen, einmal zu gegebener Zeit, die er sicher aus dem Mondkalender erfahren kann, von einem günstigen Standpunkt aus in Richtung Wünschensuhl zu schauen. Wenn dort der Mond in der beschriebenen Weise aufgeht, ist die Glaubwürdigkeit der Historie einigermaßen gesichert. Diese sensationelle Begebenheit wurde dem Verfasser aus fragwürdigen Quellen, speziell durch Herrn Adolf Rudolph, Oberland, zugetragen und so verfasst vom letzten Dorfschulmeister i.R: im Februar 1995

Original Text von Hein Ulrich Görwitz

Ortschronistin Ingrid Kaufmann
Ortsteilbürgermeister Maik Klotzbach

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