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Erinnerung und Mahnung

Bildquelle: © Stadt Eisenach/Ulrike Müller
Verlegung von Stolpersteinen in der Eisenacher Schmelzerstraße.

Verlegung von zwölf weiteren Stolpersteinen im Stadtgebiet

Am Donnerstag, 23. September, wurden in Eisenacher die Stolpersteine 103 bis 114 verlegt. Die Verlegung erfolgte im Rahmen der Achava-Festspiele. Namens der Stadt Eisenach begrüßte die Ehrenamtliche Beigeordnete Gisela Büchner. An die Schicksale der Personen, an die mit einem Stolperstein erinnert wurde, erinnerte Reinhold Brunner. Die Stolpersteine erinnern an die Angehörigen der Familien Bornstein, Fingerhut, Grünbaum, Grünstein, Katz und Kleemann.

Das ganz Europa umfassende Projekt, mit dem an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnert wird, initiierte 1996 der Kölner Künstler Gunter Demnig. Seit der ersten Verlegung am 10. August 2009 wurden bis zur achten Verlegung am 14. Mai 2019 insgesamt 102 Stolpersteine in Eisenach verlegt, die an Opfer des nationalsozialistischen Terrors erinnern. Im Jahr 2021 werden nun an fünf Stellen in der Stadt zwölf neue Steine verlegt.

Im Einzelnen wurde erinnert an:

Bildquelle: © Frank Rothe

Goldschmiedenstraße 19
Kleemann, Wilhelmine, geborene Waldeck (1871–1943)
Wilhelmine kam als Tochter von Abraham und Rosa Waldeck in Düsseldorf zur Welt. Sie heiratete, nicht in Eisenach, den aus dem fränkischen Oberlauringen stammenden Unternehmer Siegmund Kleemann. Der betrieb gemeinsam mit Simon Grünbaum eine angesehene Möbelfabrik in Eisenach. Am 1. Mai 1894 kam die gemeinsame Tochter von Siegmund und Wilhelmine zur Welt: Lucie Frieda. Mit nur 44 Jahren starb Siegmund Kleemann. Obwohl damals erst 34 Jahre alt, hat Wilhelmine nicht noch einmal geheiratet. Sie lebte gemeinsam mit ihrer Tochter in Eisenach, zunächst bis 1931 in der Goldschmiedenstraße 19, später im Haus der Familie Heidungsfeld in der Oberen Predigergasse 13. Lucie heiratete 1921 den Zahnarzt Dr. Sally Neumann. Beiden gelang um 1937 die Flucht ins Ausland. Wilhelmine wurde nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 29. Januar 1943 starb.

Bildquelle: © Frank Rothe

Schmelzerstraße 1
Grünstein, Karl (1875–1942)
Karl kam als Kind um 1880 mit seinen Eltern Heinrich und Franziska aus Kaltennordheim nach Eisenach, wo der Vater die Tuch- und Modewarenhandlung „Goldschmidt & Grünstein“ in der Schmelzerstraße 1 betrieb. Karl besuchte bis zur Untersekunda das hiesige Karl-Friedrich-Gymnasium und betrieb von 1903 bis 1938 eine Drogeriehandlung in der Querstraße 13, später 11a. Der offenbar unverheiratet Gebliebene lebte in diesen Jahren in verschiedenen Häuser in Eisenach, u.a. am Schlossberg 17, in der Karlstraße 44 und zuletzt in der Schmelzerstraße 1. Karl Grünstein kämpfte im Ersten Weltkrieg für das Land, das er für sein Vaterland hielt. Wie die meisten Eisenacher Juden war er nach dem Pogrom am 9. November 1938 zeitweise im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nur einen Monat nach seiner Deportation am 19. September 1942 starb er am 20. Oktober 1942 im Getto Theresienstadt. Mit ihm fielen seine vier Schwestern und ein Bruder der Shoa zum Opfer.

Bildquelle: © Frank Rothe

Schmelzerstraße 10
Bornstein, Lieba Lotte (1888 geboren),
Bornstein, Heini (1921–1941),
Bornstein, Jetta (1924–1942),
Bornstein, Regina (1926 geboren)
Lieba Lotte, deren Vater unbekannt ist, und deren Mutter Chawe Henci Fingerhut hieß, kam 1917 aus Galizien nach Eisenach. Sie heiratete hier 1920 den aus Łask (deutsch: Lask) stammenden Kaufmann Moses Bornstein, der zwischen 1913 und 1920 in Jena gemeldet war. In Eisenach betrieb er zunächst eine Wollhandlung, später einen „Handel mit gerahmten Bildern“ in der Schmelzerstraße 10, der 1938, unter der Diktatur des Dritten Reiches von Amts wegen abgemeldet worden ist. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Familie aber schon lange nicht mehr in Eisenach. Zunächst aber kamen in Eisenach drei Kinder der Familie zur Welt: Heini (1921), Jetta (1924) und Regina (1926). Die 1923 geborene Helene starb mit acht Monaten. Borsteins lebten während ihrer Eisenacher Jahre in der Schmelzerstraße 10. Nach 1927 verliert sich ihre Spur. Sie verließen die Stadt. Es spricht einiges dafür, dass sie dann im Hamburg lebten.

Bornsteins haben nie das Eisenacher Bürgerrecht oder die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. So wurden sie, wie tausende anderer aus Polen vormals zugewanderter Juden, im Zuge der sogenannten „Polenaktion“ wegen fremder Staatsangehörigkeit Ende Oktober 1938 aus „dem Reich abgeschoben“ und zwar in einen Ort namens Bentschen (polnisch: Zbąszyń), etwa 100 Kilometer östlich von Frankfurt (Oder). Liebe Bornstein und ihre Kinder sind später im Getto Litzmannstadt (polnisch: Łódź) gewesen, wo sich ihre Spur verliert. Heini Bornstein starb hier am 8. Mai 1941. Jetta, Regina, die Mutter Lieba und ein in Hamburg geborenes Kinder Sulamith wurden mit unbekanntem Ziel deportiert. Was aus dem Vater Moses Bornstein wurde, war nicht aufzuklären.

Bildquelle: © Frank Rothe

Fingerhut, Esther (1890–1942) und
Fingerhut, Helene Eva (1927–1942)
Esther Fingerhut stammte aus Kalusch/Österreich/Ungarn, heute Ukraine, und ist erstmals 1924 als Händlerin in der Eisenacher Metzstraße 6 (heute: Willy-Enders-Straße) nachgewiesen. Möglicherweise war sie eine Schwester von Liebe Bornstein. Von 1925 bis 1938 lebte sie nämlich im Haus Schmelzerstraße 10, wo auch die Familie Bornstein ansässig war. Offenbar blieb sie unverheiratet, denn am 8. Februar 1927 zeigt die Hebamme an, dass die ledige Esther Fingerhut ein Kind namens Helene Eva zur Welt gebracht habe. Durch eine Mitbewohnerin, die dafür 1950 verurteilt wurde, denunziert, versuchte Esther Fingerhut erfolglos nach Holland zu fliehen. Auf der Grundlage eines ihr gegenüber ausgesprochenen Aufenthaltsverbotes für das gesamte Deutsche Reich wurde Esther Fingerhut 1939 im KZ Ravensbrück interniert, wo sie am 28. März 1942 umkam. Über Helene Eva ist bekannt, dass sie aus einem Kinderheim in der Leipziger Jacobstraße 7, wo sie nach der Inhaftierung ihrer Mutter lebte, am 10. Mai 1942 in das Getto Belzyce deportiert worden ist, wo sie umkam.

Bildquelle: © Frank Rothe

Mariental 28
Weiss, Babette (1920–1989)
Babette kam am 14. Dezember 1920 als ältestes Kind der Ehepaares Dr. Herbert und Elisabeth Grünbaum in Eisenach zur Welt. Mit ihren Geschwistern Hanna und Werner wuchs sie im Haus Mariental 28 auf. Der Vater betrieb in der Gaswerkstraße 30 eine chemische Fabrik. Ihre Eltern schickten sie 1937 zur weiteren Ausbildung an die jüdische wirtschaftliche Frauenschule in Wolfratshausen. Als der Druck gegen die jüdische Bevölkerung nach dem Pogrom 1938 immer stärker wurde, entschlossen sich die Eltern, ihre Tochter mit einem so genannten Kindertransport nach England zu schicken, wo sie sie in Sicherheit hofften. Hier war Babette zunächst als Hausmädchen, später als Krankenschwester, tätig. Sie lernte Herbert Weiss kennen, den sie 1947 in London heiratete. 1954 wanderte die junge Familie nach Brasilien aus. In Rio de Janeiro starb Babette am 6. Januar 1989. Sie war die einzige ihrer Familie, die die Shoa überlebt hat.

Bildquelle: © Frank Rothe

Eichrodter Weg 4
Katz, Alice (1918–1942)
Alice kam als Tochter des Handelsmannes Isidor Hammerschlag und dessen Ehefrau Johanna, geb. Löwenstein, am 22. Juni 1918 in Stadtlengsfeld zur Welt. In den 1920er Jahren übersiedelte die Familie nach Eisenach, wo der Vater einen Viehhandel betrieb. Hier wuchs Alice auf. Im Alter von 20 Jahren heiratete sie den aus Nentershausen stammenden Kaufmann Siegfried Katz. Der gemeinsame Sohn Salo kam in Eisenach am 24. Dezember 1938 zur Welt. Wenig später gelang der Familie die Flucht nach Frankreich. Doch nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurde Alice interniert und am 7. August 1942 aus dem Durchgangslager Pithiviers nach Auschwitz deportiert. Hier wurde sie am 4. September ermordet.

Katz, Siegfried (1909–1942)
Siegfried kam am 11. Juni 1909 als Sohn des in Nentershausen ansässigen Kaufmanns Jakob Katz und dessen zweiter Ehefrau Bertha, geb. Mansbach, zur Welt. Hier wuchs er auf und ging zur Schule. 1938, damals in Süß bei Nentershausen ansässig, heiratete er Alice Hammerschlag aus Eisenach. Ihr, dem gemeinsamen Sohn Salo und ihm gelang die Flucht nach Frankreich. Doch nach der Besetzung des Landes durch die Wehrmacht wurde er am 5. Juni 1942 vom Lager Compiègne aus deportiert und am 12. Juli 1942 in Auschwitz ermordet. Neben seinem Vater, der 1943 in Theresienstadt zu Tode kam, wurden seine fünf Halbgeschwister aus der ersten Ehe des Vaters Opfer der Shoa.

Katz, Salo (1938–1942)
Salo Katz ist das jüngste in Eisenach geborene Opfer der Shoa. Er wurde nicht einmal vier Jahre alt. Als Sohn von Siegfried Katz und dessen Ehefrau Alice, geborene Hammerschlag, am Weihnachtstag des Jahres 1938 in Eisenach zur Welt gekommen, flohen seine Eltern mit ihm nach Frankreich. Nach Einmarsch der Wehrmacht wurde die junge Familie interniert. Salo wurde offensichtlich von seinen Eltern getrennt, denn seine Mutter deportierte man am 7. August 1942, den kleinen Salo selbst erst am 26. August 1942 nach Auschwitz. Hier wurde er bald nach seiner Ankunft ermordet.

Bildquelle: © Frank Rothe

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