Anzeige

Erinnerung und Mahnung: Sieben weitere Stolpersteine verlegt

Bildquelle: ©Stadt Eisenachh/Ulrike Quentel

Am Dienstag, 20. September 2022, wurden in Eisenach die Stolpersteine 115 bis 122 verlegt.

Im Namen der Stadt Eisenach begrüßte Bürgermeister Christoph Ihling die Gäste. An Hilda Voigt erinnerte ihr Sohn Helmut Voigt. Zu den Schicksalen der anderen Menschen, an die mit einem Stolperstein erinnert wurde, sprachen Gabriela Neuhaus, Dr. Reinhold Brunner und Frank Rothe. Musikalisch wurde die Veranstaltung von Anna-Dorothee Roth begleitet.

Seit der ersten Verlegung am 10. August 2009 wurden bis zur neunten Verlegung am 23. September 2021 insgesamt 114 Stolpersteine in Eisenach verlegt. In diesem Jahr werden nun an acht Stellen in der Stadt vierzehn neue Steine in den Gehsteig eingelassen. Die Stolpersteine erinnern an die Angehörigen der Familien Baer, Blüth, Kaufer, Neuhaus, Oppenheim, Stern und Voigt. Sieben der Steine verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig persönlich. Die anderen werden im Nachgang vom städtischen Bauhof eingesetzt.

Im Einzelnen wird erinnert an:

Bildquelle: ©Stadt Eisenachh/Ulrike Quentel

Querstraße 32
ALBERT BAER
Albert Baer wurde am 20.1.1886 in Butzbach, Kreis Friedberg, geboren. Die Familie betrieb seit Mitte der 1880er Jahre eine Getreide- und Futtermittelhandlung in Eisenach, wo Albert aufwuchs. Mit seinem Bruder Ernst übernahm er 1913 die Handlung nach dem Tod des Vaters Eduard. Am 27.1.1928 heiratete er Bernie, geb. Mannheimer aus Bad Wildungen, am 21.3.1929 kam in Eisenach die Tochter Lieselotte zur Welt. Während der Pogromnacht wurde Albert Baer am 10.11.1938 nach Buchenwald deportiert. Dort ist er am 21.11.1938 umgekommen.

Bahnhofstraße 27
SIEGFRIED BLÜTH
Siegfried Blüth wurde am 13.5.1885 in Schmalkalden als Sohn von Emanuel und Bertha, geb. Putzel, geboren. Siegfried Blüth ist seit 1920 in Eisenach nachgewiesen in der jüdischen Gemeindeliste als Reisender, wohnhaft Johannisstraße 7, seit 1922 bis 1927 dort als Kaufmann, ab 31.1.1920 hatte er ein Gewerbe für Manufakturwaren Klein- und Großhandel angemeldet, 1923 zusätzlich Webwaren, Tuche, Futterstoffe, Schneiderartikel und Kurzwaren. Sein Geschäft befand sich nun in der Johannisstraße 13, die Wohnung in der Bahnhofstraße 53. Er heiratete am 20.8.1928 in Würzburg, Irma, geb. Reichenberger, aus Ichenhausen. Die gemeinsame Tochter Ellen kam am 20.6.1929 in Eisenach zur Welt. Über die Linie des Großvaters von Siegfried Blüth, Salomon Blüth, war Siegfried verwandt mit dem Eisenacher Rechtsanwalt Dr. Julius Blüth, der seiner Generation angehörte. Laut den Sterbeunterlagen für Bertha Blüth, Mutter von Siegfried, hielt der sich 1941 in Berlin auf, zur gleichen Zeit aber waren seine Frau und seine Tochter in Ichenhausen. Die letzte Adresse in Berlin ist Rosenthaler Str. 40/41. Siegfried Blüth wurde am 14.10.1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs wurde er am 9. Oktober 1944 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert.
IRMA BLÜTH, GEB. REICHENBERGER
Irma Blüth wurde am 18.4.1900 in Ichenhausen/Bayern als Tochter von Frieda, geb. Sulzer, und Naphtalie Reichenberger geboren. Durch Heirat mit Siegfried Blüth am 20.8.1928 kam sie nach Eisenach, dort kam die gemeinsame Tochter Ellen am 20.6.1929 in Eisenach zur Welt. Ab 1938 lebte Irma Blüth in Ichenhausen. Von dort wurde sie am 8.3.1943 deportiert nach Auschwitz und dort ermordet.

Philosophenweg 8
GERSON KAUFER
Gerson Kaufer wurde am 10. April 1888 in Naszacowice im Bezirk Sandez, Österreich/Ungarn geboren. Er ist als Kaufmann und Textilwarenhändler erstmals 1911 im Eisenacher Adressbuch verzeichnet, aber es gibt schon vom 14.3.1910 eine Gewerbeanmeldung für eine „Althandlung“ in der Katharinenstraße 130 (abgemeldet 1.6.1927). Im Adressbuch 1915 ist er mit einer An- und Verkaufszentrale für Monatsgarderobe verzeichnet im Geschäftslokal Querstraße 30. Wohnhaft war er in der Alexanderstraße 24. Das Adressbuch 1922 verzeichnet ihn als Kaufmann in der Amrastraße 33, sein Geschäft für Herren- und Knabengarderobe sowie Maßanfertigung befand sich in der Querstraße 36. Laut Adressbuch von 1931 war er Eigentümer des Hauses Philosophenweg 8, das Geschäftslokal lag in der Karlstraße 55. Gerson Kaufer war nicht Mitglied des Gewerbevereins, aber Mitglied der Jüdischen Gemeinde Eisenachs. Er heiratete am 16.8.1919 in Eisenach Lola Lea Wegner, in Zeugenschaft von zwei städtischen Büroangestellten (also keine Familienangehörigen oder Mitglieder der jüdischen Gemeinde!). Am 28.10.1938 wurde er nach Bentschen/-Zabszyn (Polen) „abgeschoben“, 1939 lebte er im Ghetto von Gorlice, von dort erfolgte die Deportation ins Vernichtungslager Belzec.
LOLA LEA GERSON
Lola Lea Gerson wurde am 14. März 1893 als Tochter von Süssel, geb. Steinhause, und Jonas Wegner in Corlice geboren. Ihr Vater war Fabrikbesitzer. Durch Heirat mit Gerson Kaufer kam sie nach Eisenach und leitete sein Geschäft. Am 28.10.1938 wurde sie nach Bentschen/-Zabszyn (Polen) „abgeschoben“, 1939 lebte sie im Ghetto von Gorlice, von dort erfolgte die Deportation ins Vernichtungslager Belzec.
SELMA KAUFER
Selma (auch Süssel) Kaufer wurde am 25.7.1922 in Eisenach geboren. Es berührt, wenn man die Zeilen liest, die Selma Kaufer am 11. Januar 1939 ihrer Freundin Ruth Kirchheimer in das Poesiealbum schrieb: „Mut, Mut! Dem Leid, der Lust die Stirn entgegen; die Welt ist immer noch des Schönen voll“. Am 28.10.1938 wurde sie nach Bentschen/-Zabszyn (Polen) „abgeschoben“, 1939 lebte sie im Ghetto von Gorlice, von dort erfolgte die Deportation ins Vernichtungslager Belzec.
GERDA KAUFER
Gerda Kaufer wurde am 10.11.1925 in Eisenach geboren. Am 28.10.1938 wurde sie nach Bentschen/-Zabszyn (Polen) „abgeschoben“, 1939 lebte sie im Ghetto von Gorlice, von dort erfolgte die Deportation ins Vernichtungslager Belzec.
Zum weiteren Schicksal der Kaufers ist nur so viel bekannt: 1939 kehrte die Familie offenbar aus Polen zurück, allerdings nur zur Abwicklung ihres hiesigen Textilgeschäftes. Der Verkauf ihrer beiden Grundstücke erfolgte am 8. Juli 1939. Zwei Tage später verließ die Familie endgültig die Stadt. Die Kaufers, also Gerson und Lola sowie die beiden Töchter Gerda und Selma, sind offenbar in Polen umgekommen; möglicherweise wurden sie im August 1942 aus Gorlice, dem Geburtsort der Lola Kaufer, wo sich die Familie nach ihrer Ausweisung aus Deutschland niedergelassen hatte, in das Vernichtungslager Belzec deportiert.

Goethestraße 48
BERTA KLEBE
Berta Klebe, geborene Sittemann, wurde im Jahr 1883 geboren. Von ihr ist nur bekannt, dass sie, gedemütigt und entrechtet, sich am 31.01.1939 das Leben nahm.
MAX MARCUS KLEBE
Max Marcus Klebe wurde am 15.7.1873 in Nesselröden als Sohn von Elkana, geb. Wolf, und Alexander Klebe geboren. Um 1880 kam die Familie nach Eisenach, erwarb 1884 das Bürgerrecht. Marcus, genannt Max, besuchte in Eisenach das Realgymnasium und erwarb am 24.7.1900 das Eisenacher Bürgerrecht. Er führte nach dem Tod seines Vaters gemeinsam mit seinem Bruder Moritz die Fell- und Darmhandlung Klebe, war Mitglied des Eisenacher Gewerbevereins und des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. 1903 heiratete er Berta, Tochter von Caroline und Meier Sittenmann. Max Marcus Klebe wurde am 20.9.1942 aus Eisenach nach Theresienstadt deportiert, wo er am 12.8.1944 starb.

Goldschmiedenstraße 1
JULIUS NEUHAUS
Julius Neuhaus wurde am 2.11.1876 als Sohn von Lydia, geb. Sander, und Aaron Neuhaus geboren. Vater Aaron besuchte schon die Schule in Eisenach und gründete hier 1875 ein Herrengarderobegeschäft. Julius Neuhaus blieb unverheiratet, er führte nach dem Tod des Vaters das Geschäft, welches auch Zweigstellen in Wiesbaden und Aachen hatte, weiter. Unter dem Druck des Nationalsozialismus nahm er sich am 14.6.1933 das Leben.

Karl- Marx-Straße 45
MORITZ PAUL OPPENHEIM
Moritz Paul Oppenheim wurde geboren am 12.11.1891 als Sohn des Kasseler Fabrikanten Hermann Oppenheim und dessen Frau Rieka, geborene Nagel. Er wuchs in Kassel auf und ging hier zur Schule, war Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, studierte Medizin und wurde 1922 an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität zum Dr. med. promoviert. 1926 ließ er sich als Praktischer Arzt in der Wörthstraße 45, heute Karl-Marx-Straße, in Eisenach nieder, wo seine Schwester Herta lebte. Sie war die Schwiegertochter des hier hoch angesehenen Arztes Dr. Julius Fackenheim. Moritz Paul Oppenheim arbeitete als praktischer Arzt und Sportarzt. Er heiratete 1929 Elfriede Berta Schlegel. Er engagierte sich für die Sozialdemokratie und für das Bündnis Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Seit 1932 intrigierte der nationalsozialistische Jugendarzt Dr. Bartels gegen ihn. Unter diesem Druck nahm sich Moritz Paul Oppenheim am 29.9.1933 das Leben.

Am Ofenstein 3
JOHANNA LEONORE STERN
Johanna Leonore Stern wurde am 21.3.1925 in Eisenach als Tochter von Dr. Robert Stern und Elly, geb. Grossmann, geboren. Sie ging in Eisenach zur Schule. Um 1939 emigrierte sie zu einem Onkel Grossmann nach Paris. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht dort wurde sie interniert, von Frankreich aus deportiert und in Auschwitz ermordet.
HERBERT STERN
Herbert Stern wurde am 9.7.1920 in Eisenach als Sohn von Dr. Robert Stern und Elly, geb. Grossmann, geboren. Er ging in Eisenach zur Schule und konnte um 1938 mit einem Kindertransport nach England fliehen. 1948 lebte er in London. Am 19.12.1988 ist Herbert Stern in England verstorben.

Klosterweg 1b
HILDA VOIGT
Hilda (Hilde) Voigt wurde am 2.6.1912 in Herleshausen als Tochter von Betty, geb. Müller, und Abraham Bachrach, Sattler und Polsterer, geboren. Hilda kam 1932 durch Heirat mit dem Eisenacher, nichtjüdischen, Kaufmann Hermann Walter Voigt nach Eisenach. Zunächst durch den nichtjüdischen Ehepartner geschützt, wurde sie am 17.4.1944 verhaftet und am 30.7.1944 nach Auschwitz deportiert. Dort wurde Hilda Voigt ermordet.

Bildquelle: ©Stadt Eisenachh/Ulrike Quentel
Bürgermeister Christoph Ihling (links) bei der Verlegung des Stolpersteins für Hilda Voigt im Klosterweg durch den Kölner Künstler Gunter Demnig.

Anzeige
Anzeige
Top