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Gedenkstein am Dürrerhof eingeweiht

Ein Gedenkstein wurde am 1. September zur Erinnerung an die KZ-Häftlinge des Außenkommandos „Emma“ des KZ Buchenwald und an die Zwangsarbeiter im früheren BMW Flugmotorenwerk Dürrerhof in Eisenach eingeweiht. Er steht am Eingang des Geländes des ehemaligen Flugmotorenwerks im Ortsteil Hötzelsroda.

Das Mahnmal besteht aus einer rund 2,50 Meter hohen schlanken Betonstele, die am oberen Ende abgebrochen ist. Im Beton ist eine Holzmaserung erkennbar. An der Seite, die dem Betrachter zugewandt ist, ist über zwei Seiten der Stele folgender Text in den Stein gehauen und farblich hinterlegt: „Im Gedenken an die KZ-Häftlinge des Außenkommandos „Emma“ des KZ Buchenwald und die Zwangsarbeiter im früheren BMW Flugmotorenwerk Dürrerhof“.

Die Ausbeutung der Arbeitskraft von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen gehörte auch in Eisenach zum nationalsozialistischen Alltag.

Nachweisbar Zwangsarbeit in Eisenach leisteten schließlich KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und zivile Fremdarbeiter. Sie waren in wachsendem Maße durch Zwang in ihren jeweiligen Heimatländern zum „Arbeitseinsatz im Reich“ rekrutiert worden.
In größerer Zahl sind erstmals 1940 Kriegsgefangene in der Stadt nachweisbar. Die Arbeitsgemeinschaft Eisenacher Kohlenhändler bedurfte derartiger Arbeitskräfte für die reibungslose Versorgung der Bevölkerung mit Brennstoffen.
Später beschäftigte auch die Stadtverwaltung Kriegsgefangene, in erster Linie bei Arbeiten im Forst, der Friedhofsverwaltung sowie im Gas- und Wasserwerk, wo neben russischen auch serbische Kriegsgefangene zum Einsatz kamen. Überdies gab es im Ramsborn, westlich der Stadt, ein Reservelazarett. Die sich hier zur Genesung aufhaltenden Kriegsgefangenen wurden ebenfalls zur Arbeit eingesetzt.
Oberbürgermeister Matthias Doht forderte bei der Einweihung, das man als Eisenacher auch vor dieser Geschichte nicht die Augen verschließen dürfe.

Auch der größte industrielle Arbeitgeber der Stadt, die Bayerischen Motorenwerke (BMW), beschäftigte Kriegsgefangene. Schon frühzeitig stiegen die BMW, die 1928 die Eisenacher Fahrzeugfabrik übernommen hatten, in die Rüstungsproduktion ein. In großem Stil geschah dies durch die Gründung der BMW-Flugmotorenfabrik Eisenach GmbH 1936. Rasch entstand dafür am Dürrerhof, nordöstlich der Stadt, eine völlig neue Fabrik. Sie war eng mit dem Werk in der Stadt verbunden. Es ist belegt, dass 1942 im BMW-Stadtwerk sieben Tschechen, zwei Holländer, ein Franzose, 336 Polen, 187 Ukrainer und 26 Belgier als Fremdarbeiter und 62 französische Kriegsgefangene beschäftigt waren. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr stieg diese Zahl an. So beschäftigte das BMW-Werk in der Stadt 1944 insgesamt 2386 Ausländer, darunter 842 Ostarbeiter.
Im BMW-Flugmotorenwerk kamen auch zahlreiche Häftlinge des KZ Buchenwald zum Einsatz, das in einer Halle des Werkes ein Außenlager mit der Tarnbezeichnung „Emma “ unterhielt. Im Februar 1944 waren von den 3974 dort Beschäftigten 2033 ausländische Zwangsarbeiter. Man geht davon aus, dass in den beiden zum Flugmotorenwerk der BMW gehörenden Außenlagern auf dem Dürrerhof und in Abteroda überdies insgesamt ca. 1300 KZ-Häftlinge arbeiteten. Im Prinzip war die Produktion schon seit Längerem ohne Einsatz von Fremdarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen nicht mehr möglich.

Während nach dem Krieg das in der Stadt gelegene BMW-Werk erhalten blieb und fortan wieder zivile Fahrzeuge produzierte, wurde das Flugmotorenwerk demontiert und geschleift. Heute ist das Areal von Kleingärten umgeben und über die Reste der Produktionsstätten ist Gras gewachsen. Nichts an dieser Stelle erinnert an das, was einst hier geschehen ist.

Erinnerungen zufolge gab es beispielsweise eine öffentliche Hinrichtung von drei KZ-Häftlingen nach ihrer gescheiterten Flucht im Jahre 1944. Noch weitgehend unbeachtet sind bisher auch zwei Todesfälle von Fremdarbeitern. Im Januar 1944 verurteilte das Sondergericht Weimar den französischen Fremdarbeiter Moreau Renault unter dem Vorwurf, Lebensmittel aus Kellern gestohlen zu haben, zum Tode. Am 11. März 1944 wurde in der Reithalle, Mühlhäuser Straße 29, ein erst 19-jähriger polnische Zivilarbeiter gehenkt, weil er Tabakreste in der Zigarrenfabrik Bruns gestohlen hatte. Andere Zwangsarbeiter mussten zur Abschreckung an dem Erhängten vorbeilaufen.

Während die Beschäftigung von KZ-Häftlingen sich offenbar auf das Flugmotorenwerk beschränkte, fanden sich Zwangsarbeiter in fast allen größeren Betrieben der Stadt. Zumeist handelte es sich um sogenannte Ostarbeiter.
Für Mitte 1944 liegen folgende Beschäftigtenzahlen für die Stadt Eisenach vor: 2154 Ukrainer, 390 Weißrussen und 1314 Russen. Aber auch Angehöriger der polnischen und tschechischen Nation wurden in großem Umfang beschäftigt. Die Fremdarbeiter lebten in eigenen Lagern.

Die Mehrzahl der Fremdarbeiter unterlag einem strengen Regime und die Lebensbedingungen waren teilweise schlecht. Wer ernsthaft krank wurde, den brachte man in das Quarantänelager nahe Wutha. Über das Lager ist wenig bekannt. Viele derjenigen, die nach härtester Ausbeutung hierher kamen, starben. Ihnen ist das Ehrenmal in den „Erlengräben“ zwischen Wutha und Eisenach gewidmet, wo nachweisbar 429 Personen (405 Russen, 22 Polen und je ein Jugoslawe und Franzose) beerdigt sind. Unter den Toten überwogen die Frauen mit 225 gegenüber 199 Männern und fünf Unbekannten. Aber auch neun Kinder, teilweise nur wenig älter als ein Jahr, gehörten zu den Opfern.

Den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus der UdSSR, die in und um Eisenach ums Leben kamen, widmete man auf dem städtischen Hauptfriedhof den Sowjetischen Ehrenhain, der erst vor kurzem grundlegend restauriert wurde. Insgesamt ruhen hier 1040 sowjetische Kriegsgefangene und 102 zivile Zwangsarbeiter aus der UdSSR.

Peter Wolf, Geschäftsführer der Eisenacher BMW Fahrzeugtechnik, erinnerte an diese dunkle Geschichte von BMW. Er berichtet auch, wie das Unternehmen die Geschichte der Zwangsarbeiter aufarbeite und sich um eine Entschädigung bemühte.
Schauspieler Herbert Oranien las aus Briefen, die ehemalige Zwangsarbeiter jüngst an die Stadt Eisenach geschrieben haben.

Rainer Beichler |

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