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Bildquelle: © Stadt Eisenach

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Gegen das Vergessen: Abschlusskonzert der ACHAVA-Festspiele in Eisenach im Stadtschloss

Einen ebenso geschichtlich und mental tiefgehenden wie auch künstlerisch hochwertigen Abschluss fanden die Eisenacher Achava-Festspiele und die Eröffnung der Sonderausstellung des Lutherhauses zum kirchlichen „Entjudungsinstitut 1939-1945“ mit dem veranstalteten Klavierrecital im Rokokosaal des Stadtschlosses.

Am neuen Bechstein-Konzertflügel spielte der in Moskau geborene und in Berlin lebende französische Pianist Vladimir Stoupel. Auf dem Programm standen Werke der jüdischen Komponisten Arnold Schönberg, Erwin Schulhoff und Karol Rathaus. Schulhoff starb in einem Würzburger Lager, Schönberg und Rathaus konnten ihren nationalsozialistischen Mördern in die USA entfliehen.

In einer geschichtlichen Einführung in die zu hörenden Werke der klassischen Moderne, die von den Nationalsozialisten als „Entartet“ diffamiert worden war, stellte Kulturamtsleiter Dr. Achim Heidenreich die jüdischen religiösen Bezüge gerade im Gesamtwerk Arnold Schönbergs heraus. Dieser war als Kompositionsprofessor in Berlin 1933 sofort mit Berufsverbot belegt worden. Heidenreich stellte klar, dass mit dem Klarinettenquintett von Johannes Brahms, das Schönberg als kompositorisches Vorbild galt, ein enger lokaler Bezug des Konzertprogramms zum Wartburgkreis vorlag. Brahms komponierte das Werk auf Schloss Altenstein für seinen in Bad Salzungen geborenen Freund und Klarinettisten Richard Mühlfeld und dessen dann legendär gewordener Mühlfeld-Klarinette.

Dass den Neueren ihrer Zeit nach den Erschütterungen des ersten Weltkriegs Johann Sebastian Bach als unbestechlicher Orientierungspunkt für eine Neue Musik galt, wie sie der jüdische Musiksoziologe Paul Bekker 1919 definierte, stellte einen weiteren wichtigen Bezug zum Festspielwochenende und auch zu Eisenach als Geburtsort Bachs dar.

Der in den USA lehrende Pianist Stoupel vermochte durch nuancenreichen Anschlag die damaligen musikalischen Einflüsse aus Barock- und Jazzmusik mitreißend zum Ausdruck zu bringen. Schulhoffs Suite für die linke Hand für einen kriegsversehrten Pianistenfreund geriet ebenso zu einem über alle Lagen des Klaviers (er)greifenden Sittengemälde. Auch in Schönbergs abstrakterer Musik vermochte es Stoupel innere Einsicht, ein Innehalten und ein sich selbst in Frage stellen auf der Suche nach dem richtigen Weg und einem Ringen um verbindliche – nicht nur – musikalische neue Formen unmittelbar zu vermitteln. Die anwesende Ariela Kimchi und ihre Familie waren von dem fulminanten Abschluss der (Gedenk-)Feiern sehr berührt und dankten herzlich.

Nebenaspekt des Konzerts: Stoupel hatte  seinen eigenen Blattwender mitgebracht. Es war der Musikwissenschaftler Dr. Knut Breyer, dem Herausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Werke des Komponisten Hanns Eisler.

Andrea T. | | Quelle:

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