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Das demontierte Idyll

Ein malerischer Gebirgszug umrandet eine künstlich angelegte, teilweise getaute Schneepiste, worauf sich die Touristen schleppend ins Tal stürzen. Eine Lawine ausgesonderter, zu Schrott geschreddeter Skier wälzt sich als Müllberg durch eine fast heitere Morbidität. Fans der «Schürzenjäger» proben das Delirium, ertrunken im Bier. Der österreichische Leica-Fotograf Lois Hechenblaikner polarisiert mit seinen «Alpenblicken» in der gleichnamigen Ausstellung in der Fotogalerie im Hause Bohl und konfrontiert den Betrachter mit einem sonderbaren, bisweilen unbekannten Backstage-Panorama des Alpenraums. Und eckt damit an.

In seiner Heimat Tirol gilt der 46jährige Hechenblaikner mit seinen gesellschaftskritischen Aufnahmen als «Nestbeschmutzer». Insbesondere die zwischen 1994 und 1996 entstandenen Fotografien über die «Schürzenjäger»-Fangemeinde erhitzten die Gemüter und sorgten für einen Eklat. 1997 sollte eine Ausstellung im Europa-Haus von Mayrhofen, nahe des Zill-Tals gelegen, stattfinden. Stattdessen wurde sie verboten, vom örtlichen Bürgermeister und dem Tourismusobmann Tirols. Doch was Nestbeschmutzendes hatte Hechenblaikner gezeigt, dass die Provinz derartig überreagierte? Hechenblaikner begleitete ein Open-Air der «Schürzenjäger» im Jahr 1996 in Finkenberg, zu dem 70000 Fans erschienen. Seine Fotografien entstanden während und nach dem Highlight, welches auch in die Region jährlich einen Millionenbetrag pumpte. Auf den Bildern sind Betrunkene, an Wände Pinkelnde, den Rausch Ausnüchternde, mit schwarz-pinken Fanartikeln Übersäte, mitunter trostlos dreinschauende Fans zu sehen, deren «Unwissenheit bewirtschaftet» wird, laut Hechenblaikner. Dass sich hierdurch die milliardenschwere «Schürzenjäger»-Maschinerie auf den Schlips getreten fühlte und mit voller Wucht antwortete, schien unausweichlich. Die Folge war eine Verleumdungskampagne gegen Hechenblaikner, die mit einer juristischen Niederlage für die «Schürzenjäger» endete. Und erst im fast fernen Insbruck wusste man Hechenblaikner mit einer Ausstellung zu würdigen.

Die weiteren Fotografien im Hause Bohl sind eine Gegenüberstellung des Vergangenen und Gegenwärtigen. Angeregt wurde Hechenblaikner durch das Archiv des Agrarjournalisten Armin Kniely, welches 10000 historische Aufnahmen enthält, die zwischen 1930 und 1950 entstanden. Diese stellte er seinen eigenen, zwischen 1999 und 2003 fotografierten Motiven gegenüber, nicht jedoch um Unterschiede zu assoziieren, sondern vielmehr um nach verwurzelten Analogien zu suchen, die verwandelt in Chiffren und Symbolen wiederkehren. Die dramatische Veränderung einer agrarisch, bäuerlichen Welt in eine «touristisch durchökonomisierte Welt» transportierte viel eher die alten Relikte ins Heute, als das die Gesellschaft vom Grund auf transformiert wurde. Folgerichtig fragt Hechenblaikner «Ist denn die Schneepiste von heute nicht der Acker von gestern?».

Nein, ein Kommentator sei er nicht, er zeige nur die Zustände, der Betrachter ergänze den Rest. Natürlich entbehren Hechenblaikners Bilder in Symbiose mit Knielys Fotografien die schwindelerregende Romantik der touristischen Hochglanzmagazine, das Idyll wird demontiert und ergänzt durch die Flecken vergessener Ursprünge, einer durch Massenmarketing und -tourismus überschwemmten Heimat. «Sicher hat der Tourismus zu wirtschaftlichen Wohlstand geführt, aber dieser fordert einen hohen Preis», erläutert Hechenblaikner: Die Natur verkommt zu einer Zahl in einer Bilanz, der Ausverkauf der Alpen wirkt unaufhörlich wie eine schleichende Ohnmacht und der Alpenraum mutiert mitunter zu einem ganz alltäglichen Alptraum.

Thomas Seifert

Die Ausstellung ist bis zum 21.10. geöffnet.

Thomas Seifert |

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