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Grandiose Aufführung der Gerstunger Schüler in Meiningen

Am Donnerstag um 18.00 Uhr ging für die zehnte und letzte Aufführung des 7. Schultheaterfestivals am Meininger Theater der Vorhang auf. Die Aufregung der siebzehn Gymnasiasten aus Gerstungen und ihrer beiden Spielleiter, Clemens Krause und Heidrun Weyh, war nicht zu überbieten, denn der Auftritt in den Kammerspielen war für sie zugleich die Premiere.

Mit ihrer Aufführung von Aristophanes´ «Der Friede» vor gut einem Jahr hatte die Theater-AG des Philipp Melanchthon Gymnasiums den Beweis erbracht, dass auch sogenannte Laien bei qualifizierter Leitung eine antike Komödie toll spielen können, dass man als Zuschauer aus dem Lachen nicht mehr herauskommt. «Der Friede» setzte Maßstäbe für die diesjährige Vorstellung. «Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung» von Christian Friedrich Grabbe gilt als eine der großen deutschen Komödien. 1827 vollendete Grabbe dieses Lustspiel, dessen Uraufführung er jedoch nicht mehr erlebte. Der Teufel flieht aus der eisigen Hölle auf die Erde und wird von vier Naturhistorikern gefunden. Unter den Menschen versucht er Böses zu stiften, so kauft er Liddy (die Nichte des Barons) dem Bräutigam Herrn von Wernthal ab und überlässt sie dem Wüstling – Freiherrn von Mordax, der dafür dreizehn Schneidergesellen erstechen muss. Der Schmied, der dem Teufel ein neues Hufeisen anpassen soll, errät, mit wem er es zu tun hat und erzählt es dem immer betrunkenen Schulmeister. Der listige Lehrer weiß Rat. Sechzehn in einem Käfig versteckte Kondome führen zur Gefangenname des Teufels. Und auch Liddy kann mit Waffengewalt vor dem zudringlichen Mordax gerettet werden. Ein gutes Ende!
Obwohl fast zweihundert Jahre alt, hat dieser satirisch-bissige Text, nichts von seiner Gesellschaftskritik verloren. Die Seitenhiebe auf schulmeisterliches Verhalten, das «auf´s Korn» nehmen einer bornierten Wissenschaft, die Dummheit der Journaille kommen frisch daher. Das liegt zum Einen an der Schrägheit dieser Satire zum Anderen aber an der Fassung von Spielleiter Clemens Krause. Er hat behutsam gestrichen, dort wo es Seitenhiebe auf die Zeitgenossen Grabbes gibt, die uns heute unbekannt sind, wurden sie von neuen Texten ersetzt. Ein Gildo Horn bekommt ebenso sein Fett weg wie Rosamunde Pilcher.

Die Gerstunger verzichten vollständig auf die Illustration der rasanten Geschichte durch ein gezimmertes oder gemaltes Bühnenbild. Lediglich ein dreidimensionaler, schmaler und leicht drehbarer Vorhang deutet durch die unterschiedliche Farbgebung den Ort des jeweiligen Geschehens an und bietet, da er begehbar ist, die Möglichkeit, sich zu verstecken und einen vierten Raum zu etablieren. Die Kostümierung aller Figuren ist zeitlos-modern. Nur klug ausgewählte Details, wie weiße Perücken der Höflinge oder schrille Sonnenbrillen der Naturhistoriker, die die blinde Borniertheit dieser Zunft unterstreichen, unterstützen das Spiel.

Und was für ein Spiel! Es ist fast unfair einzelne Darsteller hervorzuheben, denn jede der Figuren, wurde so witzig, bewusst überzeichnet verkörpert. Wie konsequent der Bauer Tobies (Saskia Theune) den Hinkefuss mimt, wie die getragen-langsame Sprechweise von Bauernsohn Gottliebchen von Julia Wolf realisiert wurde, war einfach grandios. Franziska Herwig als sich ständig kratzender Dichter Rattengift arbeitete mit allen Gesichtsmuskeln, sodass man meinte, einen ständig schnuppernden Nager vor sich zu haben. Wie sie den Kopf einzog und schräg stellte, wie sie förmlich ihren Hals verschwinden ließ, um die Falschheit und Gefährlichkeit der Figur von Rattengift zu unterstreichen, war unübertrefflich. Dem Schulmeister des Dorfes und dem Teufel wurde von den Geschwistern Naemi Simon (17 Jahre) und Samuel Simon (18 Jahre) Leben eingehaucht. Wie unangestrengt den Beiden die zum Teil komplizierten Grabbeschen Wortkombinationen aus dem Mund purzelten, wie beweglich, oft akrobatisch sie jede Faser ihrer Körper zu nutzen verstanden, war meisterlich. Kaum zu glauben, dass Naemi und Samuel Simon noch keine Schauspielausbildung absolviert haben. Als der Schulmeister den Käfig über den Teufel stülpt, konnte man als Zuschauer Mitleid haben, so herzzerreißend kollerte der Satan über die Bühne. Die Darstellung des Mordes an den dreizehn Schneidergesellen stellten alle Spieler gemeinsam dar. Jedes Abstechen war individuell, mal röchelnd, mal schreiend, dann wieder lautlos sanken die Körper auf die Erde. Durch den vergrößerten Gestus aller Beteiligten, der jeden Realismus vermied, konnte die Komik entstehen und den Funken zu einem begeisterten Publikum überspringen lassen. Dass, was die Schüler der Theater-AG des Gerstunger Gymnasium in ihrer fast zweistündigen Aufführung boten, war so weit entfernt von dem (zu Unrecht belächelten) Schultheater, wie die Erde von der Milchstraße. Und wenn eine junge Zuschauerin während des Applauses sagt: «Dass möchte ich am Liebsten gleich noch einmal sehen», wenn tosend geklatscht, getrampelt, und «Bravo» gerufen wird, muss man einfach von einem perfekten Abschluss der 7. Südthüringischen Schultheatertage am Meininger Theater sprechen.

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