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Jubiläum, Abschied und Neues von alten Germanen

Eigentlich gehört er zum Lauchröder Karneval, wie der Dom zu Kölle oder das «HE» zum «LAU». Doch sein letztes Stündchen rückt unaufhaltsam näher. Bald hat es sich ausgebrüllt, und der Staub des «Löwensaals» landet in dem der Geschichtsbücher. Zuvor galt es aber erst noch mal, ihm einen angemessenen Abschied und allen Gästen ein würdiges Jubiläumsprogramm zu präsentieren. 40 Jahre Karneval im Werradorf – wie in all den Jahren zuvor zogen die Aktiven des LCC «Germania» Lauchröden auch bei dieser vermutlich letzten Sitzung im altehrwürdigen Gemäuer sämtliche Register ihrer närrischen Bühnenkunst.

Da brillierte ein vielköpfiger Kinderchor – verstärkt durch mitt-lerweile ziemlich ausgewachsene Ex-Mitglieder – und zeigte, dass an Narrennachwuchs wahrlich kein Mangel besteht. Auch die «Pastorentochter», die als erste Akteurin die Bütt betrat, zählt noch recht jung an Jahren und stellte fest: «Wir Weibsleute haben ´nen schwierigen Stand!». Einen leichten Stand hatten natürlich Alex und Frieda, denn mit dem Lauchröder-Song sprachen sie allen Anwesenden aus der Seele: «Lieber auf´n Tischen steh´n und feiern wie die Blöden – das gibt es nur … in Lauchröden!»
Zu einem festen Bestandteil des Programms gehört nach wie vor die Drehorgel, an der sich schon in der Vergangenheit viele Größen des LCC profiliert haben, um mit manchem spöttischen Vers das reale Dorfleben zu vergackeiern. Klar, dass auch das Thema der «Löwensaal»-Nachfolge angesprochen (richtiger: angesungen) wurde: «Ein Bürgerhaus ist in der Planung, doch wann ertönt der erste Marsch? – Wahrscheinlich ist es so wie immer: die Fürz sind dicker als der A…»
Ähnlichen Anliegen widmete sich auch der Karnevalspfarrer. Seit einigen Jahren liest er der versammelten Narrengemeinde aus der Bütt die Leviten. Anlassgemäß beschäftigte er sich diesmal u.a. mit der Zahl 40, dem Gründungsjahr 1964, beleuchtete die Reality-Shows im Fernsehen, um schließlich ebenfalls beim Löwensaal («holt-uns-hier-raus») zu landen. «Warum ist er noch nicht eingestürzt? Der Dachstuhl weigert sich auf den vers… Fußboden zu fallen!»

Für erste Schunkelattacken erweist sich von jeher der Brandenburg-Chor als sichere Bank, auf die sich dann auch rasch die meisten Helaulustigen erhoben. Die lokalen Hits von eben jener Brandenburg und «unser´m Dörfchen» wussten natürlich alle mitzusingen. Diesmal rückten zusätzlich noch andere Mitbewohner in den Blickpunkt: das Ungeziefer aus dem «Biotop-Löwensaal». Zahlreiche Tanzgruppen der unter-schiedlichsten Altersklassen wie das Kinderballett «Zuckerfee», das Nachwuchsballett «Putzies» und das Gardeballett lieferten Kostproben ihres Könnens. Die «Bikers» gaben, lautstark wie es sich in diesem Metier gehört, einen Einblick in den Bun-deswehr-Alltag und demonstrierten originalgetreues Kaser-nenleben, Lachsalven garantiert. Als zentraler Programmpunkt überraschten die «alten Germanen» mit Geschichtsunterricht der karnevalistischen Art und allerhand neuen Erkenntnissen. Wer wusste schon, dass einst ein an der Werra lagernder Stamm dieser finsteren Urzeitgenossen aus reinem Zeitvertreib ein Dorf gründete: «Lasst uns Lauch anpflanzen und die Wälder wegröden …» Und die anderen Germanen, die immer alles besser wissen? Die vertrieb man über die Werra und bat Odin: «Herr, lass sie dort hausen!» Aus lustigen Folterspielchen im Karnickelwald entwickelte sich schließlich der, … na klar, der Karneval. Aber hier jetzt zu erklären, wie man einem Ge-fangenen aus einem nahen Nachbardorf das «Helau» ent-lockte, würde eindeutig zu weit führen – das hätte man gesehen haben sollen (oder einfach Bilder angucken!) …

Die «Lion-Hall-Singers», jene Commedian Harmonists für Arme, pflegten in bester Karaokemanier das deutsche Liedgut, werden sich aber wohl nun bald einen anderen Namen ausdenken müssen. Wie wär´s mit «Town-Hall-Singers»? Unter dem Motto «Klöpse ohne Möpse» wirbelte ein junges, dynamisches Tanzensemble in weiblicher Tarnung über die Bühne. Mit Schattenspielen und blanken Oberkörpern brachte das nachfolgende (Jung-)Männerballett das Volk zum Toben.

Am Ende des über dreieinhalbstündigen Programmes ver-sammelte der Germania-Elferrat mit seinem Vorsitzenden Jens «Nudel» Rudloff alle Darsteller zum großen Finale auf der Bühne. Der ganze Saal, traditionell natürlich rappelvoll (gefüllt), nahm die noch ausstehenden Gassenhauer dankbar auf und ließ der weiteren Party ihren Lauf. Fürs musikalische Gelingen sorgten wie immer die einheimischen Brandenburg-Musikanten aus ihrer angestammten Ecke neben dem Kerker.

So neigt sich die über 100-jährige Geschichte des «Löwen-saals» nun ihrem Ende entgegen. Bis Mitte der 50er Jahre als Saal des «Gasthaus zum Löwen», danach für kulturelle Veranstaltungen, aber auch schulische Turnstunden genutzt, bleibt er vielen als der Ort in Erinnerung, der dem Lauchröder Karneval über Jahrzehnte einen ganz besonderen Charme verliehen hat. Fernab der großen, streng organisierten Prunksitzungen, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, hat sich in diesem Umfeld eine absolut sympathische Variante der fünften Jahreszeit entwickelt.
Doch keine Angst, denn wie heißt es in einem ihrer Lieder ganz beruhigend: «Solang auf steilem Berge die Brandenburg noch steht … – solang stirbt die Gemütlichkeit bei uns Lauchrödern nicht aus.» Na, und an deren Abriss denkt nun wirklich keiner.

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