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Tintenfasswurf Luthers nachgestellt – 150 Würfe

Es ist ein grandioser Mythos – Martin Luthers heftiger Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel. Nach der Legende soll der Reformator während seiner Arbeit an der Bibelübersetzung (1521/22) mehrfach vom Teufel belästigt worden sein. Mit einem Tintenfass habe Luther, so die Überlieferung, nach dem Beelzebub geworfen und ihn damit verjagt. Als Zeichen dieser Gegenwehr sei an einer Wand der Lutherstube ein Tintenfleck verblieben, der über Jahrhunderte sichtbar gewesen war. So die weithin verbreitete Interpretation, welche freilich durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht gestützt wird. Hingegen vertreten Denkmalpfleger und Historiker die These, dass der lange Zeit sichtbare Fleck – der heute in der Lutherstube fehlt – keinesfalls aus der Zeit Luthers stammte und mehrfach erneuert worden ist.

Die kulturelle Spannung zwischen Behauptung und Bestreiten einer nachhaltig wirkenden Legende wurde am 10.11.2009, dem 526. Geburtstag des Reformators, bei einem experimentellen Ortstermin zum Thema einer spektakulären Kunstaktion.

Der Wuppertaler Ästhetikprofessor Bazon Brock und der in Halle/S. lebende Künstler Moritz Götze haben an authentischer Stätte in der Lutherstube den Tintenfass-Wurf Martin Luthers rekonstruiert.
Um die konservatorischen Auflagen bei dieser Kunstaktion einzuhalten, wurden Wände und Einrichtung des Lutherzimmers mit Folien gesichert. Wie bei einem kriminalistischen Ortstermin soll die umstrittene Aktion des Reformators mit größtmöglicher Authentizität nachgestellt werden – insgesamt 150mal werden Brock und Götze mit dünnwandigen und mit Tinte gefüllten Glaskugeln vom Schreibpult auf angebrachte Büttenkartons im Format DIN A1 werfen.
Die dafür extra angefertigte Eisengallustinte wurde dabei von Moritz Götze nach den überlieferten Rezepturen nachempfunden.

Der Wissenschaftler und der Künstler sowie weitere Assistenten waren in Einweganzügen gekleidet. Die Glaskugeln, sind eigentlich sogenannte Weihnachtskugeln und kamen aus Lauscha. Sitzend, wie einst Luther, wurden die Kugel aus rund 2 Metern auf das Papier geworfen. Sofort danach wurden die Papierbögen zum Trocknen ausgelegt. Natürlich war die Aktion sehr medienwirksam.

Die Kunstaktion steht im Zusammenhang mit dem von Bazon Brock konzipierten Projekt einer «experimentellen Geschichtsschreibung». Ihm geht es dabei, so Brock, darum, «historische Wahrheit mit dem populären Evidenzerleben in einer künstlerischen Aktion auf höherem Niveau» zu versöhnen. Mit der experimentellen Methodik will der Ästhetiker an 24 Orten historische Befunde auf Plausibilität und Nachhaltigkeit prüfen.
Am 24.11. 2009 wird Bazon Brock die Ergebnisse der Eisenacher Aktion innerhalb der 12stündigen Veranstaltung «Musealisierung als Zivilisationsstrategie» in der Temporären Kunsthalle Berlin am Schlossplatz vorstellen (Beginn: 21.30 Uhr).
Von den bei der Aktion erstellten 150 Tintenklecksarbeiten erhält die Wartburg-Stiftung 30 Exemplare, die anderen Arbeiten werden über den Kunsthandel vertrieben.

Biographien der beteiligten Akteure:
Moritz Götze, 1964 in Halle/S. geboren, ist einer der bemerkenswertesten Künstler seiner Generation, der mit konzeptuellen Historienbildern und Installationsprojekten (zuletzt etwa in der Open-Air-Installation «Scapa Flow» im Sommer 2009 auf Schloss Neuhardenberg) international für Aufsehen sorgt. Der ostdeutsche Künstler, der seit 1986 als freiberuflicher Künstler arbeitet, kann auf mehrere Personalausstellungen in Museen verweisen (so 2007 im Saarlandmuseum in Saarbrücken) und wird von der Galerie Rothamel in Erfurt sowie von der Galerie Tammen in Berlin vertreten.

Prof. Dr. Bazon Brock, 1936 in Stolp/Pommern geboren, war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 ordentlicher Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität in Wuppertal und hatte zuvor Professuren inne an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und der Universität für angewandte Kunst in Wien. Berühmt wurde er in den 1960er Jahren durch ein von ihm entwickeltes «Action-teaching», ein von Fluxus und Happening inspiriertes Schulkonzept, das er etwa auf der documenta 4 1968 präsentierte.

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