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Zum Schüleraustausch nach Japan

Jedes Jahr ermöglicht es die weltumspannende Gemeinschaft der Rotarier vielen jungen Menschen, als Austauschschüler andere Lebenswelten kennenzulernen, als Botschafter des guten Willens ihre Heimat im Ausland zu vertreten. Diese Austauschschüler tragen dazu bei, Vorurteile abzubauen und das gegenseitige Verständnis zwischen Völkern zu verbessern.
An diesem Programm beteiligt sich auch der Rotary Club Eisenach. Er entsendet nicht nur Schüler in alle Welt, sondern nimmt auch Schüler aus fremden Ländern für ein Jahr auf. In diesem Schuljahr betreut er Ben Lennon, der von Missouri USA nach Eisenach gekommen ist und das Luther-Gymnasium besucht.
Bis in den Sommer dieses Jahres hinein hielt sich Florian Schreck, der zur Zeit die 11. Klasse des Luther-Gymnasiums absolviert, in Japan auf. In dem nachfolgenden Bericht erzählt er, welche Erfahrungen er als Austauschschüler in diesem fernen Land gemacht hat:

«Japan, Chikuma City, 8.30 Uhr. Ein ganz normaler Schultag. Das Fahrrad wird im Unterstand abgestellt, Straßenschuhe werden mit Schulsandalen getauscht. „Ohaiyou gozaimasu“ murmele ich einem Lehrer im Vorbeigehen grüßend und noch im Halbschlaf zu. Ab in den Klassenraum mit den 41 Tischen. Dann ein paar Minuten später die Stundenklingel. Alle schauen nach vorne zum Lehrer. Fach: Japanische Literatur. Fünf Minuten später befinde ich mich wieder im Tiefschlaf. An japanischen Schulen kein Problem.
So ungefähr könnte man einen Morgen beschreiben, wie ich ihn vor gar nicht so kurzer Zeit erlebte. Ein Jahr lang zog es mich über die internationale Organisation «Rotary» – die unter anderem auch einen Jugendaustausch anbietet und unterstützt – nach Japan, ins Land der aufgehenden Sonne.
Wie kommt man auf Japan? Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird und wurde und von der ich das Gefühl habe, bis heute noch keine sonderlich zufriedenstellende Antwort darauf zu haben. Denn so komplexe Gedankengänge lagen bei mir zumindest gar nicht dahinter.

Es begann im Oktober 2009, kurz nach einer Vorstellung des Jugendaustauschs von «Rotary» an unserer Schule, bei der uns der Jugendbeauftragte einiges Wissenswertes über so ein Austauschjahr erklärte. Zuerst ruhte das Ganze bei mir ein bisschen, begann dann aber mit dem „was wäre, wenn“, streckte sich weiter über „wieso eigentlich nicht?“ und letztendlich hin bis zum „ich mach’s!“.
Japan und japanische Kultur fand ich schon immer faszinierend. Ein paar Japanischkurse hatte ich zumindest schon an der Volkshochschule belegt. Zu so einem Jahr kommt man nicht so oft, dachte ich mir. Also mach ich’s einfach, bevor es zu spät ist!

Ein Jahr lang also war ich weit weg von zuhause, genauer gesagt in der Präfektur Nagano mit der gleichnamigen Hauptstadt. Nagano ist für Deutsche wahrscheinlich genauso gut bekannt wie Thüringen für Japaner – also eher gar nicht – aber eins haben die beiden Gebiete gemeinsam: Sie liegen „in der Mitte“.
Nagano ist die Skiregion Japans. 1995 fanden hier die Olympischen Winterspiele statt, eine Veranstaltung, die die Präfektur wohl ihrer Lage direkt an den japanischen Alpen zu verdanken hat. Viele, viele Berge, kleine, langgezogene Täler und die darin befindlichen Städte und Dörfer prägen das Landschaftsbild. Der Winter ist kalt, der Sommer schwülwarm.

Obwohl ich mich auf einiges schon eingestellt hatte, kam es letztlich doch alles ganz anders als erwartet. Japanisch ist eben doch nicht so einfach. Aber meine insgesamt drei Gastfamilien, bei denen ich mein Austauschjahr verbrachte, führten mich gut durch die Wirren und Umwege der fremden Kultur und Lebensweise. Am Anfang unterhielt ich mich fast nur auf Englisch (da mir die Japanischstunden in Deutschland doch weniger gebracht hatten, als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte).

Ich hatte Glück, dass mein Gastvater Englisch zumindest ein wenig beherrschte – etwas, das man nicht von jedem Japaner erwarten kann. Später erfuhr ich sogar, dass meine erste Gastmutter sogar Englischlehrerin gewesen war, obwohl sie nie ein Wort darüber zu mir gesagt hatte. Wahrscheinlich wollten sie es mir doch nicht ganz so einfach machen, eine, wie ich nun finde, auch gute Entscheidung.
Wenn man mit «Rotary» ins Ausland geht, wird man komplett in die Kultur des anderen Landes eingebunden. Das heißt nicht nur, dass man in Gastfamilien wohnt. Auch Schule und alles, was dazu gehört, gilt es, kennenzulernen. Manchmal gab es Momente, in denen ich mich nicht mehr wie ein Austauschschüler oder Gast, sondern einfach wie ein ganz normaler High-School-Schüler vorkam.

Um die Schule zu erreichen, stand jeden Morgen zuerst einmal eine 40-minütige Fahrradfahrt an – dank des Tals, in dem meine Stadt lag. Ganz schön ungewohnt, wenn man an zuhause gewöhnt ist, wo man mit dem Fahrrad innerhalb einer Viertelstunde von einem Ende zum anderen kommt. Im durchaus kalten Winter, der letztes Jahr aber von Deutschland, um einige Grade geschlagen wurde, oder bei Regen ging es zur Not aber auch mit dem Zug.

Die Schule war wegen meinen quasi nicht vorhandenen Japanischkenntnissen doch ziemlich schwierig. Da die meisten Japaner nur schlecht bis mäßig Englisch können (mein Gastvater war eine echte Ausnahme), verlief es mit dem Kontakteknüpfen an der Schule zumindest zu Anfang eher behäbig. Aber eigentlich kann ich mich gar nicht beklagen. Meine Klassenkameraden, von denen einige das Schicksal getroffen hatte, meine «Babysitter» zu sein, und die Klassenlehrerin, mit der ich auch schon vor meinem Austauschjahr ein wenig Kontakt hatte, taten alles in ihrer Macht stehende dafür, mir den Einstieg so angenehm wie möglich zu machen – und ich kann mir vorstellen, dass das nicht immer einfach war.

Neben dem normalen Unterricht, in dem ich zunächst alle, etwas später dann nur noch einige Stunden besuchte (besonders in meinem ersten Halbjahr), stand außerdem noch «Hankatsu» an, etwas, das mein Leben in Japan wohl mit am meisten geprägt hat. Dieses Wort bezeichnet nicht anderes als Schul-Clubs oder Arbeitsgemeinschaften. Während man an deutschen Schulen nach solchen Clubs, die auch gerne mal aus mehr als drei bis vier Leuten bestehen, nahezu vergeblich sucht, sind sie in Japan Gang und Gäbe. Natürlich gibt es auch hier kleinere Teams und Gruppen, aber alleine die schieren Anzahl überwältigte mich: Von Photographie und Kunst über Bogenschießen, Schwimmen und zahlreiche andere Sportarten bis hin zu Biologe-, Physik- und Englischclub war fast alles vertreten.

Meine Wahl fiel auf das Orchester. Wie sollte es auch anders sein, hatte ich auch schließlich meine Klarinette nach Japan mitgenommen. Musik spricht ja bekanntlich eine Sprache, die keine Worte braucht.
Aber so viele Freunde ich dort auch kennen lernte, war das Eingewöhnen schwer. Die Übungszeiten waren der wesentliche Punkt, der mich im ersten Monat noch davon abgehalten hatte, sofort beizutreten: Jeden Tag ungefähr zweieinhalb Stunden üben! Das schließt natürlich Wochenenden, Feiertage und Ferien mit ein. Ich kann nicht behaupten, dass ich kurz nach meinem Beitritt sonderlich begeistert davon war. Schließlich gewöhnte ich mich doch so langsam an den geregelten Tagesablauf. Wie ich später feststellen musste, war die Übungszeit auch wirklich nötig: Der Club nahm an Wettbewerben und Konzerten teil, wo es nur ging.
Wenn ich gerade meine Zeit einmal nicht im Musikraum, wo die Proben stattfanden, verbrachte, gab es noch viel anderes zu erforschen. Einmal in der Woche fand japanisches Bogenschießen und Teezeremonie (anstatt des Orchesters) statt, außerdem war ich immer öfters mal sporadisch zu Gast im Englisch-Club der Schule. In den Ferien und an manchen Wochenenden nahm mich meine Gastfamilie zu Sehenswürdigkeiten und anderen Orten mit. Karaoke (typisch für Japan) und andere Unternehmungen mit Schulfreunden durften natürlich auch nicht fehlen. Meine Woche war also ziemlich ausgefüllt.

Obwohl vieles ungewohnt und nicht ganz einfach war – mein Jahr in Japan wird mir noch sehr lange als ganz besondere Erinnerung erhalten bleiben. Die neue Kultur mit all ihren Facetten – Land, Leute, Essen, Schule, heiße Quellen, Volksfeste, die Gastfamilien, Musik – sind mir über meinen Aufenthalt so sehr ans Herz gewachsen, dass ich wirklich sagen kann, in Japan ein zweites Zuhause gefunden zu haben.
Ich würde meinen Austausch, wenn ich könnte, jederzeit wiederholen; und ich kann nur allen raten, die ein bestimmtes Land schon immer einmal besuchen wollten, sich für Sprache und Kultur interessieren und bereit sind, ein ganzes Jahr fernab der Heimat zu verbringen (sicherlich nicht so einfach, aber weniger schlimm, als man glaubt):
Tut es, solange Zeit dazu ist!
Es ist wirklich eine wunderschöne Erfahrung.»

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