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Eine weitgereiste Persönlichkeit

Ben Bawey ist 26 Jahre alt, kommt eigentlich aus Behringen und hat an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Politik- und Islamwissenschaften studiert.
Bereits seit seiner Schulzeit interessiert sich der junge Mann für die Geschehnisse im Nahen Osten und hat diesen seitdem auch immer wieder bereist. Zuletzt war Bawey im tunesischen Sfax, wo er unter anderem als Marketingdirector für einen größeren Hersteller der Beleuchtungsindustrie arbeitete.
Seit gut einer Woche ist der studierte Islamwissenschaftler wieder in der Wartburgregion und berichtet bei zahlreichen Fotovorträgen von seinen Reisen durch den Orient.
Auch ein Buch, welches sich mit dem aktuellen Konflikt in Syrien auseinandersetzt, hat er bereits geschrieben und veröffentlicht.
Unser Redakteur Paul-Philipp Braun traf Ben Bawey in Eisenach und hatte dort die Möglichkeit, ihm einige Fragen zu sich und zu seiner Arbeit zu stellen.

Herr Bawey, schön, dass Sie nun wieder in Eisenach sind. Sie haben in ihrer Zeit im Orient bisher schon viel erlebt. Wie kam es dazu, dass Sie sich überhaupt für diesen Kulturraum interessierten?

Es war eigentlich eine zufällige Begebenheit, als eine Sozialkundelehrerin im Abbe-Gymnasium während einer Vertretungsstunde über die damaligen Konflikte im Nahen Osten referierte. Sie hatte mich neugierig gemacht und so begann meine ganz persönliche Geschichte.
Später verfasste ich dann meine Seminarfacharbeit über den Irakkrieg von 2003 und so wurde ich immer vertrauter mit der Thematik des Orients. Natürlich auch mit den vorherrschenden Problemen in diesen Ländern.

Sie haben nach Ihrem Abitur Islam-, Kommunikations- und Politikwissenschaften in Jena studiert. Wie ging es dann für Sie ganz persönlich weiter?

Während meines Studiums reiste ich nach Syrien und habe zweimal in Damaskus gelebt. Ich war in Jordanien und in Ägypten, wo ich recht kurzfristig eine Praktikumsstelle bei der Deutschen Botschaft in Kairo erhalten hatte. Allerdings ist das alles noch vor der Revolution in diesen Ländern gewesen.
In Kairo entstand bei Gesprächen mit Kollegen von der Botschaft auch die Idee für meine Magisterarbeit über den Konflikt zwischen Israel und Syrien. Als ich damit fertig war, brach in Syrien der Bürgerkrieg aus und somit wurden meine eigentlichen Pläne, nach dem Studium zurück nach Damaskus zu gehen, wieder umgeworfen.

Nach dem Abschluss Ihres Studiums gingen Sie nach Tunesien. Wie kam es dazu?

Ich bin die Landkarte einmal von Ost nach West durchgegangen und stellte dabei fest, dass in sämtlichen Ländern, die ich bereits bereist hatte, Revolutionen ausgebrochen waren.
Irgendwie bin ich in Tunesien hängengeblieben und wanderte 2012 dorthin aus. Zunächst machte ich einen Sprachkurs und nachdem ich über eine Stellenausschreibung für das Aufgabengebiet eines Marketingdirektors bei einer großen Firma für Beleuchtungsmittel und Kabelschächte gestolpert war, hatte ich mich auf diese beworben. Ich bekam den Job und konnte umgehend anfangen. Die Arbeit machte mir Spaß, auch wenn ich zugeben muss, dass es für mich eher ein Mittel zum Zweck war, da ich auf diese Weise meine Ausflüge und Reisen durch Tunesien finanzieren konnte. Und vor allem konnte ich mit dem erarbeiteten Geld das machen, weswegen ich eigentlich gekommen war: meine Arabisch-Sprachkurse wahrnehmen.

Herr Bawey, es ist schon ein interessanter Zeitraum, in dem wir uns treffen. Vor fast genau drei Jahren brach im Nahen Osten überall der Arabische Frühling, die großen Revolutionen, aus. Wie haben Sie ganz persönlich die Anfänge dieser Umbrüche, die für viele Historiker mit der öffentlichen Verbrennung eines Gemüsehändlers aus Tunesien einhergehen, erlebt?

Ich selbst habe zuerst aus dem Rundfunk davon Notiz genommen. Obgleich ich diesen Ereignissen anfangs gar keine so große Bedeutung zugemessen hatte. Ich glaube auch, dass damals kaum einem der Beteiligten klar war, was da losgetreten wurde. Ich denke, dass keiner absehen konnte, welche Veränderungen mit alledem einhergingen.

Sie haben damals auch erlebt, wie Ägyptens Staatschef, Hosni Mubarak, am 11. Februar 2011 seines Amtes enthoben wurde. Was war das für Sie ganz persönlich für ein Gefühl? Ein halbes Jahr zuvor waren Sie selbst noch in Kairo gewesen, hatten sich «die Starke», wie die Stadt übersetzt heißt, noch angesehen und dann war alles anders.

Als ich damals aus Ägypten abgereist war, waren schon die ersten Wahlplakate von Mubarak aufgehängt worden und es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass er bereits seinen Sohn auf die Nachfolgerschaft vorbereitet hatte und somit dass das Regime weiterhin seine Macht beibehalten würde.
Was mich damals aber persönlich noch mehr schockierte, war ein Foto des Tahrir-Squares. Als ich zuvor in Ägypten eingetroffen war, hatte ich dort mein Hostel bezogen, da ich mir erst vor Ort eine Wohnung suchen konnte.
Genau dieses Hostel fand ich später in einem «Spiegel»-Artikel wieder. Auf dem Foto war ein Panzer zu sehen, der vor dem Gebäude, in dem ich gelebt habe, postiert war. Dort demonstrierten nun Menschen für eine neue Ordnung und die Gewalt eskalierte.
Das ist so ein Moment, wo man sich sagt: «Du warst ja im Endeffekt ganz nah dran und wenige Wochen später brach dann alles zusammen.» Das beschäftigt einen dann schon ein kleines bisschen.

Sie haben insgesamt fast ein halbes Jahr lang in Damaskus gelebt. Auch dort war es eine Revolution, die losbrach und dann nach und nach in einen Bürgerkrieg überging. In letzter Zeit werden wir immer wieder über Fernsehen, Internet und Zeitungen mit traurigen und teilweise grausamen Bildern aus dieser Region kontaktiert. Was lösen diese Bilder bei Ihnen für Emotionen aus?

Ich muss mich daran gewöhnen, dass ich jetzt nur noch in der Vergangenheitsform über Damaskus und Syrien sprechen kann. Denn das, was ich erlebt habe, was ich gesehen habe, das gibt es so nicht mehr. Damaskus war eine Traumstadt, eine Märchenstadt, ein Ort voller zauberhafter Geschichte.
Wenn ich heute diese Bilder sehe, dann bin ich traurig und schockiert. Ich habe viele Freunde und Bekannte dort und weiß teilweise nicht einmal, ob sie noch leben.
Wenn ich dann Bilder von brennenden Altstädten und Bazaren sehe, fällt es mir noch schwerer meine Emotionen zurückzuhalten.

Wir haben jetzt viel über Ihre persönlichen Empfindungen und Ihre Vergangenheit gesprochen. Wie sehen Sie Ihrer Zukunft? Haben Sie schon Pläne? Werden Sie wieder nach Arabien gehen?

Natürlich habe ich schon so meine Pläne für die Zukunft. Im Moment spreche ich jedoch noch nicht darüber. Die Tunesier glauben an den bösen Blick – ein alter orientalischer Aberglaube – der immer den trifft, der sich zu offen und selbstsicher über seine Zukunft und Pläne äußert. Auf jeden Fall möchte ich wieder reisen. Ob es wieder der Orient wird, darüber bin ich mir noch nicht ganz sicher. Die Welt ist groß und schön. Und über die Weihnachtsfeiertage werde ich genug Zeit haben, um mir Gedanken über diese Dinge zu machen.
Im Moment stehen aber erst einmal meine Vorträge hier in der Region an erster Stelle. Aber wer weiß, wo es mich irgendwann mal hin verschlägt.

Vielen Dank für dieses Interview, Herr Bawey.

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