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Zum 100. Geburtstag von Egon Bahr

Ganz persönliche Gedanken von Thomas Levknecht aus Eisenach

Damit der „eiserne Vorhang“ zwischen den beiden deutschen Staaten durchlässiger wird, dafür arbeitete ab 1969 die SPD-geführte Bundesregierung von Kanzler Willy Brandt. „Wandel durch Annäherung“, dieser Leitgedanke wurde von Egon Bahr, dem Bundesminister für besondere Angelegenheiten, entscheidend geprägt. Im März fand das legendäre Treffen von DDR-Ministerpräsident Willy Stoph mit Bundeskanzler Willy Brandt statt. Der Sonderzug fuhr auch durch Eisenach. Überall winkende Menschen. Wir winkten jedem Zug aus dem „Westen“ zu. Wir wussten ja nicht, in welchem Willy Brandt saß. Und dann das Unglaubliche vor dem Erfurter Hof, als der Welt der Atem stockte. Tausende riefen „Willy Brandt ans Fenster!“. Und in vielen Wohnzimmer in Deutschland Ost keimte neue Hoffnung. Via Westfernsehen wurde Jahre später das Misstrauensvotum der CDU/CSU im Deutschen Bundestag verfolgt, dessen Scheitern für Erleichterung sorgte. Und als Willy Brandt der Friedensnobelpreis verliehen wurde, hatten auch wir in Eisenach wieder einen Deutschen, auf den wir stolz sein konnten. An seiner Seite der unweit von Eisenach, in Treffurt geborene, Egon Bahr.

Willy Brandt und Egon Bahr sorgten dafür, dass ich im Dezember 1989 zu den Mitbegründern der SDP (später SPD) in Eisenach gehörte. Als Kreis- und spätere Regionalgeschäftsführer der SPD durfte ich Egon Bahr mehrfach begrüßen und begleiten. Bei seinem ersten Besuch entschuldigte ich mich für das Durcheinander in der SPD-Geschäftsstelle unmittelbar vor anstehenden Wahlen. „Wenn es hier ordentlich aussähe, wäre wohl was falsch“, entgegnete Egon Bahr, der selbst von 1976 bis 1981 Bundesgeschäftsführer der SPD war. Wir hatten sofort einen Draht zueinander.

Letztmalig trafen wir uns 2013. Egon Bahr kam mit dem Zug nach Eisenach. Ich holte ihn mit meinem Auto vom Bahnhof ab und wir fuhren in seine Geburtsstadt Treffurt. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Bürgerhaus sprach Egon Bahr. Natürlich auch über die Jahre „Wandel durch Annäherung“ und den Sturz Willy Brandts. „Der Architekt der Ostverträge“ wurde natürlich auch auf die Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion am 7. Mai 1974 angesprochen, als er beim Satz von Fraktionschef Herbert Wehner „Willy, du weißt, wir alle lieben dich“ die Hände vor das Gesicht schlug und einen Weinkrampf bekam. Das wurde gefilmt. Egon Bahr empfand Wehners Ausruf als unfassbaren Gipfel von Heuchelei. „Wehner, das Schw…..“, kochte es in Egon Bahr selbst an diesem Tag hoch. Und er hatte einen für mich sehr nachdenklichen Satz parat:

In jener Zeit ging es den Politikern einzig und allein um unser Land, jetzt steht bei ihnen das eigene Wohlergehen an erster Stelle.

Es sollte leider das letzte persönliche Treffen mit Egon Bahr bleiben. Ich bin stolz auf diese Treffen, erzähle meinen Kindern – und wenn sie alt genug sind – bestimmt auch meinen Enkelkindern davon.

Am Freitag, 18.03.2022 wäre Egon Bahr 100 Jahre geworden. Er gehört zweifellos zu jenen Deutschen, zu jenen Politikern, auf die wir stolz sein können!

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