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Gemeinsame Hilfsaktion

Über 3000 Kilometer Fahrt: Hilfsgüter gelangten im vollgepackten ThSV-Kleinbus zu Betroffenen des Ukraine-Krieges

Schrecklich die Bilder, die uns täglich vom Krieg in der Ukraine erreichen. Konkrete Hilfe vor Ort leisteten kürzlich Bürger unserer Region. Ein Kleinbus des ThSV Eisenach mit Organisatorin Ulrike Jary und Sebastian Morgenweck am Steuer (beide aus Wutha-Farnroda) brach Richtung ukrainische Grenze nach Medyka in Polen auf. Sebastian Morgenweck war schon bei der Großaktion der Firma Schaarschmidt als Fahrer dabei. Der Kleinbus war voll beladen mit Hilfsgütern wie Medikamente, Lebensmittel, Verbandsmaterial, Hygieneartikel, Schlafsäcken und Decken, die von zahlreichen privaten Spendern, aber auch Unternehmen und Organisationen wie Fruchthof Zipf-Herbst GmbH, der SSV-Kroschke GmbH oder auch dem ASB Regionalverband Südwestthüringen e.V. gespendet wurden. 

Dass dieser Transport am vereinbarten Wochenende stattfinden sollte, war klar. Die Sachspenden waren organisiert und standen bereit, nur der fahrbare Untersatz fehlte. Beinahe schon verzweifelt meldete sich Ulrike Jary beim ThSV Eisenach, schilderte Manager René Witte die Situation, dass sich kein Kleinbus auftreiben lässt, mit dem die zahlreichen Hilfsgüter nach Polen transportiert werden können. Spontan sagte dieser – nach Rücksprache mit der CarUnion Steinhardt GmbH – zu und die Planung konnte in die Schlussrunde gehen. 

Hier der Bericht von Ulrike Jary. Ein beeindruckender Bericht! 

Der Transport startete gegen 17 Uhr Richtung Polen. Gegen 4 Uhr haben wir die polnisch-ukrainische Grenze in Medyka erreicht. Dort konnten wir uns einen Eindruck der Situation vor Ort machen. Knapp minus 10 Grad, eine hell erleuchtete Grenze, ein stetiger Strom aus Flüchtlingen, die die Grenze zu Fuß passierten. Überall Feuertonnen, an denen sich die Helfer wärmten und eine Pause gönnten. Was uns sofort begegnete, war die freundliche und sehr gut koordinierte Arbeit der Helfer vor Ort. Da waren zahlreiche Freiwillige, Polizei und Soldaten. Alle standen den hilfsbedürftigen Menschen, die gerade ihr Heimatland verlassen mussten, aber auch uns mit Rat und Tat zur Seite. Nicht nur einmal wurden wir in dieser Nacht angesprochen, ob wir einen heißen Kaffee, eine Suppe oder auch ein Bett benötigen. Eine Hilfsbereitschaft, die wir in diesem Maße, aufgrund der Berichterstattung in unseren Medien, nicht erwartet hatten – zumal wir ja gekommen waren, um zu helfen und nicht um weitere Umstände zu machen. Hilfsorganisationen haben sich niedergelassen, beheizte Zelte wurden errichtet. Kartons mit Hilfsgütern stapeln sich. Decken stehen bereit, um die Ankommenden einzuhüllen. Wir beobachteten, dass die angekommenen Menschen auf Linienbusse aufgeteilt wurden, um in das zahlreiche Erstaufnahmelager in ganz Polen gebracht zu werden. Schnell wurde uns jedoch klar, dass es hier keinen Sinn macht unsere Hilfsgüter zu übergeben. Im Vorfeld haben wir uns auch informiert, dass es in Medyka ein Erstaufnahmelager gibt, wo unsere Sachspenden willkommen sind. Jetzt mussten wir es nur noch finden.

 Wir hatten ein Foto des Gebäudes von einem Kollegen, der bereits ebenfalls mit einem Hilfstransport vor Ort war. Also machten wir uns auf die Suche. Glücklicherweise ist der Ort Medyka eine kleine Landgemeinde mit etwa 2600 Einwohnern. So dauerte es nicht lange und wir standen vor der dortigen Grundschule, die aktuell als Erstaufnahmelager dient. Zum einen werden dort Unmengen an Hilfsgütern gelagert und sortiert zum anderen dient die Sporthalle als Schlafsaal für die angekommenen Ukrainer. Am Vordereingang empfing uns ein Polizist, dem wir unser Anliegen mitteilen konnten. Dieser beschrieb uns den Weg zum Hinterhof. Wir hatten nicht erwartet, dass wir um diese Zeit, es war mittlerweile gegen 5 Uhr morgens, Helfer antreffen, die unsere Hilfsgüter annehmen. Aber weit gefehlt. Es war reger Betrieb an der Laderampe. Gerade wurde ein großer Pritschenwagen mit Hilfsgütern beladen, der im Anschluss seinen Weg auf die andere Seite der Grenze nehmen sollte. Sofort kamen freiwillige Helfer und wir konnten gemeinsam mit dem Abladen beginnen. Keine 30 Minuten später war unser Bus ausgeladen und die Hilfsgüter dort, wo sie gebraucht werden. Das spürten wir sofort! Hier wird jedes einzelne Teil gebraucht und kommt dort an wo es hingehört. Es war beeindruckend zu sehen, wie gut organisiert und liebevoll dort Hilfe geschieht. 

Wir wurden mit freundlichem Nachdruck darauf hingewiesen, dass wir jetzt dringend einen heißen und starken Kaffee benötigen und in den kleinen Speisesaal eingeladen. Es war ein beeindruckendes Bild, das sich uns dort bot. Um die Verpflegung der Flüchtlinge und der Helfer vor Ort kümmerten sich Nonnen. Es war ein kleines Frühstücks Buffet aufgebaut. Es war zu spüren, dass man versucht, es den Angekommenen es so gut wie eben möglich gehen zu lassen. Wir saßen da, still und wärmten uns an einem Kaffee, den ich in meinem Leben wohl nicht vergessen werde. Die ersten Menschen kamen aus dem Schlafsaal, noch zerzaust und schlaftrunken. Ein kleiner Junge freute sich riesig über seine warme Milch und eine Banane, die ihm gereicht wurde. Es war ein bedrückendes Gefühl, die Kinder, die Frauen, die älteren Menschen in ihrer Notlage zu erleben und gleichzeitig zu sehen, wie die Hilfsgüter genau an der richtigen Stelle ankommen und wirklich helfen. Ich fragte, ob ich die Toilette hier benutzen dürfe. Vorbei an dem riesigen Schlafsaal, Liege an Liege, kaum 10 cm Platz dazwischen, schliefen die Menschen und ruhten sich von ihren Strapazen aus.

Uns war von Anfang an klar, wir fahren nicht wieder leer nach Hause. Zunächst hatten wir die Idee, einen Pendelverkehr zwischen Medyka und Warschau oder auch Berlin zu fahren. Schnell erkannten wir, dass dieser Shuttle schon sehr gut von polnischer Seite mit großen Bussen organisiert war und unsere Hilfe in diesem Bereich nicht nötig ist. Wir erklärten den Volontären vor Ort, dass wir 7 freie Plätze haben, um Menschen mit nach Deutschland zu nehmen. Das endgültige Ziel sollten die Menschen entscheiden. Der Volontär erbat sich 2 Stunden Zeit, um die Leute anzusprechen und ein geeignetes Ziel für uns zu finden. So konnten wir uns auch ein wenig in unserem Bus auf Ohr legen. Pünktlich halb 8 kannten wir unser Ziel: Balingen bei Stuttgart. Dort lebt ein Verwandter einer Frau, die mit ihren beiden Kindern, ihrer Tante, ihrer besten Freundin, deren beiden Kindern und einem Hund seit 2 Tagen in dem Erstaufnahmelager Zuflucht gefunden hatten. Sicherlich war es auch für die sieben eine Überraschung, dass es nun doch so schnell ging und sie nun nach Baden-Württemberg gebracht werden. Nach der offiziellen Registrierung konnten wir unseren Bus nun mit dem wenigen Hab und Gut und den dazugehörigen Passagieren beladen.

Vor uns hatten wir nun also nochmal rund 1400 km und etwa 12 gemeinsame Stunden mit Menschen, die uns nicht kannten, aber trotzdem vertrauten, dass wir es gut mit ihnen meinen. 

Während der gesamten Fahrt und den Pausen hatten wir nur wenig echte Gelegenheit mit den Frauen über ihr Erlebtes zusprechen. Wir spürten genau, dass sie schlimmes durchgemacht hatten und eine gewisse emotionale Leere, sodass wir sie auch nicht mit Fragen quälen wollten. Es waren kleine Momente die einen die Tränen in die Augen trieben und uns ahnen ließen, was diese Familie erlebt hat. Der zehnjährige Reinhard, saß die gesamte Fahrt über bei uns Vorne im Wagen. Bei schönstem Wetter fuhren wir durch die Oberlausitz, als er plötzlich zusammenzuckte und auf einen Kondensstreifen am Himmel zeigte. „Russian Planes! “ Wir erklärtem ihm, dass er hier in Sicherheit ist, waren gleichzeitig jedoch bewegt von der offensichtlich tiefsitzenden Angst des kleinen Jungen. Kein Kind dieser Welt, sollte mit einer solchen Angst aufwachsen müssen.

Gegen 23 Uhr hatten wir es alle geschafft. Wir sind im beschaulichen Balingen bei Stuttgart (den Handballfans unter uns durchaus bekannt) gesund, wenn auch nicht munter angekommen. Wir wurden bereits von dem Schwager unserer Mitreisenden und André Stegner, einem ehemaligen Handballspieler des ThSV Eisenach, jetzt Trainer der Handball-Männer des SV Petkus Wutha-Farnroda, erwartet. Dieser war mit dem Zug aus Eisenach gekommen, um uns am Steuer abzulösen und sicher nach Hause zu bringen. Schnell luden wir die wenigen Habseligkeiten und die mitgegebenen Spenden aus und verabschiedeten uns. Wir hoffen, dass mittlerweile die Familie sich angekommen und sicher fühlt, um die Erlebnisse zu verarbeiten und nun von Deutschland aus den Blick auf die Geschehnisse in ihrem Heimatland zu richten. Wir können uns nur vorstellen, was für ein schreckliches und hilfloses Gefühl, das sein muss. Jeder von uns, auch im ganz Kleinen, kann viel dafür tun, diesen Kindern, diesen Familien zu helfen und die Zeit und das Bangen um die Heimat, in der die Lieben zurückgelassen werden mussten, ein wenig leichter zu machen. 

Th. Levknecht

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