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Die Abwehr kann uns viele einfache Tore schenken!

Nachgefragt bei Misha Kaufmann, seit drei Monaten Trainer des ThSV Eisenach, im Rück- und Vorausblick vor dem Start in die Rückrunde der 2. Handballbundesliga

Die Handball-Europameisterschaft neigt sich dem Ende, die Handballbundesligen stehen vor dem Start in die Punktspiel-Rückrunden. Auf den ThSV Eisenach warten – beginnend mit dem Auswärtsspiel am 05.02.22 beim TuS Ferndorf – noch 22 Punktspiele in der 2. Handballbundesliga der Männer, inbegriffen die noch aus der Hinrunde nachzuholenden drei Punktspiele (Dormagen auswärts, TUSEM Essen und TuS Ferndorf zuhause).

Wir sprachen im Rückblick und in der Vorausschau mit Misha Kaufmann, seit dem 18. Oktober 2021 Trainer des ThSV Eisenach
Sie sind nun ein Vierteljahr in Thüringen, in Eisenach. Wie kommen Sie als Schweizer mit der Thüringer Mentalität zurecht?
Hinter mir liegt eine turbulente Zeit: die Entscheidung zum Wechsel, die Amtsübernahme in Eisenach, Wohnungssuche, Einzug, Tagesabläufe präzisieren. Was typisch Thüringer Mentalität ist, kann ich nicht sagen. Ich habe sehr offene Menschen kennen und schätzen gelernt. Ich bin sehr gut aufgenommen und unterstützt worden, von allen im Verein und auch den ThSV-Fans. Ich bekenne, ich bin nicht einfach, passe in keine Form oder Schablone, ich will maximalen Erfolg. Diese drei Monate waren eine aufregende und spannende Zeit, die wie im Flug vergangen ist.

Ihre Entscheidung, Mitte Oktober vom Trainerstuhl des HSC Suhr Aarau auf den des ThSV Eisenach (der seinerzeit 2:10 Punkte aufwies) zu wechseln und in der Wartburgstadt einen 3-Jahres-Vertrag zu unterzeichnen, war in einer ersten Rückschau eine richtige?
Es war der richtige nächste Schritt für meine Karriere. Mir ist klar, es wird nicht einfach, wenn man maximalen Erfolg haben will. Alles muss ganz hart erarbeitet werden. Alles fühlt sich sehr, sehr richtig an. Ich wiederhole gern meine Aussage zum Ausklang des Kalenderjahres 2021: Ich fühle mich mit Leib und Seele beim ThSV Eisenach sehr wohl, freue mich, ein Teil des Vereins zu sein und einen neuen Teil der Geschichte dieses lebendigen Traditionsvereines mitzuschreiben.

Sie verbuchten mit Ihrer neuen Mannschaft 13:7 Punkte, überquerten mit 15:17 Punkten auf Platz 12 die Schwelle zum neuen Kalenderjahr. Wo haben Sie nach Ihrem Amtsantritt den Hebel angesetzt?
Ich habe vieles geändert, viele Steine umgedreht. Das war nötig. Wir haben taktisch viel verändert, ein neues Abwehrsystem eingeführt. Unsere Mannschaft hat das binnen kurzer Zeit schon hervorragend umgesetzt. Das wurde deutlich in den Siegen in Aue und in Nordhorn, wo der ThSV Eisenach in den letzten Jahren Niederlagen kassierte. Das war zu sehen bei den Heimsiegen über Coburg und Hamm sowie dem Punktgewinn gegen die Eulen. Spitzenteams der Liga! Mit einer guten Abwehr können wir jede Mannschaft der Liga bezwingen! An diesem Abwehrsystem müssen wir freilich weiterarbeiten, weiter perfektionieren. Den Angriff habe ich größtenteils belassen, ihn aber in verschiedene Phasen aufgeteilt. Wir habe das Risiko in den Phasen 1 und 2 etwas herausgenommen, setzen nicht zu früh zu Würfen an, spielen geduldig bis zur besten Wurfchance. Das Spielen 7 gegen 6 hat die Mannschaft schon sehr gut umgesetzt. Bei Überzahlsituationen haben wir eine andere Positionierung eingeführt, was uns sehr hilft.

Erläutern Sie uns das neue Abwehrsystem ein wenig?
Dieses verlangt ein hohes Maß an Mitdenken, ist sehr kognitiv. Konzentration gepaart mit dem Umsetzen verschiedener Aufgaben sind gefordert. Eine sehr flexible Abwehr in verschiedenen Bereichen ist angesagt. In den Zweikämpfen erwarte ich noch mehr. Unser Abwehrsystem beinhaltet einen riesigen sich ständig fortsetzenden Lernprozess!

Bedeutet das auch eine Umstellung für die Torhüter?
Ja. Die Wurfpositionen sind jetzt oft andere. Unsere Keeper haben es vermehrt mit Bällen von den Flügeln zu tun. Eben anders als bei einer 6:0 Deckung. In Johannes Jepsen verfügen wir über einen sehr jungen und guten Torwart. Er wird uns zeigen, zu welchen Leistungen er in der Lage ist. Wir brauchen noch etwas Zeit für das perfekte Zusammenspiel zwischen dieser neuen Abwehr und dem Torhüter.

Kommen wir zur Offensive, zum Angriffsspiel. Welche Philosophie versuchen Sie da umzusetzen? Inwieweit ist das schon gelungen?
In den bisherigen drei Monaten hatten wir einfach nicht die Zeit, um ganz viel zu ändern. Meine Philosophie ist eigentlich ein bisschen eine andere. Auch jetzt in der Vorbereitung auf die Rückrunde lag der Fokus auf der Abwehr. Eine stabile Abwehr eröffnet uns in jedem Spiel die Chance zum Sieg! Unser Ziel: in jedem Spiel unter 25 Gegentore leiben. Den Fokus legen wir zudem auf die erste und zweite Welle.

Das Kalenderjahr 2021 schloss Ihre Mannschaft mit einer deftigen 26:35- Niederlage bei den Rimpar Wölfen ab. Ein Rückschlag, ein Ausrutscher? Wie soll eine Wiederholung vermieden werden?
Unsere junge Mannschaft hat seit Mitte Oktober bis dahin nahezu perfekt gespielt. Vielleicht hat sie die letzte Partie des Kalenderjahres etwas zu locker gesehen, ein paar Prozente haben gefehlt. Eine so junge Mannschaft braucht vielleicht ab und zu solch einen Nackenschlag. In der Beurteilung dieser Partie sollte auch mit einfließen, dass Rimpar kurz zuvor selbst den VfL Gummersbach in die Knie gezwungen hatte. Die Rimpar Wölfe können also schon erfolgreich Handball spielen. Erreichen wir nicht unser Grundniveau, wird es sehr, sehr schwer in dieser extrem ausgeglichenen Liga zu punkten. Ich hoffe, diese Niederlage versteht meine Mannschaft als klares Zeichen. Freud und Leid liegen binnen weniger Spiele und auch binnen 60 Minuten ganz dicht beieinander. Unsere Aufgabe ist klar: intensiv weiterarbeiten.

Welche Trainingsinhalte standen während der Vorbereitung der Rückrunde auf der Tagesordnung? Sind alle Mann an Deck, auch die EM-Fahrer?
Wie bereits erwähnt, wir haben weiter an unserer Abwehr, die erste und die zweite Welle, das 7 gegen 6 und an verschiedenen Angriffszügen gearbeitet. Unsere Abwehr funktioniert noch nicht so, wie ich mir das vorstelle. Die Abwehr kann uns viele einfache Tore schenken. Deshalb wollen wir sie stabilisieren und noch besser spielen. Daniel Dicker, mit Österreich bei der EM, hat sich zum Ende der europäischen Titelkämpfe mit Corona infiziert und wird wohl erst nächste Woche wieder nach Eisenach kommen. Martin Potisk, mit der Slowakei bei der EM und zu uns zurückgekehrt, ist augenblicklich erkrankt. Alexander Saul laboriert an einem Muskelfaserriss. Alle anderen sind an Deck.

Sie haben drei Nachholspiele zu absolvieren, somit warten noch 22 Punktspiele bis zum 38. Spieltag am 11. Juni 2022. Was haben Sie sich mit Ihrer Mannschaft vorgenommen?
Ich bin nach Eisenach gekommen, um mit der Mannschaft maximale Erfolge zu erzielen. Das bedeutet ganz viel Arbeit, die Mannschaft weiterzuentwickeln. Darauf richtet sich mein Focus. Das heißt, weiter jeden Stein umdrehen, richtige Schlüsse ziehen, richtige Entscheidungen zu treffen.

Dass Sie sich wieder Zuschauer in die Werner-Aßmann-Halle und auch in die anderen Hallen wünschen, liegt ja wohl auf der Hand?
Der Handball lebt von Emotionen. Auf Parkett und Rängen. Zuschauer geben den Spielern einen Euphorie-Schub. Beim Derbysieg über den HSC Coburg hätte eine gefüllte Werner-Aßmann-Halle sicherlich gebebt. Ich möchte erleben, wenn unsere Halle, der Thüringer Handballtempel, ausverkauft ist. Und das möglichst bald!

Th. Levknecht

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