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Ein Daniel Luther war gegen den Erstbundesligaaufsteiger zu wenig

Solch famose Kraftakte wie bei den Heimsiegen über den HC Erlangen (20:19) und über den ASV Hamm (23:22) sind eben nicht beliebig wiederholbar.
Der ThSV Eisenach unterlag im letzten Heimspiel der Premierensaison der eingleisigen 2. Handballbundesliga der Männer TUSEM Essen mit 24:27 (5:13). «Die letzten sechs Wochen haben aufgrund der Verletzungen doch sehr an der Substanz gezehrt», resümierte Eisenachs Trainer Adalsteinn Eyjolfsson, dem erneut seine Rückraum-Asse Tomas Sklenak und Girts Lilienfelds sowie Linksaußen Philipp Lindner fehlten.
Die bereits als Erstligaaufsteiger feststehenden Gäste trumpften mit spielerischer Lockerheit und Souveränität gleichermaßen auf. Zu einfalls- und drucklos agierten die Gastgeber gegen eine sattelfeste TUSEM-Abwehr. Die vielfach unplatzierten Würfe wurden eine sichere Beute des gut aufgelegten Keepers Sebastian Bliß.
Die in Bestbesetzung angereisten Gäste starteten zu bestens strukturierten Tempogegenstößen, vom Top-Torjäger der Liga, Ole Rahmel konsequent abgeschlossen. Dieser stockte mit zehn eingenetzten Bällen seine Saisonbilanz auf 290 Treffer auf. «Wir verloren völlig unseren Faden», räumte ThSV-Coach Adalsteinn Eyjolfsson ein. Seinen Schützlingen gelangen bis zur 25. Minute ganze drei Treffer. TUSEM Essen führte 12:3! Ein Debakel schien sich anzubahnen! Der ThSV Eisenach hatte an diesem Tag nur einen einzigen torgefährlichen Rückraumspieler. Daniel Luther. Mit zwei Kreisläufern schufen die Eisenacher im zweiten Abschnitt für diesen die Räume zum Torwurf. Den mageren fünf Vorpausentreffer ließen die Thüringer neunzehn nach dem Seitenwechsel folgen. TUSEM Essen kontrollierte dennoch souverän den Spielverlauf. «Wir spielten 45 Minuten richtig guten Handball», strahlte TUSEM-Trainer Maik Handschke, bis Mai 2010 selbst Trainer in Eisenach.
Die Wartburgstädter lagen 13:21 hinten (45.), zeigten – sehr zur Freude von über 1800 Zuschauern – tollen Charakter, initiierten eine kaum für möglich gehaltene Aufholjagd, voran ein überragender Daniel Luther. «Eine Wahnsinnsleistung» bescheinigte Trainer Adalsteinn Eyjolfsson dem 24-jährigen Rückraumspieler, seit 1998 im Verein, alle Nachwuchsmannschaften durchlaufend. Daniel Luther gab mit seinem Treffer zum 15:23 (47.) das Signal zur Aufholjagd. Da ließen die Eisenacher endlich auch einmal ihre spielerischen Qualitäten aufblitzen, wenn sie zu allen drei Kreispositionen kombinierten. Nick Heinemann legte das Leder zu Adrian Wöhler, der zum 20:25 verwandelte (53.). Auch eine Auszeit der Gäste konnte den Schwung der Wartburgstädter nicht abmindern. Benjamin Trautvetter und Eryk Kaluzinski trafen zum 22:26 (56.). Essens Hannes Lindt hämmerte das Leder über das Eisenacher Gehäuse. Auf der Gegenseite konnte der nachsetzende Nick Heinemann nur regelwidrig gestoppt werden. Benjamin Trautvetter verwandelte den fälligen Siebenmeter zum 23:26 (58.). «Geht da wirklich noch was», fragten sich die ThSV-Fans und erhöhten nochmals die Phonstärken. Die Gäste zeigten plötzlich Nerven, fabrizierten einen technischen Fehler. Doch Duje Miljak und Eryk Kaluzinski scheiterten an TUSEM-Schlussmann Sebastian Bliß. «Wer weiß, was passiert wäre, wenn einer dieser Bälle gesessen hätte», sinnierte Adalsteinn Eyjolfsson nach dem Abpfiff. Essens Hannes Lindt traf zum 23:27, Eisenachs Adrian Wöhler zeichnete sich für den Endstand verantwortlich. Die 3. Heimniederlage im 19. Heimspiel war Realität. Die stimmungsvolle Kulisse verabschiedete ihr Team nach einer ganz starken Rückrunde – inklusive zwischenzeitlichem Schnuppern sogar an den Aufstiegsplätzen – mit minutenlangen Beifallsstürmen.

Nach einer kurzen Talkrunde mit beiden Trainern wurden Physiotherapeut Tommy Zimmermann (neue berufliche Aufgabe) und Rückraumspieler Roel Adams (kehrt in seine Heimat zurück) aus den Reihen des ThSV Eisenach verabschiedet.

Vor dem letzten Punktspiel der Saison, am Samstag, 02.06.2012 beim abstiegsbedrohten VfL Potsdam (Anwurf um 19.30 Uhr in der neuen Ballspielhalle Luftschiffhafen) rutschte der ThSV Eisenach auf Tabellenplatz 8 ab.

Erster Eisenacher Treffer nach zwölf Minuten
Beim ThSV Eisenach nahmen erstmals gemeinsam die 18-jährigen Rückraumspieler Christopher Stölzner und Konstantin Singwald Platz. Zum Einsatz kamen beide allerdings nicht. Die Gastgeber begannen mit Adrian Wöhler auf Links- und Nick Heinemann auf Rechtsaußen, Eryk Kaluzinski im linken und Duje Miljak im rechten Rückraum, Roel Adams auf der mittleren Aufbauposition, Benjamin Trautvetter am Kreis (in der Abwehr von Branimir Koloper abgelöst) und Radek Musil im Tor. TUSEM Essen, mit dem Ex-Eisenacher Pavel Prokopec (Rückraum links) und Trainer-Sohn Felix Handschke (Linksaußen) in der Startformation, übernahm sofort das Zepter, riegelte hinten ab, startete blitzschnell zum Gegenstoß. Zu umständlich, zu durchschaubar die Angriffsbemühungen, zu unplatziert der Torwurf bei den Gastgebern, denen der erste Treffer erst nach zwölf Minuten durch den auf die Regieposition eingewechselten Alexander Schiffner gelang. Bis dahin musste ThSV-Keeper Radek Musil bereits sechs Bälle aus seinem Kasten holen. Beim Stande von 0:5 (10.). hatte Eisenachs Trainer Adalsteinn Eyjolfsson zur grünen Karte gegriffen, personelle Veränderungen vorgenommen, was an der Dominanz der Gäste allerdings nichts änderte. Lediglich der eingewechselte Daniel Luther zerrte auf Eisenacher Seite energisch an den Ketten. Zu harmlos seine Rückraumkollegen. Das konnte auch der kurzzeitig für den rechten Rückraum eingewechselte Co-Trainer Krisztian Szep-Kis nicht abändern. «Die stärkste Mannschaft, die sich in dieser Saison in Eisenach vorstellte», war der einhellige Tenor hinsichtlich der Gäste auf den Rängen. TUSEM kombinierte selbstbewusst, temposcharf und mit präzisem Torwurf. Tempogegenstoß-Spezialist Ole Rahmel versenkte zum 1:8 (13.). Nach fast 15 Minuten (!) konnte Hallensprecher Jürgen Hausburg erst den zweiten ThSV-Treffer (durch Daniel Luther) ansagen. Die Gäste aus dem Ruhrpott boten eine Lehrstunde modernen Handballs auch mit dem eingewechselten jungen Simon Ciupinski in der Rolle des Spielgestalters. Julius Kühn (2) und Ole Rahmel erhöhten für TUSEM Essen gar auf 3:12 (25.). Beim ThSV Eisenach ging fast gar nichts. Ein Kaluzinski-Ball landete am Holz, ein Miljak.Zuspiel war für Adrian Wöhler nicht zu kontrollieren. TUSEM hingegen zauberte gar für die Galerie, wie beim Kempa-Treffer zum 4:13 (Rahmel, 30.).

Eisenacher Aufholjagd dieses Mal ohne Happy End
«Während der Halbzeitpause haben wir uns darauf eingeschworenen, unseren fantastischen Zuschauern eine wesentlich besseren zweite Spielhälfte zu zeigen», berichtete Adalsteinn Eyjolfsson. «Hut ab vor der Leistung in den zweiten dreißig Minuten», fügte der Eisenacher Coach gleich hinzu und verteilte ein Sonderlob an Daniel Luther. «Er hat uns fast allein am Leben erhalten», formulierte Adalsteinn Eyjolfsson. Zwar landeten nun in Regelmäßigkeit auch die Bälle im TUSEM-Kasten, im zweiten Abschnitt immerhin 19 (!), doch auch der Angriffsmotor des Erstligaaufsteigers ohne Spieler mit Gardemaßen lief weiter hochtourig. Alle TUSEM-Spieler waren stets mit einbezogen. Viel lief auch über die Kreismitte. Andre Kropp traf von da zum 8:15 (34.). Der Ex-Eisenacher Pavel Prokopec verwandelte zwei Strafwürfe zum 8:16 (36.) und 10:18 (38.). Im direkten Aufeinandertreffen jener Teams, denen im bisherigen Saisonverlauf die meisten Strafwürfe der Liga zugesprochen wurden (Essen 189, Eisenach 182), zeigten die Unparteiischen Gerhard/Küsters insgesamt nur fünf Mal auf die ominöse Linie. «Das ist ja phasenweise wie Daniel Luther contra TUSEM Essen», fasste ein Augenzeuge seine Empfindungen in Worte. Dessen Mitspieler schufen allerdings auch die Räume. Angesichts des großen Torpolsters (13:22, 45.) brachten die Gäste ihre «zweite Reihe». Stanislaw Gorobtschuk, ab der 13. Minute im Eisenacher Kasten, konnte nun mehrfach erfolgreich abwehren, motivierte seine Vorderleute zur Schlussoffensive, vom 16:25 (49.) zum 23:26 (58.). Das Happy End, wie in den vorangegangen Heimspielen, glückte den Wartburgstädtern allerdings nicht. Dazu hätten freilich mehr Akteure am oder gar über ihrem Limit spielen müssen.

Statistik

ThSV Eisenach: Musil, Gorobtschuk; Singwald, Trautvetter (4/1), Wöhler (4), Stözner, Luther (8), Miljak (1), Kaluzinski (2), Adams, Schiffner (1), Heinemann (3/1), Koloper (1), Szep-Kis

TUSEM Essen: Kulhanek, Bliß; Keller, Kühn (3), Pöter (1), Trodler, Pieczkowski, Seidel, Lindt (2), F. Handschke (4), Rahmel (10), Ciupinski, Prokopec (3/2); Kropp (4)

Siebenmeter: ThSV Eisenach 3/3; TUSEM Essen 2/2

Zeitstrafen: ThSV Eisenach 2 x 2 Min.; TUSEM Essen 4 x 2 Min.

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