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Füchse Berlin – ThSV Eisenach 30:24 (20:10)

Sonntagabend vor dem Sportlereingang der Max-Schmeling-Halle in Berlin-Prenzlauer Berg: Nahezu 100 in blau-weiß getauchte Handballfans aller Altersgruppen jubelten der Mannschaft, den Spielern und dem Trainerteam des ThSV Eisenach noch lange nach dem Abpfiff zu. Trommelwirbel und Gesänge stiegen in den abendlichen Hauptstadt-Himmel, waren weithin zu hören. Längst waren die 8.900 Berliner Zuschauer in ihre großstädtische Privatsphäre abgetaucht. Im dritten Punktspiel der Rückrunde der DKB Handball-Bundesliga und letztem vor der Meisterschaftspause hatte der haushohe Favorit, der Vereins-Weltmeister Füchse Berlin, den Aufsteiger von der Wartburg, das Team mit dem niedrigsten Etat der Liga, den ThSV Eisenach mit 30:24 (20:10) bezwungen. Der Verlierer verließ erhobenen Hauptes die ausverkaufte Max-Schmeling-Halle, die Heimstätte des nationalen und internationalen Starensembles der Füchse Berlin – und wurde von der mitgereisten treuen Anhängerschaft gefeiert. Das hatte wohl zwei Gründe: Zum einen war das eine überaus couragierte und auch handballerisch starke zweite Halbzeit, in der der ThSV Eisenach mit einer famosen Aufholjagd den 10-Tore-Rückstand zur Halbzeitpause beim 25:21 (49.) bis auf 4 schmelzen ließ, die Füchse Berlin ins Straucheln kamen. Der zweite Grund war wohl der Liebesbeweis an die Mannschaft mit der klaren Zusage, „wir werden ab Februar gemeinsam um den Klassenerhalt kämpfen.“ Der Ligaverbleib ist für die Wartburgstädter machbar, rangieren sie mit 8: 32 Zählern auf Tabellenplatz 16, punktgleich mit HBW Balingen-Weilstetten auf dem ersten Nichtabstiegsplatz. Die drei Absteiger werden wohl aus dem Sextett der Teams vom TBV Lemgo, TV Bittenfeld 1898 Stuttgart, HBW Balingen-Weilstetten, ThSV Eisenach, Bergischer HC und TuS Nettelstedt-Lübbecke kommen. Was mit dem einen Insolvenzantrag gestellten HSV Handball passiert, ist derzeit offen. Die Hansestädter, mit einem Millionen-Etatloch, belegen mit einem Team von Spielern, das sie sich eigentlich gar nicht leisten können, derzeit den 4. Tabellenplatz.

Zwei unterschiedliche Halbzeiten
Die Partie vor 9.000 Zuschauern war geprägt von zwei ganz unterschiedlichen Halbzeiten. Velimir Petkovic, der Eisenacher Coach, fasste es aus seiner Sicht so zusammen: „Die erste Halbzeit war von uns katastrophal, schlechte Schiedsrichter und eine Super-Leistung der Berliner. Im zweiten Abschnitt boten wir guten Handball bei einer guten Schiedsrichterleistung und einer schlechten Berliner Leistung.“ Seine Mannschaft habe ganz viel Charakter gezeigt, sich bis auf vier Tore herangekämpft. Unverständnis zeigte der Trainer-Haudegen über die Schiedsarichteransetzungen und –leistungen, mit dem seine Mannschaft im bisherigen Saisonverlauf zu kämpfen habe. Da sei auch der DHB-Funktionär Bob Hanning mal gefordert.
Erlingur Richardsson, der Füchse-Trainer, sprach von einer überragenden Abwehr im ersten Abschnitt. „Daraus resultierten viele Gegenstoßtore zur 20:10-Halbzeitführung“. Die zweiten 30 Minuten waren dann nicht nach dem Geschmack der Berlinert Verantwortlichen. „Wir haben die zweite Halbzeit mit 4 Toren verloren. Das ist nicht gut“, erklärte Erlingur Richardsson. Was letztendlich zähle, seien freilich die zwei Pluspunkte. Bob Hanning, der umtriebige Füchse-
Manager, stellte mit Stolz fest, das die Füchse Berlin im Zuschauer-Ranking den zweiten Platz einnehmen. Das sei bei 128 Erst- und Zweitligisten in Berlin besonders bemerkenswert.

Lobende Worte für Ex-Eisenacher im Füchse-Trikot
Mit Bjarki Elisson und Kevin Struck standen zwei ehemalige Eisenacher im Aufgebot der Berliner. Linksaußen Bjarki Elisson trug als Torjäger Nummer 1 der 2. Bundesliga im Vorjahr zum Aufstieg der Wartburgstädter ins Oberhaus bei. Der 18-jährige Kevin Struck, gerade mit einem Profi-Vertrag ausgestattet, im Alter von 14 Jahren aus dem Raum Nordhausen ins Nachwuchsprojekt des ThSV Eisenach gekommen, wechselte nach einem halbjährlichen Intermezzo in der Wartburgstadt zu den Füchsen Berlin. „Kevin Struck hat eine gute Entwicklung bei uns genommen. Bjarki Elisson hat uns während der Saison schon viele Spiele gewonnen. Heute war er weniger gut“, erklärte Bob Hanning auf Nachfrage. Im Füchse-Team standen mit Silvio Heinevetter (Bad Langensalza) und Kevin Struck (Nordhausen) zwei echte Thüringer. Im Team der Wartburgstädter könnten an diesem Tag lediglich Daniel Luther (Eisenach), Adrian Wöhler (Dingelstädt) und Nick Heinemann (Großschwanhausen) auf Wurzeln im Freistaat Thüringen verweisen.

Gut angefangen – stark nachgelassen
Von der 9000-Köpfe-Kulisse unbeeindruckt startete der Underdog von der Wartburg. Rückraum-Recke Azat Valiullin fehlte krankheitsbedingt. Adrian Wöhler stand nach seiner Rot-Sperre nicht nur wieder zur Verfügung, sondern auch 60 Minuten auf Linksaußen auf dem Parkett. ThSV-Spielgestalter Olafur Bjarki Ragnarsson behauptete sich geschmeidig zum 2:3 (6.). Eine Criciotoiu-Fackel schlug zum 3:4 (7.) im Füchse-Kasten ein. Es folgte die Zeit des Silvio Heinevetter. Der nicht in die DHB-Auswahl zur Europameisterschaft berufene Keeper kauften den Eisenacher Rückraumrecken (Mackovsek, Crciotoiu) gleich in Serie das Leder ab. Berlins Rückraumspieler Petar Nenadic lieferte den Beweis für seinen Spitzenplatz in der Torjägerliste. Er netzte insgesamt 11 Bälle ein, war maßgeblich an der Weichenstellung für seine Farben zum 8:4 (14.) beteiligt. Die Gäste suchten den Schnellen Abschluss, Silvio Heinevetter parierte und leitete blitzschnell den Gegenstoß ein.Im Liegen bediente er den sprintenden Matthias Zachrisson zum 11:6 (19.) und war auch der Vorlagengeber für den Ex-Eisenacher Bjarki Elisson zum 13:6 (20.). Es kam noch schlimmer. Da war freilich auch mancher Bonus-Pfiff der jungen Unparteiischen Jan Grell und Raphael Piper für Bob Hanning und seine Crew dabei. „Wir hatten wieder diesen Aussetzer, warfen zehn Minuten kein Tor“, ärgerte sich Eisenachs Spielgestalter Olafur Bjarki Ragnarsson, der auf eine EM-Teilnahme verzichtet. Auch die zweite Auszeit von Trainer Velimir Petkovic änderte nichts. Nach dem 15:10 (24.) wurden die Eisenacher regelrecht überrollt. Bjarki Elisson durfte kurzzeitig in seiner Paraderolle als vorgezogene Deckungsspitze ran. Gegenstoß auf Gegenstoß rollte in Richtung Eisenacher Kasten. Der ins Gehäuse eingewechselte Jan-Steffen Redwitz verhinderte Ärgeres. Praktisch mit der Pausensirene fiel das 20:10 für die Hausherren, die während der Halbzeitpause schon von 45 eigenen Treffern träumten.

Da wackelte der Handball-Vereinsweltmeister
Es wurden jedoch nur noch biedere 10! Der zweite Abschnitt ging mit 14:10 an den ThSV Eisenach. „Die zweite Hälfte war dann viel besser“, befand Olafur Bjarki Ragnarsson. „Aber unsere Fortschritte sind noch nicht groß genug, um gegen eine Mannschaft des Kalibers Füchse Berlin was Zählbares zu holen“, fügte der Isländer hinzu. Dennoch erwähnenswert: In eigener Halle im September hatte der ThSV Eisenach mit 28:40 gegen die Füchse Berlin verloren. Nach dem 22:12 (39.) wollten die Berliner wohl im Schongang eines dritten Weihnachtsfeiertages die Partie beenden. Da hatten sie freilich die Rechnung ohne die Eisenacher gemacht. Schlussmann Jan-Steffen Redwitz steigerte sich prächtig, parierte insgesamt 12 Bälle. Dusko Celica traute sich nun was zu. Die eingewechselten Daniel Luther und Marcel Schliedermann, nicht fehlerlos, zerrten mächtig an den Ketten. Tomas Urban markierte per Gegenstoß den 15. Eisenacher Treffer (41.). Kurz zuvor hatte die Trainer-Troika auf der Berliner Bank (Erlingur Richardsson, Bob Hanning, Volker Zerbe) zur grünen Karte gegriffen. Doch die Eisenacher bestimmten zum Erstaunen die Szenerie. Silvio Heinevetter räumte seinen Platz im Füchse-Kasten für Oldie Petr Stochl. Eisenachs Kapitän Daniel Luther fand sich mit Nicolai Hansen, der Rückstand war auf vier Treffer geschrumpft (25:21, 49.). „Wenn wir hier noch besonnener spielen, wackeln die Berliner noch mehr“, sinnierte Velimir Petkovic. Die Hausherren beorderten nach dem 26:22 (51.) alle ihre Stars zurück auf das Parkett, um nicht eine böse Nachweihnachts-Überraschung zu erleben…

Zu Wiederbeginn gleich ganz wichtiges Heimspiel
Jetzt ist erst einmal Punktspielpause. Erholung und Regeneration sind bis zum 08.Januar 2015 angesagt. Dann ruft Velimir Petkovic wieder zum Mannschaftstraining. Am 13.02.2015 steigt zum Auftakt der restlichen Begegnungen das wichtige Heimspiel gegen den TBV Lemgo, einem Team aus dem eingangs erwähnten Sextett!

Statistik
Füchse Berlin:
Heinevetter, Stochl (ab 47.); Wiede (4), Elisson (2), Vukovic (2), Struck, Gojun, Nenadic (11/3), Tönnesen (1), Plaza Jimenz, Weyhrauch (4), Nielsen (4)

ThSV Eisenach:
Verkic, Redwitz (ab 24.); Wöhler (2), Luther (1), Celica (3), Ragnarsson (2), Hruscak, Schliedermann (2), Hansen (3), Urban (5/1), Heinemann, Koloper, Mackovsek (4), Criciotoiu (2), Holzner

Siebenmeter:
Füchse Berlin 3/3 – ThSV Eisenach 2/1

Zeitstrafen:
Füchse Berlin 2 x 2 Min. – ThSV Eisenach 2 x 2 Min.

Schiedsrichter:
Jan Grell/ Raphael Piper

Zuschauer:
9.000 ausverkauft

Th. Levknecht

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