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Packendes Spitzenspiel mit vielerlei Emotionen

ThSV Eisenach II holt 6-Tore-Rückstand auf, trifft zum Ausgleich und kassiert kurz vor der Sirene den Treffer zur 29:30 (14:16) -Niederlage beim SV Hermsdorf • Beide Teams stehen in der Play-Off-Runde

Wo Spitzenspiel drauf stand, war auch Spitzenspiel drin! Der SV Hermsdorf hatte zur Einhaltung der Hygienevorschriften alles bestens organisiert, freundliche ehrenamtliche Helfer setzten die Maßnahmen vorbildlich um, unterstützt durch erwartungsvoll gestimmte Zuschauer, die einen stimmungsvollen Rahmen schufen. Aber auch eine schmackhafte Bratwurst fehlte nicht. Vor dem Anpfiff setzten beide Teams gemeinsam mit den Zuschauern ein klares Zeichen gegen den von Russlands Staatschef Vladimir Putin angezettelten Krieg in der Ukraine, gedachten mit einer Minute des Schweigens der Opfer.

Der Sport soll sich aus der Politik raushalten, doch hier geht es um Krieg und da darf der Sport nicht schweigen, so die klare Botschaft an diesem Abend.

Beide Mannschaften boten beste Handballkost, warteten mit einer fairen Spielweise auf. Von einem „packenden Spiel zweier Teams auf Augenhöhe“ sprach Mario Kühne, der Coach des SV Hermsdorf. Während der Trainingswoche sah er nur wenige seiner Spieler, doch die Haudegen hatten natürlich nicht das Handballspielen verlernt. Das mit Routiniers gespickte Team vom Thüringer Autobahnkreuz hatte das bessere Ende für sich. Auch der inzwischen 38-jährige ehemalige Eisenacher Bundesligaspieler Nick Heinemann kam zu Kurzeinsätzen in der Abwehr und im Angriff. Stets gab es nach nicht regelkonformen Aktionen die versöhnende Geste. Hitzig ging es allerdings in den Zweikämpfen zwischen Julius Brenner (ThSV) und Daniel Zele (Hermsdorf) zu. Die erfahrenen Schiedsrichter Carsten Klich und Lutz Pfefferkorn waren zwei souveräne Leiter. Die 201 zugelassenen Zuschauer sahen hoch spannende 60 Minuten. Das Spitzenspiel wurde erst zwei Sekunden vor dem Ende durch den 9. Treffer des starken Hermsdorfer Rückraumspielers Felix Reis zum 30:29 (16:14) -Endstand entschieden.

SG Suhl/Goldlauter Nutznießer – HSG Werratal muss in die Abstiegsrunde
Die Qualifikation beider Teams für die Play-Off-Runde stand vor dem Anpfiff bereits fest. Aus der Staffel 1 wird die mit zahlreichen ausländischen Spielern bestückte SG Suhl/Goldlauter beide Mannschaften begleiten. Die HSG Werratal, am Nachmittag ihre Pflichtaufgabe mit einem 27:24-Sieg beim HBV Jena II erfüllend, hatte auf einen Eisenacher Sieg gehofft, um noch auf den Play-Off-Zug aufzuspringen. Tom Winner, einer der zahlreichen Ex-Eisenacher im Team aus Breitungen, aus Jena nach Hermsdorf geeilt, hatte vor Ort auf einen Sieg seines Ex-Vereines gehofft. Vergebens. Die HSG Werratal trifft nun in der Abstiegsrunde auf den LSV Ziegelheim, HBV Jena II, SG Motor Arnstadt/Plaue, HSG Saalfeld/Könitz, Post SV Gera, den SV Town & Country Behringen/Sonneborn und den SV Blau-Weiß Goldbach/Hochheim.

ThSV Eisenach II lechzt nach einer Medaille
Der SV Hermsdorf geht mit besten Aussichten auf den Landesmeistertitel in die in zwei Wochen beginnende Play-Off-Runde, für die sich aus der Staffel 2 der HSV Ronneburg, der VfB TM Mühlhausen und – etwas überraschend – der SV Aufbau Altenburg qualifiziert haben.

Wir können mit den Top-Teams der Thüringenliga mithalten. Wir streben nun eine Medaille an. Welche Farbe diese hat, bestimmt meine Mannschaft, erklärt Daniel Hellwig, der Coach des ThSV Eisenach II.

Da die Punkte aus der Hinrunde mitgenommen werden, hat der SV Hermsdorf beste Chancen auf den Landesmeistertitel.

Entscheidung zwei Sekunden vor der Sirene

Es macht Spaß, gegen den ThSV Eisenach II zu spielen. Nach unserer zwischenzeitlichen 6-Tore-Führung agierten wir etwas zu überhastet. Die Eisenacher kamen dann über den Kreis zum Torerfolg und trafen zum Gleichstand. Unseren letzten Angriff haben wir freilich sehr gut ausgespielt und Felix Reiss super abgeschlossen, erklärte ein aufgekratzter Hermsdorfer Kreisspieler Stefan Riedel.

Der 40-Jährige, ein Hermsdorfer Eigengewächs, netzte 5 Bälle ein, fühlt sich in seinem persönlichen Herbst in Sachen Handball immer noch topfit.

Stefan Reiss war der einzige Werfer, den wir noch auf dem Parkett hatten, ergänzte Hermsdorfs Trainer Mario Kühne.

Eisenachs Keeper Aron Büchner, 22 Jahre jünger als Stefan Riedel, sprach von einer unnötigen Niederlage. Nur allzu gern hätte er beim Stand von 29:29 den Ball zwei Sekunden vor der Sirene gehalten, doch Felix Reis wechselte die Wurfecke.

Wir haben fast alles richtig gemacht, sind auf 9 Meter herausgetreten, doch der letztendlich erfolgreiche Wurf spricht für den Hermsdorfer Rückraumspieler, konstatierte Daniel Hellwig. Eigentlich war der letzte Angriffszug so nicht abgesprochen, gab Mario Kühne freimütig zu.

Mit drei in der Schlussphase abgewehrten Bällen hatte Aron Büchner seinen Anteil, dass die Aufholjagd seines Teams nach einem 6-Tore-Rückstand (16:22, 38. Min.) noch zum 28:28 (59., Ole Gastrock-Mey mit seinem 8 Treffer) und zum 29:29 (60., Armend Alaj mit seinem 5. Treffer) führte.

Wir haben im ersten Abschnitt einfach zu viele gute Torchancen ausgelassen, doch es spricht für unsere Moral, dass wir uns immer wieder zurückgekämpft haben, der Punkteteilung ganz nah waren, konstatierte Aron Büchner. Die mangelnde Chancenverwertung im ersten Abschnitt schmeckte auch Daniel Hellwig nicht. Nutzen wir die Hälfte unsere Torchancen, schlagen wir den Titelfavoriten, argumentierte der ThSV-Coach.

Bei Holztreffern hatten seine Schützlinge auch Pech. In Damian Kowalczyk (parierte 16 Bälle) verfügte der SV Hermsdorf über einen starken Rückhalt im Tor. Von einem Torhütervorteil für sein Team wollte Mario Kühne aber nicht sprechen. Für das Eisenacher Torhüterduo Aron Büchner und Maximilian Steppan, wechselweise im Kasten, wurden zusammen 14 Paraden notiert.

Wir haben nach dem Eisenacher Ausgleichstreffer geduldig gespielt, uns unsere Erfahrung zunutze gemacht, resümierte Mario Kühne.

Der Altersdurchschnitt seiner Crew liegt bei 30 Jahren. Sein Kollege Daniel Hellwig sieht die positive Entwicklung seines jungen Teams (Durchschnittsalter 23 Jahre) seit seiner Amtsübernahme im Sommer des Vorjahres bestätigt.

Die Jungs glauben an sich, auch bei jeder Trainingseinheit. Wie sie den 6-Tore-Rückstand in der Halle des Top-Favoriten auf den Landesmeistertitel wettgemacht haben, spricht für sich, so der 41-Jährige.

Julius Brenner scheute keinen Zweikampf und zog selbst beherzt ab
Die Eisenacher setzten – wie erwartet – überwiegend auf ihre Stammformation, mit Ardit Ukaj auf Links- und Armend Alaj auf Rechtsaußen, Kapitän Qendrim Alaj (mit 29 Jahren der Senior der Feldspieler), Ole Gastrock-Mey und Julius Brenner im Rückraum, Patrick Cuturic am Kreis sowie im Wechsel Aron Büchner und Maximilian Steppan im Tor. Die Hausherren, mit Felix Reis, Paul Götze und Daniel Zele im Rückraum beginnend, schlossen zunächst konsequent ab, die Gäste von der Wartburg starteten unkonzentriert. Armend Alaj donnerte das Leder nach einem Gegenstoß an den Hermsdorfer Kasten (6.), Marvin Schreck traf wenig später zum 4:1 (8.) und Daniel Zele zum 6:2 (10.) für den SV Hermsdorf. Eisenachs junger Rückraumspieler Julius Brenner setzte wichtige Zweikampfsignale, markierte drei Treffer mit unterschiedlichen Wurfvarianten. Armend Alaj traf per Konter zum 7:7 (16.). Eisenachs Deckungs-Innenblock mit Patrick Cuturic und Ole Gastrock-Mey war gefordert. Nachdem Ardit Ukaj das Leder nicht am Hermsdorfer Keeper vorbeibrachte, netzte Hermsdorfs Oldie Stefan Riedel im Nachwurf zum 10:7 ein (18.). ThSV-Coach Daniel Hellwig sah Redebedarf und rief seine Schützlinge mittels grüner Karte zusammen. Qendrim Alaj lochte zum 10:10 ein (19.). Doch die Eisenacher sündigten weiter in der Chancenverwertung. Hellwach in der Rückwärtsbewegung und konzentriert beim Torwurf versenkten die Hausherren zum 15:10 (25.). Ihr Keeper Damian Kowalczyk glänzte als erster Angreifer, fütterte seine sprintenden Kollegen mit präzisen Steilpässen. Die Eisenacher besetzten ihre Außenpositionen mit Florian Müller und Jonas Hennig bis zum Seitenwechsel neu. Ole Gastrock-Mey und Julius Brenner verkürzten bis zur Pause auf zwei Treffer (16:14).

ThSV Eisenach II vermochte das Momentum im Finish nicht zu nutzen
Die Hermsdorfer versuchten mit Wechseln die Kräfte einzuteilen. Felix Reis dirigierte und traf selbst, Hannes Rudolph schloss die Konter ab, wie beim 22:16 (38.). In Unterzahl netzten die Hausherren ein. Nach Foulspiel am davoneilenden Ardit Ukaj scheiterte Qendrim Alaj am Hermsdorfer Schlussmann (40.). Doch der Eisenacher Kapitän ließ sich davon nicht schocken, trieb auch akustisch seine Mannschaft immer wieder an, versenkte später zwei Strafwürfe wieder sicher. Keeper Maximilian Steppan bekam den einen oder anderen Ball vor der Linie zu fassen. Beim 25:23 durch Julius Brenner waren die Eisenacher wieder auf Tuchfühlung, für Hermsdorfs Daniel Zele nach der 3. Zeitstrafe die Partie vorzeitig beendet. Qendrim Alaj erspähte die Lücke zum Anschlusstreffer (27:26, 56.). Das Momentum lag nun auf Seiten der Gäste aus der Werner-Aßmann-Halle. Eine Gastrock-Mey-Fackel zappelte zum 28:28 im Hermsdorfer Gehäuse. Die 59. Minute hatte gerade begonnen. Felix Reis zog unwiderstehlich zum 29:28 ab. Mit purer Willenskraft besorgte Armend Alaj den 29:29-Ausgleich. Noch waren 36 Sekunden zu spielen. Mario Kühne legte 14 Sekunden vor Ultimo die grüne Karte. Felix Reis setzte dann alle seine Qualitäten zum Siegtreffer ein.

Statistik
SV Hermsdorf: Kowalczyk, Zehmisch; Rudolph (7/1), Schreck (3), Reis (9), Götze (2), Schreiber, Riedel (5), Hammer, Heilwagen, Zele (4) Högl, Grau, Heinemann
ThSV Eisenach: Büchner, Steppan; Gastock-Mey (8), Brenner (6), Schnell, Cuturic (3). Meyer, Müller, Schlotzhauer, Ukaj (1), Hennig, A. Alaj (6), Q. Alaj (5/3)
Siebenmeter: Hermsdorf 1/2 – ThSV II 3/4
Zeitstrafen: Hermsdorf 7 x 2 Min. (Rot Zele n. 3. ZS, 50.) – ThSV II 3 x 2 Min.
Schiedsrichter: Klich/Pfefferkorn
Zuschauer: 201

Th. Levknecht

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