„Rückraum Mitte ist die perfekte Position für mich.“
Der Schweizer Felix Aellen ist der neue Chef des Eisenacher Angriffsspieles
„Trotz seiner jungen Jahre ist Felix Aellen ein besonderer Führungsspieler mit der Gabe, Vorgaben und Punkte des Trainers umzusetzen. Er ist ein unfassbarer Teamplayer, der alle mit einbezieht. Er verfügt über ein sehr großes Potential, das uns von ihm noch viel erwarten lässt“, erklärt ThSV-Geschäftsführer Rene Witte bei der Vorstellung des Schweizer im Sommer. Der Rückraum-Mitte Spieler, am 11.10.2003 im Kanton Bern geboren, aufgewachsen in Münsingen, wechselte vom BSV Bern zum ThSV Eisenach. Im März 2023 gab er sein Debüt für die Schweizer Nationalmannschaft. Bei der Weltmeisterschaft 2025 markierte er in 6 Spielen 18 Treffer, erreichte mit der Auswahl der Schweiz den 11. Platz.
Wir sprachen vor dem Punktspiel des ThSV Eisenach bei den Füchsen Berlin mit dem 1,87 Meter großen ledigen, aber liierten Felix Aellen, der nach dem erfolgreichen Abschluss am Gymnasium ein Jura-Studium an der Fernuni der Schweiz aufgenommen hat.
Wann haben Sie mit dem Handball begonnen?
In unserer Schule wurden mehrere Sportkurse angeboten. Ich habe Tennis gespielt, stand auch lange Zeit auf der Judo-Matte, begann mit 7 Jahren auch beim Schulkurs Handball. Ab dem Alter von 10 Jahren war ich dann beim HBC Münsingen am Ball, trainierte ab dem 13. Lebensjahr zusätzlich beim BSV Bern mit.
Wie ging es dann weiter?
Ich war für alle Junioren-Mannschaften, U 15, U 17 und U 19, für den BSV Bern am Ball. Per Doppelspielrecht spielte ich dann beim TV Solothum in der Nationalliga B, ab 18 dann fest in der 1. Mannschaft des BSV Bern. Im Jahr 2023 wurde ich als „Bester Nachwuchsspieler U 21“ mit dem „Swiss Handball-Award“ während einer Festveranstaltung ausgezeichnet.
Welche Spielpositionen übernahmen Sie?
Ich landete gleich auf Rückraum-Mitte.
Wie interpretieren Sie diese Position?
Ich mag, Verantwortung zu übernehmen, dem Spiel meinen Stempel aufzudrücken. Rückraum Mitte ist die perfekte Position für mich. Die Aufgabenstellung besteht aus einer Kombination: die Spieler rechts und links neben mir einzusetzen, aber auch selbst Torgefahr auszustrahlen. Das richtige Maß zu finden, ist das Schwierigste. An persönlich schlechten Tagen heißt es, mehr für die Mitspieler zu arbeiten. Das Abwägen macht dich zu einem wertvollen Spieler.
Welcher Rückraum-Mitte Spieler fasziniert Sie, ist vielleicht sogar Ihr Vorbild?
Da gibt es keinen Speziellen. Ich picke mir von mehreren starken Rückraum-Mitte-Spielern was raus. Nicht alles passt zu mir. Na klar, da ist Andy Schmidt, langjähriger Bundesligaspieler und der Nationalmannschaft der Schweiz, jetzt deren Trainer, zu nennen. Was das Spiel mit dem Kreis, die Spielsteuerung betrifft, ist er das Non plus ultra, kann ich sehr viel von ihm lernen. Von den Magdeburgern Gisli Kristjansson und Felix Claar, insbesondere deren Eins gegen Eins, kann ich mir viel abschauen. Momentan überaus interessant die Spielweise von Elias Ellefsen a Skipagöthu vom THW Kiel. Dieser hat als noch junger Spieler einen großen Schritt vollzogen, übernimmt bei einem Top-Team die Spielsteuerung.
Welche Erfolge stehen auf Ihrer sportlichen Vita?
In der Jugend habe ich nie was gewonnen. Einmal standen wir im Pokalfinale. Der erste richtige Erfolg war für mich letztes Jahr die Vizemeisterschaft mit Bern. Wir präsentierten uns auf Augenhöhe mit Schaffhausen. Das war für uns alle im Team eine Genugtuung, dieser Schritt nach vorn, raus aus dem Trott der vergangenen Jahre.
Die WM mit Ihnen liegt nicht weit zurück?
Die WM-Teilnahme war für mich ein riesiges Erlebnis! Nach der im Vorfeld zugezogenen Verletzung von Manuel Zehnder übernahm ich ganz viel Verantwortung. Wir hatten nur zwei Rückraum-Mitte-Spieler dabei. Bei mir lag also viel Verantwortung. Die Endplatzierung mit Rang 11, für uns alle ein Mega-Erlebnis.
Im Sommer der Wechsel zum ThSV Eisenach. Warum ThSV Eisenach? Spielte bei den ersten Gesprächen Trainer Misha Kaufmann eine Rolle oder Ihre Landsleute Timothy Reichmuth und Gian Attenhofer im Team?
Die Gespräche fanden erst später statt. Misha Kaufmann spielte dabei keine Rolle. Es stellte sich schnell heraus, dass der ThSV Eisenach die richtige Station für meinen nächsten Schritt ist. Als junger Spieler übernehme ich in einer jungen Mannschaft viel Verantwortung. Ich bin Teil einer coolen Truppe, die täglich besser werden will, extrem intensiv arbeitet und zugleich extrem viel Spaß hat und sich gegenseitig fordert. Das im Team zwei Landsleute stehen, ist ein cooler Bonus, war für mein Engagement in Eisenach nur ein kleiner Faktor.
Was unterscheidet den Handball in Deutschlands 1. Liga von dem in der 1. Liga der Schweiz?
Die Breite der Qualität. Um eine Chance auf Punkte zu haben, ist stets ein Top-Niveau erforderlich. Aufgrund der geografischen Lage ist der Zeitaufwand für Auswärtsfahrten in Deutschland größer. Die Hallen und das Zuschauerinteresse sind in Deutschland wesentlich größer. Jedes Bundesligaspiel in Deutschland ist ein Event. Richtige Fans lassen das Feuer für ihre Mannschaft lodern. Das ist schon beeindruckend.
Sind die Trainingsabläufe beim ThSV Eisenach andere als bei Ihrem vorherigen Verein?
Der Unterschied begründet sich schon darin, dass beim ThSV Eisenach alle Profis sind. Morgen-Trainingseinheiten sind in der Schweiz nicht möglich. Als Profi konzentriert man sich beim ThSV Eisenach zu 100 Prozent auf Handball. Spontane Zeitänderungen im Trainingsplan sind dadurch auch möglich. Die Erwartungshaltung von Seiten des Vereins ist entsprechend hoch.
Beim ThSV Eisenach spielen Sie in einer Mannschaft mit vielen jungen Spielern. Ein Vorteil für Sie als junger Spieler?
Die Teamzusammenstellung passt. Wir pushen uns täglich. Nur so wird man besser.
„Felix Aellen wird mit seinen individuellen handballerischen und Führungsqualitäten eine große Rolle spielen“, erklärte Maik Nowak, der Sportliche Leiter des ThSV Eisenach, vor Saisonbeginn. Sind Sie in die Ihnen zugedachte Führungsrolle geschlüpft?
Das kann man erst nach Ablauf einer ganzen Saison sagen. Jedes Spiel bringt in dieser Liga was Neues. Wir nehmen aus jedem Spiel was Neues mit. Keine Routine und auch keine Komfortzone! Ich bin dabei, meine neue Rolle zu finden, übernehme die mir zugedachte Verantwortung.
Wo sehen Sie Ihre Stärken, wo noch Nachholbedarf?
Ich kann mit Druck umgehen, übernehme Verantwortung. Reserven sehe ich in der Detailarbeit, im individuellen Eins gegen Eins, Situationen vorbereiten. Das ist noch ausbaufähig. Potential ist jedenfalls da.
Sind Sie ein ruhiger oder ein temperamentvoller Typ?
Ein Mix aus beidem. Neben dem Spielfeld bin ich eher der ruhige Typ. Auf dem Spielfeld, sicher auch je nach Situation, temperamentvoll, um die Mitspieler zu pushen. In unserer Halle werden wir ja alle von außen kräftig aufgeheizt!
Wie bewerten Sie den Saisonstart des ThSV Eisenach in der 1. Handballbundesliga? Was ist gut, wo bestehen die meisten Reserven?
Zwei Siege aus den ersten fünf Spielen stehen in der Wertung. Diese beiden Spiele wollten wir auch unbedingt gewinnen. Für den Ligaerhalt, unserem Ziel, waren dies zwei Pflichtsiege. In zwei der anderen drei Spiele waren wir nah an Punkten dran, uns fehlte der Killerinstinkt, um dann auch tatsächlich zu punkten. Schade, aber zugleich sehr lehrreich. Der Sieg über Wetzlar verlieh uns wichtige Impulse.
Was ist mit dem ThSV Eisenach in dieser Saison möglich?
Unser oberstes Ziel ist der Klassenerhalt. Na klar, wir wollen so weit wie möglich in der Tabelle klettern. Für uns gilt, täglich alles dafür zu tun, damit unser Spiel besser wird, jeder einzelne von uns besser wird.
Wie sehen Sie Ihre weitere Karriere in der Nationalmannschaft der Schweiz?
Im Herbst steht ein Lehrgang einschließlich Testspiele gegen Kroatien an. Im Januar 2026 folgt die EM. Da möchte ich natürlich dabei sein, an meine Leistung von der WM anknüpfen.
Wie kommen Sie mit dem Milieu einer thüringischen Kleinstadt zurecht? Sie kommen aus dem über 130.000 Einwohner zählenden Bern…
So viele Möglichkeiten neben dem Handball gibt es in Eisenach nicht. In dem Städtchen scheinen zudem überwiegend ältere als junge Leute zu leben. Junge Menschen sind, auch wenn wir eine Duale Hochschule in Eisenach haben, zum Studium in Erfurt, Leipzig und Frankfurt – kommen dann aber hoffentlich wieder zurück. Die Stadt gefällt mir, weist eine sehr schöne Altstadt, ähnlich wie in Bern, auf. Natürlich alles etwas kleiner. Aber es gefällt mir und ich fühle mich wohl. Auf der Wartburg war ich natürlich schon. Aber es gibt ja noch reichlich andere Sehenswürdigkeiten.
Wer ist Ihr Zimmerpartner bei Übernachtungen zu Auswärtsspielen?
Vincent Büchner. Seit dem Trainingslager ist das mein Zimmerkollege.
Ihr Lieblingsessen?
Asiatische Gerichte, die ich selbst koche. Aus wenig kam man viel machen, kombinieren, ohne großen Zeitaufwand. Überhaupt, ich stehe internationalen Gerichten offen gegenüber. Ich habe aber auch schon Thüringer Klöße mit Ente gekocht. Und Bratwürste habe ich mir gekauft und selbst gebraten.
Welche Musik hören Sie gern?
Das kommt auf die Stimmungslage, die eigene Gefühlswelt an. Mal was Ruhiges, mal Klänge, die einen pushen.
Welche Freizeitinteressen, welche Hobbys pflegen Sie?
Ich investiere Zeit in mein Studium. Wenn meine Freundin da ist, unternehmen wir vieles gemeinsam. Auch Museumsbesuche. Das Automobilbaumuseum steht auf meiner Liste ganz oben. Die lange Automobilbaugeschichte in Eisenach interessiert mich. Ich habe mir eine coole Kaffeemaschine gekauft, mit der ich für mich selber experimentiere.
Was möchten Sie mal über sich lesen?
Ich stehe ja noch ziemlich am Anfang meiner Karriere. Am Ende wäre so eine Rückschau, was in den Jahren so alles passiert ist, was man erlebt hat, sicherlich interessant.
Felix Aellen, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.
Th. Levknecht
