ThSV Eisenach entzaubert den THW Kiel
„Magier“ Matija Spikic und eine bärenstarke Abwehr legen den Grundstein zum 27:27 gegen den deutschen Rekordmeister
Der Thüringer Handballtempel, mit 2.850 Zuschauern rappelvoll, stand Kopf. Der ThSV Eisenach knöpfte dem deutschen Rekordmeister THW Kiel beim 27:27 (12:14) einen Zähler ab. „Getragen von einer unfassbaren Stimmung, die zu einer Super-Energie verhalf, haben wir uns mit einem Punkt belohnt. Eine leidenschaftliche auftrumpfende stabile Abwehr mit einem überragenden Matija Spikic im Tor bildete den Kern, aus dem haben wir Selbstvertrauen für den Angriff geschöpft“, strahlte Eisenachs Spielgestalter Felix Aellen nach der Partie. Happy natürlich auch Sebastian Hinze, der Coach des ThSV Eisenach.
Der THW Kiel war am Mittwoch, am Morgen nach dem 33:25-Erfolg in der European-League bei Ostrovia Ostrov, aus Zentralpolen direkt nach Eisenach aufgebrochen, hatte in der Wartburgstadt Quartier bezogen. Er absolvierte drei Trainingseinheiten in der Werner-Aßmann-Halle. Während dieser erahnte wohl keiner im Lager des Rekordmeisters, auf welche Energie der Eisenacher Mannschaft und der Eisenacher Zuschauer er am Freitagabend treffen würde. „Unsere Halle, unsere Fans sind was ganz Besonderes“, hatte Eisenachs Moritz Ende schon im Vorfeld betont. Der mit Weltstars gespickte THW Kiel war zutiefst beeindruckt.
„Zuhause ist für uns alles möglich. Wir haben gezeigt, hier können wir auch einer nationalen und internationalen Top-Mannschaft einen Zähler abknöpfen. Wir haben bis zur letzten Sekunde gefightet und uns auch belohnt. Überragend, unser Keeper Matija Spikic. Im Angriff haben wir überwiegend diszipliniert gespielt und unseren 11. Pluspunkt eingefahren“, bilanzierte ThSV-Kapitän Peter Walz. Matija Spikic, der „Magier“ im Eisenacher Kasten, parierte 16 Bälle aus allen Positionen, was einer Fangquote von 37 Prozent entsprach. Das namhafte Torwartduo auf der Gegenseite, Andreas Wolff und Gonzalo Perez de Vargas, kamen zusammen auf gerade einmal 6 abgewehrte Bälle (Fangquote 18 Prozent). Die Eisenacher mussten auf den grippekranken Tillman Leu verzichten. Philipp Meyer, Justin Kurch und auch Peter Walz bildeten den Innenblock. Eisenachs Defensive kochte den THW Kiel ab, der nur auf eine Wurfquote von 55 Prozent kam. Die der Wartburgstädter betrug 73 Prozent. „Wir hatten eine unfassbar schlechte Wurfquote“, räumte Filip Jicha, der Coach des THW Kiel ein. Routinier Domagoj Duvnajk fand keiner Erklärung dafür. Mit ihrer leidenschaftlichen Abwehrarbeit kompensierten die Wartburgstädter auch ihre 16 technischen Fehler. Die Statistik wies für den THW Kiel derer nur 6 auf. „Im Angriff sind wir in den entscheidenden Situationen cool geblieben. Es gab eine Phase, in der uns zu viele technische Fehler unterlaufen sind, doch wir haben uns wieder aufgerappelt, zum Schluss ein verdientes Remis verbucht. Wir haben gegen ein absolutes Top-Team gepunktet, und das macht uns alle stolz“, erklärte Eisenachs rechter Rückraumspieler Stephan Seitz. Seinem Team gelangen Ballgewinne, die zu Treffern ins leere Kieler Gehäuse führten (Meyer, Büchner). Der THW Kiel setzte vielfach auf das 7 gegen 6.
Elias Ellefsen á Skipagøtu. Kiels Zauberer ist in der Daikin Handball-Bundesliga oft in aller Munde gewesen. Doch nicht der spielstarke Färinger kratzte am Freitagabend seinen Namen auf den Belag der Werner-Aßmann-Halle. Der ThSV Eisenach nahm dem Spielmacher des THW Kiel seinen Zauber und dem 23-maligen deutschen Meister gleich mit. Für Elias Ellefsen á Skipagøtu wies die Statistik 6 Treffer aus 12 Versuchen auf. Eric Johansson benötigte für seine 3 Treffer 11 Versuche. Deutlich besser Lukas Zerbe, 7 Treffer aus 8 Versuchen. In der 45. Minute, der THW Kiel lag mit drei Treffern hinten, ergriff Routinier Domagoj Duvnjak die Initiative. Der Kieler Kapitän sorgte für Ordnung im Angriffsspiel, übernahm die Führung der offensiven Abwehrreihe und traf auch selbst. Aus dem 21:18 (45.) wurde ein 24:26 (54.)
Nervenschlacht pur
„Wir haben auch diesen Rückstand weggesteckt und uns zurückgekämpft“, betonte Eisenachs Geschäftsführer Rene Witte. Ein Zuspiel von Felix Aellen verwertete Kapitän Peter Walz per „Monstertreffer“ zum 25:26 (55.). Eisenachs Abwehr stibitzte das Leder, Justin Kurch markierte per Tempogegenstoß das 26:26 (55.). Schon lange hielt es keinen mehr auf den Plätzen. Die Gäste provozierten clever ein Stürmerfoul. Domagoj Duvniak traf zum 26:27 (58.). Eisenachs Philipp Meyer setzte zu seiner Spezialität, Wurf aus der eigenen Hälfte ins leere Tor auf der Gegenseite an, doch das Leder landete dieses Mal nicht im Netz. Den favorisierten Gästen bot sich die Chance, den Doppelpunktgewinn einzutüten. Doch Eisenachs Vincent Büchner bewies seine Steal-Qualitäten, sprintete in ein Duvnjak-Abspiel und vollendete per Gegenstoß mit seinem 5. Treffer (aus 5 Versuchen) zum 27:27. Da waren noch über 100 Sekunden zu spielen. Ganz viel Zeit im Handball dieser Tage. Filip Jicha rief sein Team zur Auszeit. Matija Spikic parierte gegen Domagoj Duvnjak. Nun rief ThSV-Coach Sebastian Hinze seine Mannen zusammen. Die Hallenuhr zeigte noch 21 Sekunden an. Die Eisenacher konnten das Leder nicht kontrollieren, die Kieler kamen nochmals in Ballbesitz. Matija Spikic parierte den Notwurf von Domagoj Duvnjak, hielt den Punkt fest. Das Team und die Fans des ThSV Eisenach jubelten ausgelassen. Gemeinsam hatte man erneut für einen Paukenschlag gesorgt. Bedeppert, aufgrund eines vielleicht folgenschweren Punktverlustes, verließen die Kieler das Parkett.
Vukasin Antonijevic mit beherzten Aktionen
Der Auftakt ging an den Favoriten (2:5/9.), der auf die verletzten Emil Madsen (Knorpelschaden Knie), Hendrik Pekeler (Achillessehnenriss) und Nikola Bilyk (Adduktoren) verzichten musste. Die Gäste profitierten von einer doppelten Überzahl. Die beiden Zeitstrafen gegen Felix Aellen und Justin Kurch ließen die Volksseele auf den Rängen kochen. Spielzüge zu Linksaußen brachten hernach drei Treffer durch Vincent Büchner zum 5:6 (12.). Moritz Ende glich von Rechtsaußen zum 6:6 aus (13.). Matija Spikic parierte mehrfach, sendete wichtige Signale an seine Vorderleute – und hinauf zu den Rängen. Nach Regelwidrigkeit an Stepan Seitz verwandelte Felix Aellen vom Siebenmeter-Strich zum 7:8 (14.). Oskar Joelsson musste wegen eines Krampfes raus. Vukasin Antonijevic kam und war sofort auf Betriebstemperatur, versenkte zum 8:7 (16.). Der in Überzahl eingewechselte Alexander Saul legte zu Moritz Ende ab, der von Rechtsaußen zum 10:9 einlochte (20.). Peter Walz erhöhte per Dreher zum 12:10 (24.). Die Gäste wechselten im Tor. Gonzalo Perez de Vargas parierte gleich den ersten Ball, es blieb aber seine einzige Parade bis zur 45. Minute, bis Andreas Wolff zurückkehrte, der allerdings auch keine Hand ans Leder bekam. Die Schlussphase der ersten Halbzeit ging an den THW Kiel, der per 4:0-Tore-Lauf zum 12:14 zur Pause traf.
Auch im zweiten Abschnitt sorgte Vukasin Antonijevic für helle Aufregung in den Reihen der Gäste, er traf zum 18:16 (40.), 20:17 (44.) und 22:20 (48.). Für seine insgesamt 4 Treffer benötigte er exakt die gleiche Anzahl an Versuchen. Dass Felix Aellen einen Siebenmeter über das THW-Gehäuse setzte (41.) steckten die Eisenacher weg. Kurz darauf sorgte Vincent Büchner mit einem Wurf ins leere Gästegehäuse für Jubelstürme. Von Beifall regelrecht überschüttet, Matija Spikic bei seinen Glanzparaden in Serie! Philipp Meyer zirkelte das Leder aus der eigenen Hälfte zum 21:18 ins leere THW-Gehäuse (45.). Die Wartburgstädter merkten, heute geht was gegen den großen THW Kiel. Nach Regelwidrigkeit gegen Vukasin Antonijevic übernahm Felix Aellen, trotz eines zuvor vergebenen Siebenmeters, die Verantwortung vom Strich und verwandelte zum 24:22 (50.). Angetrieben von der ohrenbetäubenden Kulisse ließ sich der ThSV Eisenach auch vom 0:4-Tore-Lauf zum 24:26 (54.) nicht entmutigen und belohnte sich mit dem 11-Saisonpunkt. Im Sommer hatte dies dem neuformierten Team mit neuem Trainer kaum einer zugetraut!
Stimmen aus beiden Lagern
Filip Jicha (Trainer THW Kiel)
Es war wie erwartet eine sehr intensive, körperbetonte Partie. Wir hatten uns speziell darauf vorbereitet. Ich gratuliere Eisenach zum Punkt. Sie haben besser geworfen, wir hatten hingegen eine unfassbar schlechte Wurfquote, lassen 50 Prozent unserer Würfe einfach liegen. Wir waren vorbereitet auf die Hektik. Es stimmt mich traurig, dass wir nicht besser geworfen haben. Ich bin enttäuscht, dass wir unsere Leistung nicht abrufen konnten, einen Punkt haben liegenlassen. Wir haben hundertprozentige Torchancen nicht verwertet, haben uns verunsichern lassen. Durch Stoppfouls wurde unser Spiel immer wieder unterbrochen. Wir wollten eigentlich den Ball schnell weiterlaufen lassen. Defensiv hat unsere offensivere Variante geholfen, aber wir haben vorn den Sack nicht zugemacht. Ich erwarte mehr Verantwortung von meinen Jungs beim Abschluss, denn wenn du nicht triffst, läuft es so wie heute.
Sebastian Hinze (Trainer des ThSV Eisenach)
Wir konnten auf einen überragenden Torwart bauen. Anfangs verwerfen wir zu viel, uns unterlaufen ein paar technische Fehler zu viel. In der zweiten Halbzeit war dann Matija Spikic da. Bei Holztreffern hatten wir auch das Quäntchen Glück. Domagoj Duvnjak hat beim THW überragend gespielt, sowohl offensiv im Sieben-gegen-Sechs als auch in der 3-2-1-Deckung der Kieler. Er hat gute Entscheidungen getroffen. Wir liegen dann auch mit zwei Toren hinten, sind aber wieder zurückgekommen. Ich freue mich riesig über diesen Punktgewinn.
Rene Witte (Geschäftsführer des ThSV Eisenach)
Wir haben eine unfassbare Energie entwickelt. Die Fans haben uns fantastisch unterstützt. Wir haben auch Rückstände weggesteckt, uns zurückgekämpft. Hinter uns liegt personell eine schwierige Woche. Tillman Leu konnte aufgrund einer Grippe nicht mitwirken. Bei Max Beneke reichte es verletzungsbedingt nur zu Kurzeinsätzen. Während der Partie musste Oskar Joelsson wegen eines Krampfes raus, kam dann aber wieder. Nach 25 Jahren gelang uns wieder mal ein Punkt gegen den großen THW Kiel. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für uns alle. Wahrlich ein historischer Punkt.
Peter Walz (Kapitän und Kreisläufer des ThSV Eisenach):
Zuhause ist für uns alles möglich. Wir haben gezeigt, hier können wir auch einer nationalen und internationalen Top-Mannschaft einen Zähler abknöpfen. Wir haben bis zur letzten Sekunde gefightet und uns auch belohnt. Überragend, unser Keeper Matija Spikic. Im Angriff haben wir überwiegend diszipliniert gespielt und unseren 11. Pluspunkt eingefahren.
Domagoj Duvnjak (Kapitän des THW Kiel):
Wir haben uns klarste Chancen herausgespielt, aber nicht das Tor getroffen. Im Sechs-gegen-Sechs haben wir uns schwergetan, im Sieben-gegen-Sechs haben wir immerhin Möglichkeiten herausgespielt, diese dann aber nicht verwandelt. Entweder wir haben über 90 Prozent Angriffseffektivität oder bleiben unter 50 Prozent – das ist schwer zu erklären. Wir waren in der Crunchtime nicht cool genug, leider nicht das erste Mal in dieser Saison. Gerade im letzten Angriff waren wir zu hektisch, irgendwie fehlte immer eine Kleinigkeit. Und wir hatten leider in entscheidenden Situationen auch kein Glück, dass es bei solch einem Spiel braucht. Es tut weh, dass wir nicht gewonnen haben, aber wir müssen daraus lernen. Am Ende ist das Unentschieden dem Spielverlauf entsprechend ok.
Stephan Seitz (rechter Rückraumspieler des ThSV Eisenach):
Matija Spikic war mit 16 Paraden der überragende Mann des Abends. Die Abwehr vor ihm hat bravourös geackert, doch dahinter stand in unserem Tor ein wahrer Teufelskerl. Im Angriff sind wir in den entscheidenden Situationen cool geblieben. Es gab eine Phase, in der uns zu viele technische Fehler unterlaufen sind, doch wir haben uns wieder aufgerappelt, zum Schluss ein verdientes Remis verbucht. Wir haben gegen ein absolutes Top-Team gepunktet, und das macht uns alle stolz.
Felix Aellen (Spielgestalter des ThSV Eisenach):
Ein Punkt gegen den großen THW Kiel, das hätte vor dem Spiel jeder von uns unterschrieben. Getragen von einer unfassbaren Stimmung, die zu einer Super-Energie verhalf, haben wir uns mit einem Punkt belohnt. Eine leidenschaftliche auftrumpfende stabile Abwehr mit einem überragenden Matija Spikic im Tor bildete den Kern, aus dem haben wir Selbstvertrauen für den Angriff geschöpft.
Statistik
ThSV Eisenach: Spikic (16 Paraden), Heinevetter; Joelsson (4), Reichmuth, Beneke, Hangstein, Attenhofer, Walz (2), Ende (2), Aellen (5/3), Meyer (1), Antonijevic (4), Seitz (3), Kurch (1), Büchner (5), Saul
Trainer: Sebastian Hinze
THW Kiel: Wolf (5 Paraden), de Vargas (24.- 45./ 1 Parade); Duvnjak (4), Reinkind (3), Jakobsen (2), Överby, J. Dahmke, Laube (2), Johansson (3), Ankermann, R. Dahmke, Zerbe (7(4), a Skipagötu (6), Imre, Nacinovic
Trainer: Filip Jicha
Siebenmeter:
ThSV Eisenach 3/4 – THW Kiel 4/4
Zeitstrafen:
ThSV Eisenach 4 x 2 Min. – THW Kiel 3 x 2 Min.
Schiedsrichter:
Kauth/Kolb
Zuschauer:
2.850