ThSV Eisenach gratulierte einstigem Erstligatorhüter Rainer Lehmann zum 80. Geburtstag
Sondertrikot überreicht
„Im Motor-Tor stand der Beste“, titelte die DDR-Bezirkszeitung „Das Volk“ einen Bericht über ein Erstliga-Punktspiel zwischen Motor Eisenach und dem SC Magdeburg. Die Männer der BSG Motor Eisenach hatten die drei Tage zuvor im Europapokal erfolgreichen Elbestädter vor nahezu 500 begeisterten Zuschauern, in und von außen a den Fenstern der kleinen Eisenacher Jahnsporthalle, bezwungen. Überragend im Eisenacher Tor: Rainer Lehmann.
Der ehemalige Handballtorhüter von Motor Eisenach feierte am Donnerstag seinen 80. Geburtstag. Zu den Gratulanten gehörten mit ThSV-Geschäftsführer Rene Witte und Christian Grob zwei ehemalige C-Jugend-Spieler von Motor Eisenach, trainiert von Rainer Lehmann, sowie der ehemalige langjährige Pressesprecher des ThSV Eisenach Thomas Levknecht. Zugegen war auch Karsten Lehmann, der Sohn von Rainer Lehmann, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten war, während seiner eigenen Torhüterlaufbahn für den ASK Vorwärts Frankfurt/Oder, Eschwege, Obersuhl, Rotenburg, Melsungen, Aue, Gensungen, ThSV Eisenach (hier gemeinsam mit Frode Scheie und Dragan Jerkovic) und nochmals Aue aktiv war. Natürlich drehte sich nahezu alles im Hause Rainer Lehmann an diesem Nachmittag bei Kaffee und Kuchen um das kleine runde Leder, um Vergangenes, Gegenwärtiges und auch über die zukünftige Entwicklung des ThSV Eisenach, speziell im Nachwuchsbereich. Ein eigens zum Geburtstag angefertigtes aktuelles Bundesliga-Trikot überreichte die ThSV-Abordnung.
Rainer Lehmann, am 16.04.1946 in Pirna geboren, nach einer kurzen Stippvisite beim Fußball im Alter von 13 Jahren von Schulfreunden zum Handball (damals Großfeldhandball) bei Lok Pirna mitgenommen und gleich im Tor landend, nach guten Leistungen in der Bezirksauswahl zum ASK Vorwärts Berlin und zu dessen Stützpunkt nach Straußberg, kam im September 1969 in die Wartburgstadt, stieg beruflich in den Werkzeugbau des Automobilwerkes Eisenach, dem Trägerbetrieb der viele Sektionen und 2.000 Mitglieder umfassenden BSG Motor Eisenach, ein. Der „Jungspund“ hatte es zunächst schwer, sich im Konkurrenzkampf mit dem etliche Jahre älteren Torhüterduo Wolfgang Tondock und Hermann Zöllner zu behaupten. Überhaupt, die älteren gestandenen Spieler, wie Frieder Singwald und Horst Ehrhardt (beide 1958 Deutsche Meister im Feldhandball der DDR), gaben in der Mannschaft um Trainer Horst Schmidt den Ton an. Werner Aßmann, Spielertrainer 1958, wurde noch einmal in das Traineramt zurückgeholt. „Als junge ledige Sportler sind wir schon mal zusammen um die Häuser gezogen“, erinnert sich sein Mannschaftskollege Rainer Osmann, der den nach der Wiedervereigung Deutschlands aus der Sektion Handball der BSG Motor Eisenach gegründeten ThSV Eisenach 1997 als Trainer in die 1. Handballbundesliga führte, später Auswahltrainer der Handball-Männer Österreichs und der DHB-Frauen war. „Wir sind heute noch befreundet, haben regelmäßigen Kontakt. Ich wünsche Leo alles Gute“, erklärt der seit einigen Jahren im Fränkischen lebende Rainer Osmann.
Ab Mitte der 70er Jahre stieg die Leistungskurve bei Motor Eisenach
„Wir waren überwiegend AWE-Angestellte, trainierten Montag bis Freitag jeweils am Nachmittag. Mit Blick, beste BSG-Mannschaft zu werden, bekamen wir die Freistellung zum zusätzlichen zweimaligen Vormittagstraining“, blickt Rainer Lehmann zurück. Mit der Übernahme des Traineramtes durch Hans-Joachim Ursinus zur Saison 1973/74 zog ein neuer sportwissenschaftlich fundierter Wind ein, stiegen die Trainingsanforderungen, zeigte die Leistungskurve der Mannschaft kontinuierlich nach oben. Der als WM-Torschützenkönig nach Zerwürfnissen mit der DDR-Sportführung aus Leipzig zur kleinen BSG Motor Eisenach gekommene Karl-Heinz Rost brachte ganz viel Qualität ein.
Wer waren die gefürchtetsten Werfer auf der Gegenseite? Rainer Lehmann nennt den Magdeburger Kanonier Heinz Flacke, die Leipziger Axel Kählert und Karl-Heinz Rost (später auch in Eisenach), die Rostocker Rainer Ganschow und Wolfgang Böhme, Joachim Steinbach und Georg Rotenburger von Wismut Aue. Wer gehörte zu den Mannschaftskameraden bei Motor Eisenach? Rainer Lehmann nennt stellvertretend Lutz Sinke, Rainer Osmann, Rainer Prill, Jochen Mascher, Edmund Nositschka, Gerhard Wagner, Viktor Eiser und der ganz jung von der Leichtathletik gekommenen Jürgen „Bongo“ Beck. Zu seinen Torhüterkollegen zählten Hermann Zöllner, Volker Jakowanis (aus der eigenen A-Jugend aufgerückt), Roland Kaschel, der aus Leipzig gekommene Peter Witzsche und der aus den eigenen Nachwuchsreihen aufgerückte blutjunge Stefan Scheidt.
Rainer Lehmann nahm 1972 ein Ingenieur-Studium an der Hochschule in Schmalkalden auf. „Arbeit, Training, Punktspiele, Studium, das war eine schwere Zeit“, blickt er zurück. Nach erfolgreichem Abschluss 1977 arbeitete Rainer Lehmann als Technologe in der Arbeitsvorbereitung des VEB Automobilwerkes Eisenach. Im Jahr 1979 beendete er seine aktive Laufbahn, engagierte sich im Anschluss als Übungsleiter bei Motor und dem ThSV Eisenach. Zu seinen Schützlingen zählten sein Sohn Karsten, Stephan Just, Philipp Karbe und Rene Witte.
Rainer Lehmann war auch Bezirksauswahltrainer verschiedener Altersklassen im Nachwuchs. „Mit der Bezirksauswahl AK 12 eroberte ich den DDR-Meister-Titel“, berichtet Rainer Lehmann, seit über 55 Jahren Vereinsmitglied, nicht ohne Stolz.
Besondere Erlebnisse
„In einem um den Klassenerhalt enorm wichtigen Spiel bei ZAB Dessau, einem Dauerkontrahenten in Sachen Ligaverbleib, blutete nach einem Flaschenwurf aus den Zuschauerreihen die Wade unseres Spielers Frieder Singwald. Die Schiedsrichter brachen die Partie ab. ZAB Dessau lag zu diesem Zeitpunkt in Führung. Das anberaumte Wiederholungsspiel in neutraler Halle, in Ronneburg, haben wir dann gewonnen“, erinnert sich Rainer Lehmann, von 1969 bis 1979Torhüter bei Motor Eisenach in der obersten Handball-Liga der DDR, der Oberliga. Diese Liga umfasste gerade einmal 10 Mannschaften, 5 Sportclubs, 5 BSG-Mannschaften, die in Doppelspieltagen, Samstagnachmittag und Sonntagfrüh (heute unvorstellbar) ihre Punktspiele austrugen, Die Halbserien wurden also rasch durchgepeitscht. Zwischen 1969/70 und 1975/76 gab es keine direkten Auf- und Absteiger. Sondern jeweils Relegationsrunden der beiden Erstliga-Letzten auf den Plätzen 9 und 10 und den beiden Staffelsiegern der 2. Liga (der DDR-Liga) in Hin- und Rückspiel. Zwei dieser Mannschaften stiegen auf bzw. blieben im Oberhaus. Dadurch schaffte Motor Eisenach 6-mal den Klassenerhalt. „Ein Entscheidungsspiel in einer dieser Quali-Runden in Halle-Neustadt gegen Chemie Premnitz sah uns erst nach zweimaliger Verlängerung als hauchdünner Sieger. Gerhard Wagner verwandelte per Heber den alles entscheidenden Siebenmeter“, weiß Rainer Lehmann noch heute. „Mein Mitspieler Jochen Mascher hatte mir zuvor extra gesagt, auf keinen Fall einen Heber anzusetzen“, grinst noch heute Gerhard Wagner, der mehrfach in der Saison zu Bundesliga-Heimspielen des ThSV Eisenach anreist. Ale Liebe rostet eben nicht.
In der kleinen engen Jahnsporthalle, einst Pferdestall der Kasernierten Volkspolizei, wurde auch den privilegierten Sportclubs das Fürchten gelehrt. „Alle hatten gehörigen Respekt“, unterstreicht Rainer Lehmann. Viele der Ligakonkurrenten spielten schon in großen Hallen, hatten einen Horror, wenn es in den „Pferdestall“ nach Eisenach ging.
Ausbildungsberater bei der Industrie- und Handelskammer
Rainer Lehmann arbeitete nach der politischen Wende noch bis zum bitteren Aus im Automobilwerk, danach drei Jahre im sich selbständig machenden Werkzeugbau. Anschließend war er bei einem Opel-Zulieferer und im Anschluss als Schichtleiter einer Zeitarbeitsfirma tätig. Als Glücksgriff bezeichnet er das Angebot der Industrie- und Handelskammer, von 2001 bis 2011 als Ausbildungsberater tätig zu sein. Als Partner des TBZ Eisenach arbeitete er (schon als Rentner) noch bis Ende 2016 im Außendienst, ehe er endgültig in den wohlverdienten beruflichen Ruhestand ging.
Leo ist auch noch heute besten informiert
Das aktuelle Handballgeschehen, natürlich vorrangig vom ThSV Eisenach, verfolgt Rainer Lehmann über verschiedene Medien. Wenn es die Gesundheit zulässt, will er demnächst auch mal wieder zu einem Heimspiel in die Werner-Aßmann-Halle kommen. Eine Ehrenkarte liegt dann für ihn bereit.