Anzeige

Gut gemeinte, aber unprofessionelle Hilfe kann Strafverfolgung verhindern

Bildquelle: fotolia: Rafael Ben-Ari

Sexuelle Gewalt in der Familie: Wenn den Betroffenen sexueller Gewalt in der Familie nicht von Dritten geholfen wird, befinden sie sich häufig in einer beinahe ausweglosen Lage. Für betroffene Kinder ist es deshalb besonders wichtig, dass Außenstehende ihre Hinweise und Signale frühzeitig erkennen und angemessen darauf reagieren. In der vor wenigen Wochen von der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs veröffentlichten Studie „Sexuelle Gewalt in der Familie – gesellschaftliche Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche von 1945 bis in die Gegenwart“  sprechen die Autoren deshalb von der gesellschaftlichen Verantwortung bei der Interpretation und der Reaktion auf Hinweise und Warnsignale. Aus der Sicht von Diplom-Psychologin Katrin Gossow von der Rechtspsychologischen Begutachtungsstelle des TÜV Thüringen ist es damit aber nicht getan:

Die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme durch ungeschulte Personen ist nicht ausreichend und kann trotz bester Absichten sogar hinderlich sein, wenn es später um die Strafverfolgung der Täter geht, warnt die Expertin.

Aussagepsychologisch bergen Befragungen von Kindern immer das Risiko einer Verfälschung von Erinnerungen, im Extremfall können sogar Pseudoerinnerungen hervorgerufen werden. Werden die Befragungen nicht professionell von erfahrenen Experten durchgeführt, können selbst kleine Fehler im schlimmsten Fall eine eigentlich gerechtfertigte Anklage oder Verurteilung verhindern. In der Praxis heißt das, dass sich die gesellschaftliche Verantwortung nicht auf das Erkennen von oft subtilen Hinweisen und darauf folgende Befragungen durch Laien beschränken darf. Stattdessen ist es gerade für die Strafverfolgung essenziell, dass betroffene Kinder schnell in Kontakt mit Experten gebracht werden und von diesen professionelle Hilfe erhalten.

Damit sich Kinder auch selbst helfen können, ist die Schulung persönlichkeitsfördernder Kompetenzen bereits ab dem Grundschulalter sinnvoll. Eine positive Persönlichkeitsentwicklung hilft dabei, sich besser gegenüber Eltern abgrenzen und im Fall der Fälle auch aus missbräuchlichen Familiensystemen lösen zu können. Zur Unterstützung dieses wichtigen Prozesses existieren bereits seit einiger Zeit Programme wie „Mein Körper gehört mir“, das ReSi-Förderprogramm und IPSY, die Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Altersgruppen zur Einschätzung unklarer Situationen, dem Aufzeigen von Grenzen und dem Finden von adäquater Hilfe befähigen sollen.

Ein wichtiger unterstützender Schritt könnte die Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz darstellen, um ein gesellschaftliches Umdenken voranzutreiben. Bis dahin sollte aber auf keinen Fall gewartet werden: Schon jetzt müssen die Grundsteine gelegt werden, indem deutlich mehr als bisher in die psychische Gesundheit unserer Kinder investiert wird. Letztlich handelt es sich hierbei um eine langfristige gesellschaftliche Aufgabe, da sich die Vorstellungen von Rollenbildern und Sexualität grundlegend verändern müssen.

 

Anzeige
Anzeige
Top