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Kein ritualer Pflichttermin!

Breites Bündnis gedachte der Befreiung des Außenlagers Emma vor 77 Jahren

Am 11. April 2022 jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald zum 77igsten Mal. Das Datum 11. April ist in Eisenach auch das Datum, an dem traditionell der Opfer von Zwangsarbeit und Inhaftierung im Außenlager Emma Nähe Hötzelsroda gedacht wird. In diesem Jahr gedachte ein breites Bündnis – vom DGB, Stadt Eisenach, SPD, CDU, Die Linke bis zur Evangelische Kirchen und Bündnis gegen Rechts –  der Befreiung, erinnerte an die grausamen Geschehnisse und zog den Faden zur Gegenwart. 

Armin Pöhlmann, Pfarrer der evangelischen Kirchgemeine Eisenach, Nikolai- und Petersbezirk, erinnerte mit einem Bezug auf das Heute: „Wir gedenken heute der Taten, die hier in und um Eisenach geschehen sind. Vor Jahrzehnten. Konzentrationslager-Häftlinge und Kriegsgefangene verschiedener Nationen waren hier, um Hitlers Angriffs- und Vernichtungskrieg gezwungenermaßen zu unterstützen: als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie. Wenn ich in die Berichte und Unterlagen schaue, dann fällt mir die große Zahl von Osteuropäern auf, die vielen Kriegsgefangenen aus der damaligen Sowjetunion: Russen, Ukrainer, Weißrussen. Wie wir alle wissen, ist der Krieg wieder wach geworden in Osteuropa. Völker, die einst gemeinsam Nazi-Deutschland besiegt haben, sind Feinde geworden. Russland hat die Ukraine überfallen und begeht Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Wieder ist die Ukraine ein Schlachtfeld geworden.“  Armin Pöhlmann fuhr fort: „Glauben möchte ich, dass die Wunden der Geschichte schneller heilen können als sie geschlagen werden. Der Krieg im Osten – ist er ein neuer Krieg, oder ist er eine unverheilte Wunde des alten Krieges, die sich wieder entzündet hat und eiternd aufgebrochen ist?“

Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Die Linke) betonte, dass dieses Gedenken kein ritualer Pflichttermin ist. Das Geschehen von damals habe eine unglaubliche aktuelle Präsenz. Der Schrecken von damals müsse der jungen Generation vor Augen gehalten werden, damit sich derartiges nicht wiederhole. Für die SPD sprach die örtliche Bundestagsabgeordnete Tina Rudolph. Auch sie verband das Geschehen vor 77 Jahren und dem Heute, sprach das „mangelnde Unrechtsbewusstsein der Bürger damals“ an. „Ich hoffe, wenn wir uns in einem Jahr hier wieder treffen, gibt es keinen Krieg in der Ukraine oder auch anderswo“, so die junge SPD-Bundestagsabgeordnete. Michael Lemm vom DGB, noch berührt von der Gedenkveranstaltung am Vortag auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, forderte – angesichts immer weniger werdender Augenzeugen – das Wachhalten der grausamen Geschehnisse als Warnung für das Heute. Christoph Ihling ergriff für die CDU Eisenach das Wort, dankte dem breiten Bündnis und den vielen erschienenen Bürgern. Für das Bündnis gegen Rechts sprach Jörg Rompf. 

Am Gedenkstein wurden mehrere Blumengebinde niedergelegt. 

In Eisenach wird am 11. April besonders der Opfer des KZ-Außenlagers Emma sowie der Opfer von Zwangsarbeit und Internierung in Eisenach gedacht.  Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden Menschen aus ideologischen oder Gründen der nationalsozialistischen Rassenhygiene verfolgt, verhaftet, gequält und ermordet. Viele Opfer wurden über die Internierung in Konzentrationslagern zur Zwangsarbeit herangezogen, um den Kriegsbedingten Arbeitskräftemangel auszugleichen. Ab 1940 sind in Eisenach große Zahlen Kriegsgefangener dokumentiert. Im Kohlehandel, im Forst, im Gas- und Wasserwerk oder der Friedhofsverwaltung, aber vor allem im BMW Flugmotorenwerk Eisenach wurden tausende Zwangsarbeiter in der Produktion eingesetzt, die in Barackenlagern im gesamten Stadtgebiet untergebracht waren.

Ab April 1944 kamen dazu Häftlinge aus dem KZ Allach und später aus dem KZ Buchenwald, die im Außenlager mit dem Decknamen Emma direkt im Werksgelände des Flugmotorenwerkes am Dürrerhof in einer Fabriketage untergebracht und dort auch eingesetzt wurden. Die durchschnittlich 300 bis 500 Menschen wurden hier von SS-Angehörigen und Luftwaffensoldaten streng bewacht und unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen.

Nach dem letzten Alliierten Luftangriff auf Eisenach wurde das KZ Emma am 16. Februar evakuiert. Alle noch inhaftierten 383 Häftlinge wurden zunächst nach Buchenwald gebracht, wo jedoch für viele ihre Odyssee noch nicht zu Ende war. Viele von ihnen wurden noch weiter in andere Lager geschickt.

Die Gedenk-Stele am ehemaligen Eingang zum Werksgelände auf dem Dürrerhof erinnert seit 2006 an den Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen insbesondere im BMW Flugmotorenwerk. Dank der Eisenacherin Jessica Elsner, die die Ereignisse wissenschaftlich erforscht hat, liegen heute umfangreiche Erkenntnisse zu Zwangsarbeit unter dem Naziregime in und um Eisenach vor.

Th. Levknecht 

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