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Mehr Krankenhausinfektionen während Pandemie in Thüringen

Bildquelle: © beerkoff – stock.adobe.com
Symbolbild

Jedes Jahr infizieren sich bis zu 20.000 Patientinnen und Patienten in Thüringer Krankenhäusern mit Krankenhauskeimen. Bis zu 750 Betroffene sterben an einer solchen sogenannten nosokomialen Infektion. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich diese Situation verschärft. Während der ersten Welle ist die Rate der nosokomialen Infektionen um rund zehn Prozent gestiegen, während der zweiten Welle um 17 Prozent. Übers Jahr entspricht das rund 1.000 zusätzlichen Krankenhausinfektionen im Jahr 2020 in Thüringen. Das geht aus dem aktuellen BARMER Krankenhausreport hervor.

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass die Zahl der Krankenhausinfektionen während der Pandemie und den damit verbundenen strengen Hygienevorschriften zugenommen hat. Doch gerade während der ersten Welle lagen vor allem ältere Menschen auf den Stationen, die deutlich anfälliger für Infektionen sind. Hinzu kommt die hohe Arbeitsbelastung für das Klinikpersonal, dem es besonders in der ersten Welle mitunter auch an Schutzausrüstung mangelte, sagt Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Thüringen.

Hygienestandards während der Pandemie nicht komplett einhaltbar
Die benannten Hygienedefizite in Krankenhäusern seien keine Kritik am Pflegepersonal oder an den Ärztinnen und Ärzten, so Birgit Dziuk weiter. Sie leisteten Enormes, das hätten sie in der Corona-Pandemie erneut unter Beweis gestellt.

Das Krankenhauspersonal war während der Corona-Pandemie offenbar so belastet, dass es die hohen erforderlichen Hygienestandards nicht immer vollständig einhalten konnte. Dabei ist das gerade in Pandemiezeiten ein extrem wichtiger Aspekt, der über Leben und Tod entscheiden kann, sagt Thüringens BARMER-Chefin.

Deutlicher Anstieg der im Krankenhaus erworbenen Infektionen
Wie aus dem BARMER-Report weiter hervorgeht, kam es in den Jahren 2017 bis 2019 durchschnittlich bei 5,6 Prozent aller Krankenhaus-Behandlungen zu einer nosokomialen Infektion. Dies geht aus einer Stichprobe von fünf Millionen stationären Fällen hervor. Demnach stieg dieser Wert unmittelbar zu Beginn der Pandemie auf 6,8 Prozent an, was einem Zuwachs von über 20 Prozent binnen weniger Wochen entspricht.

Dass die Zahl der Krankenhausinfektionen während der Pandemie gestiegen ist, kann neben der veränderten Patientenstruktur und vulnerablen Fällen auch auf die erhöhte Arbeitsbelastung in Kliniken und Personalausfälle zurückgeführt werden, sagt Birgit Dziuk.

Denn auch wenn man die veränderte Patientenstruktur in den Berechnungen gesondert durch Adjustierung berücksichtige, zeige sich weiterhin ein Anstieg des Infektionsgeschehens um fast zehn Prozent in der ersten Pandemiewelle und um mehr als 17 Prozent in der zweiten Welle bis Ende des vergangenen Jahres. Nicht nur aus Sicht der Patientinnen und Patienten müsse alles getan werden, um diese Infektionen zu verhindern. Denn deren Behandlung sei mit jährlich rund 1,5 Milliarden Euro an Zusatzkosten extrem teuer für die Versichertengemeinschaft.

Aktionsplan für mehr Hygiene
Um das Problem der Krankenhausinfektionen in den Griff zu bekommen, fordert die BARMER einen Masterplan für mehr Hygiene, der unter anderem eine intensive Auseinandersetzung mit Klinikhygiene in der pflegerischen und ärztlichen Ausbildung beinhalte. Dieses Wissen müsse im Berufsalltag vertieft und zur täglichen Routine werden. Dazu bedürfe es verlässlicher Verfahren und Strukturen. Teil dessen seien geschulte Hygienefachkräfte, die die Einhaltung von Hygienestandards überwachten und bei Bedarf weiterentwickelten.

In den Krankenhäusern werden zwar Hygienefachkräfte eingesetzt. Akzeptanz und Arbeit dieser Fachkräfte müssen aber im Arbeitsalltag gestärkt werden, damit in Ausnahmesituationen wie einer Pandemie höhere Hygieneanforderungen nicht zu Stresssituationen führen, sagt BARMER-Landeschefin Birgit Dziuk.

Einhaltung von Hygienestandards kontrollieren
Die Einhaltung der Hygienestandards sollte aus Sicht der BARMER nicht nur intern, sondern auch extern durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) stärker als bisher unangekündigt überprüft werden. Auch deshalb sei die angekündigte Stärkung des ÖGD notwendig, und zwar unabhängig von einer Pandemie-Situation.

Wenn Mängel Auslegungssache bleiben und lediglich moniert, aber nicht öffentlich dargestellt werden können, dann bleiben auch Kontrollen zahnlose Tiger. Deshalb muss der Gemeinsame Bundesausschuss mit dem Robert Koch-Institut eine Richtlinie mit verbindlichen Mindestanforderungen an die Struktur- und Prozessqualität zur Anwendung von Hygienemaßnahmen im Krankenhaus erarbeiten, sagt Birgit Dziuk.

Die Einhaltung dieser Mindestanforderungen sollten die Krankenhäuser dann in ihren Qualitätsberichten veröffentlichen müssen.

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