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Zu komplex, um analog sicher zu sein

Bildquelle: © Gina Sanders – Fotolia.com

BARMER-Projekte weisen digitale Wege in der Arzneimitteltherapie

Wer in Thüringen lebt und älter als 40 Jahre ist, erhält binnen zehn Jahren im Schnitt 37 verschiedene Diagnosen, 80 Rezepte und 126 Arzneimittelpackungen. Durchschnittlich 20 Ärztinnen und Ärzten sowie fünf verschiedene Apotheken sind in diesem Zeitraum an der Versorgung beteiligt, hinzu kommen im Schnitt zwei Krankenhausaufenthalte. Das geht aus dem aktuellen Arzneimittelreport der BARMER hervor. Weil diese Komplexität der Versorgung zahlreiche Risiken birgt, fordert die Krankenkasse das konsequente Einbeziehen von Abrechnungsdaten in Behandlungsprozesse und hat dafür digitale Lösungen entwickelt.

Beim Verordnen von Medikamenten sind verschiedenste Informationen relevant, trotzdem stehen sie Ärztinnen und Ärzten nur selten vollständig und ohne Zeitverzögerung zur Verfügung, sagt Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER Thüringen.

Eine wirklich sichere Arzneimitteltherapie könne nur durch digitale Unterstützung gelingen.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck

Es geht nicht darum, fehler- und risikobehaftete Ist-Prozesse digital zu replizieren, sondern ideale Abläufe zu ermöglichen, so die BARMER-Landeschefin weiter.

Digitalisierung sei kein Selbstzweck, sondern müsse einen Beitrag dazu leisten, dass die Ziele der Behandlung besser und sicherer erreicht werden. Wie das gelingen kann, zeigen drei im Arzneimittelreport der BARMER beschriebene Innovationsfondsprojekte. Anhand dieser ist ein Idealprozess der Arzneimitteltherapie entwickelt und implementiert worden, der im Vergleich zur heutigen Regelversorgung mehr Sicherheit für Patientinnen und Patienten bietet und zugleich Arztpraxen und Apotheken die Arbeit erleichtert. Dabei werden Abrechnungsdaten, beispielsweise zur Vorgeschichte und Gesamtmedikation, genutzt, um Verordnungen elektronisch auf vermeidbare Risiken zu prüfen. Zudem werden mögliche Informationsdefizite beim Übergang zwischen ambulanter und stationärer Behandlung vermieden und die Arzneimitteltherapiesicherheit mit Hilfe des elektronischen Rezepts kontinuierlich gewährleistet.

Medikationsplan immer aktuell und verfügbar

Es macht Therapie-Entscheidungen und die pharmazeutische Beratung sicherer und besser, wenn es jeder Arztpraxis und jeder Apotheke stets möglich wäre, Einsicht in einen aktuellen und vollständigen Medikationsplan zu erhalten, sagt Birgit Dziuk.

Jedoch dürfe dabei kein zusätzlicher Aufwand für die Leistungserbringenden oder die Patientinnen und Patienten entstehen. Damit das möglich ist, entwickle die BARMER in einem ihrer Projekte das elektronische Rezept weiter. Darin werden die Daten aus elektronischen Verordnungen zusammengeführt mit Daten, die bei der Abgabe von Medikamenten in der Apotheke entstehen, wodurch automatisiert ein stets aktueller Medikationsplan generiert wird.

 Keine Informationsbrüche bei Krankenhausaufnahme

Wenn ein aktueller Medikationsplan stets verfügbar ist, kann Leben das retten, sagt Birgit Dziuk.

Das gelte insbesondere bei Aufnahme in ein Krankenhaus und bei Notfällen. Bisher sei allerdings nicht gewährleistet, dass notwendige Informationen sicher und ohne Zeitverzug zur Verfügung stehen. Die BARMER erprobe deshalb in einem weiteren Projekt das Vermeiden von Informationsbrüchen zwischen ambulantem und stationärem Sektor.

Alle behandelnden Ärztinnen und Ärzte bekommen die bei der BARMER gespeicherten Abrechnungsdaten zur Verfügung gestellt und erhalten so wichtige Kenntnisse zur Gesundheitshistorie der Patienten, sofern diese ihr Einverständnis gegeben haben. So können notwendige Behandlungen schneller und sicherer veranlasst werden, beschreibt Thüringens BARMER-Chefin das Projekt.

Das Besondere sei die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen arztunterstützenden Krankenhausapothekerinnen und -apothekern sowie den behandelnden Ärztinnen und Ärzten. In Ländern wie Dänemark seien Informationsdefizite zwischen ambulantem und stationärem Sektor durch solche Prozesse bereits erfolgreich beseitigt.

Weniger Todesfälle

Ohne vollständige Kenntnis der aktuellen Medikation und Vorgeschichte der Patientinnen und Patienten wird die Arzneimitteltherapie zu einem unkalkulierbaren Risiko, hält Birgit Dziuk fest.

Dass digitale Lösungen notwendig und sinnvoll sind, wenn sie richtig umgesetzt werden, stehe außer Frage. Den Beweis dafür liefere bereits das dritte Innovationsfondsprojekt der BARMER namens AdAM (Anwendung für ein digital unterstütztes Arzneimitteltherapie-Management).

Mit AdAM wurde erstmals nachgewiesen, dass die Nutzung von Routinedaten der Krankenkasse eine bessere Behandlung von Patienten ermöglicht und sogar Todesfälle vermeiden kann, so die BARMER-Landeschefin.

Durch das strukturierte und automatisierte Nutzbarmachen der behandlungsrelevanten Abrechnungsdaten würden Ärztinnen und Ärzte in ihren Therapie-Entscheidungen und beim Prüfen von Verordnungen auf vermeidbare Risiken elektronisch unterstützt, ohne dass ihnen dabei zusätzlicher Aufwand entsteht.

Politischer Wille und Akzeptanz

Angesichts der Fülle der zu beachtenden Daten immer die bestmögliche Medikamententherapie zu verordnen, ist mit den bisherigen Prozessen der Routineversorgung kaum möglich. Krankenkassendaten sind so offensichtlich nutzenstiftend, dass sie für eine sichere und effektivere Versorgung angewendet werden müssen, sagt Birgit Dziuk abschließend.

Sie wünsche sich in Thüringen eine aktive Diskussion in Politik und Gesundheitswesen, um aus gemeinschaftlicher Überzeugung Fortschritte zu erzielen für die Versorgung der Menschen im Land. Die inhaltliche Komplexität der Arzneimitteltherapie sei nur digital zu beherrschen. Damit das gelingen kann, habe die BARMER einen Idealprozess implementiert. Um diesen in die Regelversorgung zu überführen brauche es neben politischem Willen und Akzeptanz bei Leistungserbringenden auch standardisierte Schnittstellen zwischen Praxis- und Krankenhaussoftware sowie eine Erweiterung der Zweckbestimmung der Abrechnungsdaten der Krankenkasse zur Unterstützung von Behandlungsprozessen.

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